Eigentlich hat ProSieben natürlich alles richtig gemacht. Denn wie beginnt man eine Reportage über die deutsche Bildungsmisere am besten, wenn man möglichst viele Leute erreichen will? Genau: mit Action!

"Eigentlich will ich einen Film über Bildung machen. Aber was macht ProSieben? Schickt mich mit einem Fremden auf ein Hochhausdach!", sagt Linda Zervakis als allererste Sätze in dem Film, der vergangenen Montag zur besten Sendezeit im Programm lief. Und: "Komm zu ProSieben, haben sie gesagt. Da kannst du was erleben." Stimmt ja auch, wenn die Reporterin anschließend in Sneakers und Sweatshirt übers Dach eines Hochhauses abgeseilt wird, um symbolisch das offizielle Pisa-Ranking bis zur Platzierung Deutschlands auf Platz 25 abzulaufen. "Okay, das ist ziemlich weit unten“, stellt sie dort fest, "und das ist ein Problem".

Darauf folgt eine anderthalbstündige Reise von Singapur (Pisa-Platz 1) bis ins baden-württembergische Wutöschingen, wo die staatliche Alemannenschule den klassischen Büffelalltag mit der Individualisierung von Lernprozessen grundlegend auf den Kopf gestellt hat.

Nicht einfach alles abgucken

Es ist eine von Anfang bis Ende sehenswerte Reportage, die der Hamburger Produktionsfirma Nordend Film mit ihrer Protagonistin da gelungen ist. Trotz des reißerischen Titels – "Dumm, dümmer, Deutschland? Raus aus der Bildungskrise!" – benennt sie die Probleme nüchtern: geringe politische Priorisierung, hohe Schulabbruchsquoten, fehlende Chancengleichheit.

Und macht sie für jede:n verständlich, wenn der Leiter der Gelsenkirchener Brennpunktschule den Teufelskreis aus Lehrer:innenmangel und Unterrichtsausfall beschreibt. (Ausgerechnet für die Schüler:innen, die Betreuung am nötigsten hätten!)

Vor allem aber begibt sich Zervakis auf die Suche nach Lösungen, wie es besser ginge. Und erkennt: Nicht alles kann man sich automatisch bei den Pisa-Spitzenreitern anschauen. "Obwohl das beeindruckend ist: Meine Kinder hätte ich trotzdem nicht in so einen Kurs geschickt", bilanziert sie nach dem Besuch einer Krabbel-Lerngruppe in der Privatschule des südostasiatischen Insel- und Stadtstaats, wo die Kleinsten im Zeitraffer lernbetankt werden, um gezielt ihre rechte Hirnhälfte zu aktivieren.

Überschaubarer Marktanteil

Aus dem Abstecher ins estnische Tallinn (Pisa-Platz 1 in Europa) nimmt sie mit, dass kostenlose Kitabetreuung Voraussetzung für mehr Teilhabe statt Auslese sein könnte. (Wobei es fair gewesen wäre, darauf hinzuweisen, dass das bei uns auch Bundesländer wie Berlin schon umsetzen). Bis für Zervakis am Ende feststeht: "Bildung braucht mehr Anerkennung, Bildung darf kein Glücksspiel sein!"

Eine schlüsselfertige Lösung kann die Reportage auch nicht bieten. Aber sie vermittelt auf anschauliche Weise Ansatzpunkte: durch Reisen, Recherche – und Zervakis' Blick auf die eigene Bildungsbiografie: "Ich bin im sozialen Brennpunkt großgeworden. Meine Eltern waren klassische Gastarbeiter aus Griechenland, die haben von früh morgens bis abends gearbeitet. Und wir waren trotzdem arm." Bis ihr die Bildung auf dem Gymnasium den Aufstieg ermöglichte.

350.000 Zuschauer:innen reichten an diesem Abend trotzdem nur für 5,4 Prozent Marktanteil im jungen Publikum – und das ist leider auch ein Problem.

Mal keine Sitcoms runtergenudelt

Denn natürlich ist es begrüßenswert, wenn ein Privatsender wie ProSieben sich dazu entschließt, seine Primetime am Montagabend sieben Wochen am Stück in den Dienst gesellschaftlicher Relevanz zu stellen, anstatt einfach bloß ein paar alte Sitcom-Folgen runterzunudeln.

Auch aufmerksamkeitstechnisch hat der Sender seine Hausaufgaben gemacht und die Strategie aufgegeben, wie in den Vorjahren Einzelstücke unter dem nüchternen Titel "ProSieben Thema" zu zeigen. Stattdessen traten Jenke von Wilmsdorff, Linda Zervakis und Thilo Mischke diesmal im Trio mit personaliserten Reportagetiteln an – mal mit populäreren Themen, die sich ganz gut schlugen, mal mit deutlich schwerer Kost.

Gleichwohl dürfte man in Unterföhring, wenn die Reihe an diesem Montag mit Mischke auf "Dikta-Tour" und dem "Comeback der Autokraten" endet, zwiegespalten auf das Ergebnis blicken. Weil der Sender mit dem Ergebnis natürlich wirtschaftlich nicht zufrieden sein kann. Und sich angesichts eines weiter volatilen Werbemarkts womöglich fragen wird: Wie lange können und wollen wir uns das noch leisten?

Der Image-Gewinn alleine reicht nicht

Die einzig richtige Antwort darauf wäre: So lange wie möglich, bitte! Weil privatwirtschaftlich agierende Sender, wenn sie sich gesellschaftlich relevanten Themen widmen, die Vielfalt der Perspektiven stärken; weil sie Zielgruppen ansprechen, die sich sonst vielleicht nicht erreichen lassen; und weil es sich die öffentlich-rechtliche Konkurrenz nicht allzu gemütlich machen kann, wenn zwischendurch mal jemand anderes zeigt, wie sich Relevanz fernsehjournalistisch auch verpacken lässt.

Mag sein, dass ProSieben mit Zervakis als "Vertretungslehrerin", House Running und dem arg konstruierten Schrottplatzbesuch teilweise etwas zu dick aufgetragen hat. Aber das ist akzeptabel, wenn das Ziel lautet, Leute zu erwischen, die sich auf dem Sendeplatz sonst eher leicht in den Abend hineinentertainen lassen wollen.

Dass sich Relevanz zunehmend allein über den erhofften Image-Gewinn durchsetzen muss, während die zu erwartenden Werbeerlöse stark dagegen sprechen, ist hingegen ein großes Problem.

Eine echte Bereicherung des Angebots

Natürlich könnte man die Sender dazu zwingen, mehr Public Value in ihre Programme zu integrieren. (In der Vergangenheit hat das mit Drittsendezeiten mäßig gut funktioniert.) Oder man ermuntert sie dazu durch gezielte Belohnung!

Wenn uns die Vielfalt der Perspektiven wichtig ist, müssen wir endlich ernsthaft diskutieren, ob und wie wir ProSieben, RTL & Co. darin bestärken können, regelmäßig auch Sendungen zu produzieren, die sich der reinen Marktanteilslogik entziehen. Denn dass das eine Bereicherung sein kann, haben die in der Vergangenheit schon bewiesen: So wie ProSieben mit seinen Reportagen. Oder Vox, das mit seinen preisgekrönten Experimantal-Dokumentation "Zum Schwarzwälder Hirsch" und "Herbstresidenz" zum Glück auch gute Quoten einfahren konnte.

Manchmal läuft's aber auch so wie bei RTL, das im Sommer sein Nachrichtenmagazin "RTL Direkt" beendete, weil es den Audience Flow störte. Moderatorin Pinar Atalay bekam daraufhin zum Ausgleich eine Talksendung, die nun alle zwei Wochen zur Primetime läuft. Aber nur beim Nachrichtensender n-tv, wo dann – wie zuletzt – 40 Minuten Zeit sind, im Einzelgespräch mit Jens Spahn alles von Rentenstreit und Bundeskanzler-Ambition bis zu AfD-Ablehnung und persönlichem Kinderwunsch zu besprechen.

Die heikle Abgabendebatte

Nicht auszudenken, wie viel besser ausbalanciert die Sendung sein könnte, wenn sie alle zwei Wochen im RTL-Hauptprogramm liefe und mit den entsprechenden Ressourcen ausgestattet wäre – als Gegenentwurf zu den Talks von ARD und ZDF. Und ohne dass jemand in Köln am nächsten Tag zuerst auf die Marktanteile schauen muss.

Ich glaube, wir sollten die Programmacher:innen der Privaten dabei unterstützen, sich auch unter schwerer werdenden Bedingungen nicht komplett aus solchen Formaten zurückzuziehen. Erst recht, während der öffentlich-rechtliche Rundfunk als Gegengewicht unter enormem Spar- und Rechtfertigungsdruck steht.

Die naheliegende Variante, privatwirtschaftlich hergestellten Public Value über einen Teil der Rundfunkabgabe querzufinanzieren, dürfte aktuell schwieriger denn je umzusetzen sein. Niemand aus der Politik wird Wähler:innen erklären wollen, warum jetzt auch noch Privatsender von der Abgabe profitieren sollen, die man eigentlich gerne senken würde.

Einen Fonds zu schaffen, in den international agierende Streaming-Dienste und Tech-Konzerne einzahlen müssten, wäre heikel und vermutlich nur unter großen Anstrengungen umsetzbar.

Förderung nach Aufwand und Sendezeit

Aber genau wie in der Bildungspolitik hilft es nicht, die offensichtlichen Probleme weiter zu ignorieren. Was bräuchte es also? Einen Mechanismus, der unbürokratisch, planbar und staatsfern funktioniert – und den man nicht erst in jahrelangen Staatsvertragsverhandlungen durch 16 Länderparlamente boxen muss.

Die Bundesregierung hat gerade demonstriert, dass sie bereit ist, in Medienvielfalt zu investieren: Die Filmförderung wurde von 133 auf 250 Millionen Euro jährlich erhöht. Ein ähnlicher Ansatz für journalistische Primetime-Formate bei Privatsendern – auch mit einem Bruchteil dieser Summe – könnte einen großen Unterschied machen.

Nach dem Vorbild des kanadischen "Independent Local News Fund", der private TV-Stationen bei der Produktion von lokalen Nachrichten unterstützt, ließe sich die Förderung automatisch nach Produktionsaufwand und Sendezeit berechnen – je mehr ein Sender investiert und zeigt, desto mehr bekommt er zurück. Mit einer Deckelung, damit nicht die Großen alleine den Topf leeren. Die Filmförderungsanstalt (FFA) hätte die Infrastruktur, um so etwas zu verwalten, ohne neue Bürokratie aufzubauen.

Inhaltliche Vorgaben bleiben tabu

Rechtlich wäre das nicht trivial – Rundfunk ist schließlich Ländersache. Aber die Filmförderung zeigt, dass der Bund sehr wohl die Produktionswirtschaft fördern kann, ohne in Programminhalte einzugreifen. Ließe sich ein ähnlicher Weg auch für Primetime-Relevanz bei ProSieben, RTL & Co. finden – notfalls über eine Bund-Länder-Kooperation?

Entscheidend wäre: Die Förderung dürfte nicht an inhaltliche Vorgaben geknüpft sein. Die Bundesregierung müsste aushalten, dass Sender mit diesen Mitteln auch Reportagen produzieren, die ihre Politik kritisch hinterfragen. Automatische Vergabe nach klaren Kriterien – keine Jurys, keine politische Einflussnahme.

Es wäre keine Subvention für Beliebiges, sondern die Investition in eine Logik, die gesellschaftlich wünschenswerten Journalismus von Privatsendern nicht nur dann belohnt, wenn er zufällig auch Quote macht. Mit diesem – oder einem völlig anderen Modell.

Denn die Bildungskrise wird vielleicht nicht dadurch gelöst, dass mehr Leute eine Reportage darüber sehen. Aber sie wird dadurch sichtbarer, dass solche Filme überhaupt entstehen können.

Und damit: zurück nach Köln.

"LINDA ZERVAKIS. Dumm, dümmer, Deutschland? Raus aus der Bildungskrise!" läuft bei Joyn; ProSieben zeigt "THILO MISCHKE. Dikta-Tour – das Comeback der Autokraten" am Montag um 20.15 Uhr.