Im Auktionshaus ist "Wer bietet mehr?" eine simple Frage, die darauf abzielt, Herrschaften mit dem nötigen Kleingeld zu identifizieren, um sich einen Gustav Klimt an die Wand zu hängen. Unter deutschen Bewegtbild-Anbietern läuft derzeit allerdings eine andere Art von Auktion: Wer bietet mehr – Kandidat:innen? Und Amazon hat jüngst den Zuschlag bekommen.

Sage und schreibe 160 Kandidat:innen schiebt Prime Video für die erste Staffel seiner neuen Quiz-Gameshow "Yes or No Games" durch ein Würfelstudio mit vier Meter hohen LED-Wänden, um sie dort auf virtuelle Reisen in die Themengebiete der gestellten Fragen zu schicken: durch die menschliche Blutbahn, ins Weltall, ins alte Ägypten oder – auf Ameisengröße geschrumpft – in einen gewöhnlichen Vorgarten.

Huch, alle wollen gewinnen?

"Spektakulär, schnell und völlig anders" soll das sein – und die Kulissen sind tatsächlich außergewöhnlich. Genauso beeindruckend ist aber auch … wie wenig man daraus machen kann.

Wegen des ganzen Gerümpels schafft es "Yes or No Games" in dreißig Minuten gerade mal vier Fragen zu stellen. Währenddessen gibt es haufenweise Totalen einer Kandidat:innengruppe, deren Mitglieder überall hinstarren, nur nicht in die Kamera, während Moderator Steven Gätjen davor wechselnde Fantasieregeln vorliest, wer nach welchem Countdown auf seinem Arm-Display abstimmen darf, um eine Runde weiterzukommen.

Die Sätze ausgewählter Protagonist:innen dazu klingen alle gleich – weil alle (Überraschung!) gewinnen wollen. "Zieht euch warm an, ich werde das Ding hier rocken", erklärt Pflegekraft Timja. Gastronom Volkan beteuert: "Ich möchte hier mit den 100.000 einfach nachhause gehen." Und Pilot Diego empfiehlt sich mit überbordendem Selbstbewusstsein direkt zu Beginn als Antagonist: "Die anderen dürfen natürlich weit kommen, aber am Schluss geh ich als Gewinner."

Team-Zwang, Kapitäne, Cliffhanger

Ab und an wird von denen gejubelt, die den Plural von "Zirkus" wussten haben oder nach einem 3D-Sandsturm erkannt haben, dass der Sarkophag jetzt offen steht, während Tanja-Victoria veranschaulicht: "Wir wussten ja erst gar nicht, was auf uns zukommt."

Dafür aber jetzt umso mehr: eine Show, in der eindeutig der Cube der Star ist, und die Technik-Fetisch über Emotion stellt. Ständig neue Welten, Hinweise sammeln, warten, Team-Zwang, Kapitäne, Cliffhanger und Vanessa, 23, Travel-Influencerin, die gern mal auf die Malediven fliegen würde (macht sie das nicht beruflich???) – bis zum zum Ende ist hier völlig unklar, worum es eigentlich geht. Und weshalb man mitfiebern soll, bevor die nächste Gesichterreihe aus der Übersicht weggelöscht wird.

"Yes or No Games" ist die neueste Ausprägung eines Trends im deutschen Fernsehen, das sich vorgenommen zu haben scheint, mit einer zunehmenden Zahl an Massenformaten für Kandidat:innenvollbeschäftigung zu sorgen.

Überall Verschleißprogramm

In seinem Verschleißprogramm "The 50" hat Prime Video jetzt schon zweimal eine mühsam angeworbene Reality-Parade schneller wieder aussortiert als RTL+ neue Protagonist:innen nachproduziert kriegt.

Im Ersten läuft das Debattenformat "Die 100 – Was Deutschland bewegt" mit vorchoreographierten Pro-Contra-Blöcken, in denen die Teilnehmenden vorrangig als Verschiebemasse gebraucht werden, die buzzern soll, um Blitzargumente loszuwerden.

Und dann ist da ja noch Sat.1, wo man vor vier Jahren schon auf den Massengeschmack kam, als man in der Mitsingshow "All together now" die angeblich "größte und bunteste Jury im deutschen Fernsehen" in fünf hintergrundbeleuchtete Stockwerken übereinander stapelte, was stark an einen müden Abklatsch der über die Balkone tanzenden Puppen aus dem legendären "Muppet Show"-Intro erinnerte. In "99 – Wer schlägt sie alle?" stellt der Sender 100 Kandidat:innen im Lichtkreis auf, um sie nach und nach in Geschicklichkeits- und Sportspielen auszusieben.

Bindungsaufbau unerwünscht

Und dann ist da ja noch "The Floor", wo 100 Schlaue in 100 Themen-Kategorien um 100.000 Euro kämpfen, indem sie sich blitzduellieren, nachdem jede:r seine Pflichtangeberei in die Kamera genudelt hat ("Merkt euch die Mary, denn mit dem Feuer spielt man nicht") und Matthias Opdenhövel Pensionärin Petra noch entlockt, dass sie Puzzle-süchtig ist, bevor sie die nächsten 45 Sekunden nicht übersteht.

Alle glauben gerade: Mehr ist mehr. Und all diese Formate haben – völlig überfrachtet und gleichzeitig maximal durchstandardisiert – dasselbe Problem: Es gibt für das Publikum gar keine Gelegenheit, mit irgendjemandem zu sympathisieren, geschweige denn mitzufiebern, weil die meisten Teilnehmer:innen entweder bloß Standardrollen erfüllen (bunter Vogel, arroganter Depp, attraktives Model, lebensweiser Opi) – oder halt mangels besonderer Merkmale gar nicht erst vorkommen, sondern in der Masse sprichwörtlich untergehen.

Zu jeder alten Diamantbrosche, zu jedem hässlichen Keramikteller aus "Bares für Rares" lässt sich als Zuschauer: in eine innigere Bindung aufbauen als zu diesen Leuten, die schneller wieder weg sind als einer von Horst Lichters Händler:innen "Ich fang dann mal mit 80 Euro an" sagen kann.

Und vielleicht ist es deshalb kein Wunder, dass "Yes or No Games" sich bislang noch nicht als durchschlagender Erfolg entpuppt hat.

Vorsicht, natürlicher Debatten-Sog

Umso erstaunlicher ist die Lust zur Selbstsabotage – ausgerechnet in dem Medium, das eigentlich zwei Dinge besonders gut kann: Intimität schaffen oder Events inszenieren. Die genannten Massenformate versuchen beides gleichzeitig – und scheitern damit doppelt. Vor allem bestätigen sie damit bloß den inhaltlichen Trugschluss, dass diese Massenansammlungen in irgendeiner Form für mehr geeignet wären als reine Aufwandspornografie.

Das mag denen, die vor allem Entertainment simulieren wollen, noch nachzusehen sein. Bei "Die 100" im Ersten ist es hingegen besonders ärgerlich. Weil das Format explizit vorgibt, anderes zu leisten – und Ingo Zamperoni die Unternehmensberaterin, den Gas- und Wasserinstallateur, die Lehrkraft, den Chefarzt, den EDV-Dozenten, den Sekretär, die Studentin, den Juristen, die Schulrätin und die Krankenschwester ja wirklich zu Wort kommen lässt.

Aber halt – wie bei der Dezember-Ausgabe zum Ballaballa-Motto "Ändern, Schnitzel, Minderheitenschutz: Ist Deutschland zu woke?" – auch immer sofort wieder abwürgt, sobald sich die Gruppe in einem natürlichen Sog zu einer Debatte zusammenfindet, um ihre Pros und Contras abzuwägen.

Das "Ende aller Welten"

Wofür aber im Konzept keine Zeit vorgesehen ist, weil gleich die nächste Albernheit ein neues Argument illustrieren soll und Linda Zervakis dafür die "Galerie der Gecancelten" abschreitet, mit Slapstickmusik unterlegt Texte mit genderfreien Neopronomen vorliest oder Ralph Caspers eine überraschende "Arschloch"-Provokation loswird. Nur damit sich nachher alle wieder neu in der Debatte positionieren und nicht diskutieren können, weil gar keine Chance bleibt, sich der anderen Seite anzunähern, oder sogar zu einem gemeinsamen Ergebnis zu kommen. Stattdessen stellt Zamperoni zum Schluss fest: Oha, da stehen jetzt mehr Leute auf der einen Seite als zu Beginn.

Die einzige echte Erkenntnis, die daraus folgt, ist: gesellschaftliche Themen sind vielschichtig – und kein "Yes or No Game".

Bei Prime-Video ist das Ende noch absurder. Wenn nämlich der Cube zum Finale der echten Ja- oder-Nein-Festspiele ausgerechnet eine virtuelle Riesenfernseharena simuliert, in der das gesichtslos computeranimierte Schattenpublikum ebenso frenetisch wie unhörbar durchklatscht, während Steven Gätjen vorne "Das Ende aller Welten" ankündigt und die verbliebenen Kandidat:innen virtuelle "Coins" setzen, die sie vorher nicht mal erspielen mussten, bis am Ende Julian gewinnt, weil er am besten gezockt hat.

Einladung zur Rückbesinnung

Als die Entscheidung feststeht, macht sich Gätjen nicht mal mehr die Mühe, den Gewinner zu fragen, was für ihn die größte Herausforderung war, was er mit dem Geld anstellen wird, wem er vielleicht was davon abgibt (obwohl genau das vorher in der Show schon explizit Thema war!). Stattdessen dreht er sich zur Kamera und sagt: "Das war das Finale der 'Yes or No Games' – ich mach mich jetzt auf die Suche nach neuen Welten. Auf bald!" Sagt's und geht dann noch zügig umarmungsgratulieren, bevor der Abspann läuft.

Die ganze Szene ist eine einzige Einladung an die Zuschauer:innen, die aus unerfindlichen Gründen bis hierhin durchgestreamt haben, sich selbst zu fragen, ob sie eigentlich sonst nichts Besseres zu tun haben.

Und eine Erinnerung an die Branche, dass sich eine Rückbesinnung auf das lohnen könnte, was das Fernsehen eigentlich perfekt beherrscht: einzelnen Menschen eine Bühne zu geben, die gerade groß genug ist, dass man sie darauf auch vom Sofa aus noch sehen kann.

Und damit: zurück nach Köln.

"Yes or No Games" läuft bei Prime Video; die zweite Staffel von "The Floor" ist abrufbar bei Joyn; "Die 100" gibt es in der ARD-Mediathek.