Tierklinik, Polizeistreife und Containerschiff. Baustelle, Landwirtschaft, Kreuzfahrt und Airport. Wer ist der heimliche King of Real Life Entertainment im deutschen Fernsehen? Falsch geraten! Es handelt sich weder um Vox noch Kabel eins, sondern – ums ZDF. Echt jetzt.
Dass man ausgerechnet auf dem Mainzer Lerchenberg zum stillen Marktführer dieser Programmdisziplin aufsteigen könnte, hat bisher erstaunlich wenig Aufmerksamkeit erregt. Was vielleicht daran liegt, dass die dabei entstehenden Inhalte von maximaler Harmlosigkeit sind. Programmstrategisch ist das, was dabei passiert, aber alles andere als harmlos – eher im Gegenteil. Und zwar, weil dem ZDF dabei etwas zu gelingen scheint, was keineswegs selbstverständlich ist – die Kreation von Inhalten, die linear und im Streaming für sehr unterschiedliche Zielgruppen gleichermaßen verwertbar sind.
Und zwar mit alltagsnahen Reihen, die auf zdf.de als eigenständige Mini-Dokuserien funktionieren, und gleichzeitig als werktägliche Rubrik innerhalb des regulären "Mittagsmagazins" Programmstrecke liefern.
Fischbrötchenessen und Feuerlöscherübung
In der vergangenen Woche zum Beispiel: "Das fahrende Klassenzimmer", das sechs Fahrschüler:innen der Verkehrsbetriebe Hamburg-Holstein auf ihrem Weg zum Busführerschein begleitete: Linear direkt nach der "Mima Expedition" zum Welttag der Waschmaschine. Und online unter der eigens eingerichteten URL: busfahrer.zdf.de. (Kein Witz.)
Vom ersten Bordsteinholperer über den Beinahe-Zusammenstoß mit einem unvorsichtigen Radfahrer bei der Nachtfahrt bis zur Fahrprüfung und dem ersten Einsatz im Linienverkehr war die Kamera dabei, um zu sehen, wie Elham, Fabian, Sebi, Niels, Antje und Kemal die verschiedenen Stationen ihrer Ausbildung meistern. Jeden Sendetag knapp 15 Minuten. Und online noch ein bisschen ausführlicher, als vierteilige Reihe ohne jegliches Format-Branding.
Zwischen Teambuilding-Fischbrötchenessen, Feuerlöscherübung und dem "goldwerten" Toilettenschlüssel ("Hütet den wie euren Augapfel!") lag das Spannungsmaximum einer durchschnittlichen Folge ungefähr auf dem Niveau eines schlecht eingeparkten Gelenkbusses. Aber trotzdem guckt man gerne weiter: Weil die Charaktere sympathisch und nachvollziehbar erzählt sind, weil man wirklich jeder und jedem einzelnen den Erfolg gönnt – und man den liebenswert-schnoddrigen Fahrlehrern deren Verbindung zu ihren Schützlingen durchweg abnimmt ("Sie wird auf jeden Fall eine gute Busfahrerin werden, weil sie Herz hat und Leidenschaft").
In die Lücken gequatscht
Im "Mima" quatscht eine Off-Sprecherin erklärend in die Lücken rein, die in der Streaming-Variante einfach so stehen bleiben dürfen. Dazu kommt ein leicht veränderter Zusammenschnitt der Szenen. Zwei Erzählhaltungen, ein Produktionsbudget.
Und das ist kein Sonderfall, sondern das Modell: Seit 2024 lässt das ZDF auf diese Weise Inhalte herstellen, die dann als Real-Life-Tandem die Aufmerksamkeit des Publikums erstrampeln ("Einsatz in der Tierklinik", "Metal Kreuzfahrt – Headbangen auf hoher See", "Frauen bauen! Als Handwerkerin auf der Baustelle" usw.).
Und die, weil sie im Wechsel von verschiedenen Produktionsfirmen und dem ZDF selbst (in Kooperation mit der Redaktion von "Hallo Deutschland") hergestellt werden, auch unterschiedliche Tonalitäten haben.
"Sons of Neukölln" etwa – das nicht ein erstes, geheimgehaltenes HBO Max Original ist, sondern im vergangenen Sommer ebenfalls im "Mima" lief – erzählt den Alltag der deutsch-türkischen Familie um den Berliner Kfz-Sachverständigen und TÜV-Nord-Prüfer Serkan Kaya und seinen als Schadensgutachter arbeitenden Bruder. Beide müssen sich um neue Mitarbeiter:innen für ihren Betrieb in Berlin-Rudow kümmern, wollen eine neue Prüfstelle eröffnen, die richtige Badewannen für das mit den Eltern gemeinsam erbaute Zuhause aussuchen und lassen sich von der Mama und vom Redaktionsteam gleichermaßen triezen, weil die Schwiegertochtererfolge einfordern.
Kein Zufall, sondern Redaktionsprinzip
Hergestellt von ITV Studios geriet das etwas flotter als die Busfahrer-Variante von Berlin Producers – aber auch deswegen, weil das Team den (heiklen) "Vorteil" hatte, dass ihr Hauptprotagonist während der Dreharbeiten so schwer von einer Treppe stürzte, dass sich daraus zwar ein mehrfach eingesetzter Cliffhanger mit Notarzteinsatz deichseln ließ, aber niemand dauerhaft Schaden nahm.
Tatsächlich versprechen beide Reihen permanent mehr Drama als tatsächlich passiert – mit Spannungsmusik, künstlicher Szenen-Nachvertonung und – bei "Sons of Neukölln" – Serkans repetitiv eingesetztem Kamerablick zum Publikum: "Was ich hier aber noch nicht ahne: Ich stehe kurz davor, alles zu verlieren."
Bei aller Mikro-Dramatik ist vor allem auf eines Verlass: Ernsthaft verletzt wird hier niemand – weder körperlich noch in seiner Würde. Und am Ende siegt immer der positive Grundton. Alle Busfahrschüler:innen bestehen die Prüfung. Und Serkans Verletzungen heilen aus, sodass er sich weiter darum kümmern kann, den eigenen Betrieb voranzubringen. Das ist kein Zufall, sondern Redaktionsprinzip – und ein fundamentaler Unterschied zu privaten Dokusoaps, die oftmals von Scheitern und Eskalation leben.
Harmlosigkeit als Feature, nicht Fehler
Vielleicht klappt die Doppelverwertung auch deshalb so gut, weil die Inhalte so niedrigschwellig sind. Linear laufen die Real-Life-Fenster als Mittagsbegleitung. Im Streaming sind sie leichte Doku-Häppchen, die man ohne größere Verpflichtung weggucken kann. Die Harmlosigkeit ist kein Fehler, sondern Feature.
Gleichwohl funktioniert der (neue) Beruf auch als Identitäts- und Aufstiegserzählung: "Ich bin jetzt Busfahrerin und sehr, sehr glücklich!" und "Ich kann immer noch nicht realisieren, dass ich das geschafft habe", sagen die Jobwechsler:innen Elham und Sebi in "Das fahrende Klassenzimmer". Und "Sons of Neukölln" schildert mit Nachdruck, dass es die aus der Türkei nach Deutschland eingewanderten Eltern waren, die durch harte Arbeit und konsequente Förderung ihrer Kinder den Grundstein für den Erfolg der Familie gelegt haben.
Für die Beteiligten ist das eine ideale Win-Win-Situation: Der Sender kriegt doppelt ausspielbaren Content. Die dargestellten Unternehmen bekommen weitgehend unkritische Imagearbeit, für die sie nicht zahlen müssen.
Fortsetzung problemlos möglich
Die VHH werben für den Busfahrer:innen-Quereinstieg, der ein stabiles Gehalt und verlässliche Arbeitszeiten verspricht. Hapag-Lloyd dürfte mit der im Frühjahr 2025 gelaufenen Reihe "On Deck" zahlreiche junge Leute auf die Containerschiff-Ausbildung neugierig gemacht haben, bei der man schweres Gerät steuernd die Welt bereist. Und für die Kayas ist die eigene ZDF-Reihe als Motor zur Teamvergrößerung sicher wertvoller als jeder teure Headhunter-Auftrag.
Viele Reihen sind dabei beliebig fortsetzbar – und genau das macht sie strategisch so interessant. Jeder neue Ausbildungs-Jahrgang – ob nun im Bus, auf dem Schiff oder anderswo – liefert theoretisch neuen Stoff. Und den Kayas aus "Sons of Neukölln" würde man als bodenständigere Kfz-"Gewissens" zweifellos auch noch zwei weitere Staffeln zusehen wollen.
Das ZDF baut sich damit nicht nur Programmstrecke fürs Lineare auf, sondern perspektivisch Marken, die im Streaming auch längere Zeit laufen könnten und Volumen schaffen – mit minimalem Risiko und überschaubaren Kosten. Berufsbildungsfernsehen als Serienmodell.
Die Nettigkeit als Nische
Das ist programmlich clever und ökonomisch nachvollziehbar. Die Frage ist nur, wo die Grenze zwischen Berufsporträt und beitragsfinanziertem Employer Branding verläuft – und ob es in Mainz jemanden gibt, der sich diese Frage überhaupt stellt. Man könnte durchaus argumentieren, dass solche Reihen eine öffentlich-rechtliche Aufgabe erfüllen: Berufswelten abzubilden, ihnen mit Protagonist:innen ein Gesicht zu geben, den vieldiskutierten Fachkräftemangel nicht nur in Nachrichtenbeiträgen und Talkshows zu verhandeln, sondern konkret sichtbar zu machen.
"Sons of Neukölln" erzählt dazu eine deutsch-türkische Familiengeschichte, die in ihrer klischeefreien Undramatik fast ein politisches Statement ist – ohne den üblichen Problemaufriss, dafür als Beispiel einer offensichtlich gelungenen Integrationsgeschichte. (Was in seiner Beiläufigkeit wirkungsvoller sein könnte als jede Einordnung.)
Trotzdem: Auf zdf.de stehen inzwischen so viele Real-Life-Reihen nebeneinander, dass sich die Nettigkeit zur Nische verfestigt. Das Modell funktioniert – aber es funktioniert eben auch deshalb so reibungslos, weil es sich die Wirklichkeit bequem macht. Was wäre, wenn eine dieser Reihen mal eine Busfahrerin begleiten würde, die an der Prüfung scheitert und trotzdem weitererzählt wird? Einen Familienbetrieb, der nicht mehr zu retten ist? Einen Fachkräftemangel, der als systemisches Problem sichtbar wird?
Das journalistische Werkzeug dafür hat man in Mainz ja. Das Ergebnis ließe sich vermutlich nur nicht so praktisch als Gute-Laune-Inhalt doppelverwerten.
Und damit: zurück nach Köln.
"Das fahrende Klassenzimmer" und "Sons of Neukölln" lassen sich auf zdf.de streamen.
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