Das vielleicht interessanteste Medienexperiment des Jahres hat kein aufwändiges Intro, keinen Shiny Floor, keine Live-Band, nichtmal eine bequeme Sitzgruppe für Gäste. Dafür aber das erste Studiodesign, das quasi in die Hosentasche passt: zwei Aufklappscheinwerfer, ein rollbarer Klapptisch, ein Flatscreen, eine Plane mit Ziegelstein/Großstadt-Hintergrund – fertig.

Es sieht gleichzeitig irgendwie vertraut aus. Und funktioniert doch ganz anders als gewohnt, um "Fakten durch Humor und Prominenz zu mehr Reichweite" im Netz zu verhelfen.

"Fun Facts" heißt der Wanderzirkus, der seit Anfang März neu in der Stadt ist – und zwar: gleich in mehreren. Jeden Werktag geht es in der selbstgebastelten Aufmerksamkeitsarena in Berlin, Hamburg, Köln, Leipzig oder München 20 Minuten um aktuelle Themen aus Politik und Gesellschaft, humoristisch eingeordnet von Comedians, Schauspielerinnen und Influencern unterschiedlichen Bekanntheitsgrads und Alters. Alle haben sich honorarfrei dazu verpflichtet, eventuell vorhandene Teleprompterableseschwächen zu ignorieren. Das gemeinsame Ziel: den Zusehenden beim Verständnis dessen zu helfen, was in der Welt passiert, ohne dabei größere seelische Schäden zu erleiden.

News für eine "Bande" Gleichgesinnter

Hinter "Fun Facts" steht kein großer (und auch kein kleiner) Sender, sondern das Autor:innen-Team um Marc-Uwe Kling, Schöpfer der Känguru-Chroniken und des erst dystopischen und inzwischen sehr realen "QualityLand"-Universums, in Kooperation mit dem Recherchenetzwerk Correctiv, das für die Faktenchecks verantwortlich zeichnet.

Zusammen mit den prominenten Hosts und dem Publikum soll "eine Bande" draus werden. Quasi eine unkriminalistische Vereinigung Gleichgesinnter vor und hinter der Kamera, die dem Überrreichtum, der Klimakrise, dem um sich greifenden Totalitarismus etwas entgegensetzen wollen.

Oder wie es Kling in der Premierenfolge formuliert hat: "Was haben wir, das die faschistischen Faktenfeinde nicht haben? Humor!"

Deshalb gibt es jetzt "News im Netz. Witzig, wichtig, richtig". "Fun Facts" erklärt, weshalb Frauen im Netz wegen Deepfakes nicht mehr sicher sind, und welche Folgen die klamme Lage der deutschen Kommunen hat. Es geht um "ein fanatisch religiöses Lügenregime das Protestierende auf der Straße erschießen lässt – und das greift den Iran an"; um die Abgründe des sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche; um Armut und ungleiche Startbedingungen für Arbeiter:innenkinder; um das CDU-"Kettensägenmassaker bei der Kulturförderung"; um die Vielleicht-Renaissance der Kernkraft; um die Folgen der Verschwurbelungstendenzen in der Gesellschaft.

Finanzierung durch die eigenen Fans

Die Hosts wechseln täglich, aber die Aufforderung zum Schluss ist immer dieselbe: "Das war's mit heute. Jetzt klappt den Laptop zu, schmeißt das Handy weg und macht was Schönes."

Finanzieren soll sich dieser schnapspralinenernst gemeint Spaß durch seine Fans selbst, die zahlende Mitglieder der "Bande" werden können. Und durch Ticket-Verkäufe für die Aufzeichnungen, die eben nicht in gut ausgeleuchteten Fernsehstudios passieren – sondern auf den Bühnen kleiner Clubs.

Dieses Unabhängigkeitsstreben lässt sich wohl zuallererst auf den Initiator selbst zurückzuführen – und dessen Erfahrungen mit dem Medium Fernsehen. Von diesem hat sich Kling in seiner Karriere nur ein einziges Mal aus der Reserve locken lassen: ins Programm des RBB, wo er sich erstmal erklären lassen durfte, was er dort alles nicht machen kann.

"Ich habe über die vier Folgen gelernt, dass ich nicht ins Fernsehen will. Glaube ich. Dass ich lieber Bücher schreiben will", hat Kling in seinem (sehr hörenswerten) Radioeins-Podcast "Schreiben und Schreddern" vor einiger Zeit bilanziert.

Das TV-Trauma des Känguru-Schöpfers

Und selbst wenn es nur ein kurzer Ausflug war: Die "Quoten im nicht messbaren Bereich" und die Ansage, dass die Regeln des Mediums seine Kunst bestimmen sollten (und nicht andersherum), scheinen sich zu einem kleinen Trauma verfestigt zu haben. Von dem sich Kling inzwischen immerhin soweit erholt hat, als dass er davon humoristisch in Interviews berichten kann, die er früher auch fast nie gegeben hat.

Was es inzwischen schon deswegen aufzuweichen gilt, um möglichst vielen Menschen davon zu erzählen, dass sie nun "Fun Facts" schauen können.

Dessen Besonderheit liegt gar nicht so sehr in der Art, wie das politisch-gesellschaftliche Tagesgeschehen eingeordnet wird. Vom Prinzip ähnelt "Fun Facts" dem, was Jan Böhmermann, Sarah Bosetti und Carolin Kebekus machen: das politische Nachrichtengeschehen humoristisch von einem Standpunkt links der Mitte zu brechen. Nur halt: ohne dabei mit einem Bein im klassischen Fernsehen zu stehen.

Nicht objektiv, aber konsequent aktivistisch

Kling sagt, man wolle Dinge beim Namen nennen, die "eine klassische Nachrichtensendung nicht machen kann oder sich nicht traut", also zum Beispiel den US-Sondergesandten für den Nahen Osten als das zu benennen, was er wirklich sei: ein Typ, der den Job vor allem deshalb habe, weil er mit Donald Trump Golf spiele.

Kurz: "Fun Facts" will nicht objektiv sein. Und übersieht dabei vielleicht, dass das die "heute show" ja genauso wenig muss.

Sehr viel konsequenter unterscheidet sich die Neuinterpretation des Genres von der Konkurrenz mit ihrem Mut zur Konsequenz: Indem man regelmäßig einen Schritt weitergeht und seine Zuschauer:innen dazu auffordert, die Debatte selbst in die Hand zu nehmen und die zuvor vom Team selbst aufgesetzten Petitionen zu unterschrieben. Eine ans Justizministerium, um Deepfakes von echten Menschen zu verbieten. Oder an den Bundeskanzler und die Ministerpräsident:innen:"Vermögens- und Erbschaftsteuer retten Gemeinden in Not über gerechte Talerabgabe!" ("VERGNÜGT!")

Bei einem öffentlich-rechtlichen Auftraggeber, hat Kling gerade als Gast im Podcast der Kollegin Hazel Brugger verraten, würden die Verantwortlichen vermutlich schon beim bloßen Gedanken daran kollabieren.

Die verdammten Big-Tech-Plattformen

Die Konsequenz des Känguru-Schöpfers daraus ist: Dann machen wir das halt einfach selbst! Und zwar im Kern so, wie es Nicolas Paalzow gerade in seinem DWDL-Wochenrückblick von Steven Colbert eingefordert hat. Nur halt richtig deutsch: im Humorkollektiv! Und mit einer Vielfalt an Protagonist:innen, wie sie im klassischen Fernsehen eher selten ist.

So nachvollziehbar und unterstützenswert das auch sein mag: Ein paar blinde Flecke trüben die Begeisterung. Denn obgleich es zu den Kernpunkten der "Bande" gehört, Big-Tech-Plattformen zu kritisieren, ist man – derzeit – zu einem nicht unwesentlichen Teil von dem Publikum abhängig, das über exakt diese überhaupt erst den Weg zu "Fun Facts" findet.

Auf der eigenen Website sahen bislang rund 14.000 Interessierte die erste, via Peertube selbst gehostete Ausgabe vor vier Wochen; auf YouTube waren es (Stand: Freitagmittag) fast dreiundzwanzig Mal so viele. Im Moment lebt "Fun Facts" also ein Stück weit vom Mainstream, den man kritisiert.

Die Grenze des kathartischen Weglachens

Schwieriger als die Reichweitenfrage ist langfristig womöglich die der Erschöpfung. Denn Petitionen unterzeichnen, Kampagnen mittragen, Konsument:innenmacht einsetzen, ist nicht nur konsequent – sondern auch furchtbar anstrengend. Und fußt ein Stück weit auf der Illusion, dass es schon hülfe, die Welt besser zu machen, indem man online Dinge unterschreibt, um die sich die Politik vielleicht irgendwann kümmern wird.

Ob sich Netflix von der Aussicht auf 8.000 potenzielle Abo-Kündigungen einschüchtern lassen wird, wenn man weiterhin drauf pocht, Synchronsprecher:innen das Recht an ihrer Stimme zu klauen, sei ebenfalls dahingestellt.

Aber natürlich ist es wenigstens ein Anfang.

Die bitterste Erkenntnis nach den ersten zwanzig Ausgaben "Fun Facts" ist jedoch, dass es womöglich eine Grenze gibt, wie viele schlechte Nachrichten sich pro Woche kathartisch weglachen lassen.

"Ich weiß eh nicht, was ich hier vorlese"

Im Moment schwanke ich zwischen Euphorie und Erschöpfung: Wie großartig ist das, ein Format aufzusetzen, das zu einem großen Teil von der Überzeugung und dem Engagement der daran Beteiligten getragen wird, die sich dafür nicht den starren Regeln bestehender Multiplikatoren unterwerfen!

Und wie anstrengend ist es gleichzeitig, die schiere Masse an schlechten Nachrichten wegzupuffern – bloß weil am Ende wieder ein (erwartbarer) Gag über Xavier Naidoo oder Jens Spahn zur Belohnung wartet.

Kurioserweise geht es manchem Host ganz ähnlich. Als Nico Stank kürzlich den humoristisch veredelten Positionen zu Zuckersteuer, Streikrecht und VW-Stellenabbau seine Stimme lieh und beim Lesen vom Teleprompter über einen fehlenden Bindestrich stolperte, brach die ganze aufgestaute Erschöpfung der vergangenen Minuten aus ihm heraus: "Sorry, ich mach das jetzt nicht mehr. Ich weiß eh nicht, was ich hier vorlese. Ich mach sonst Comedy."

Ein bisschen die Demokratie retten

Im "Fun Facts"-Team ist man sich dieses Mankos durchaus bewusst – und versucht es mit dem guten Vorsatz zu umgehen, den negativen Nachrichten Positives entgegenzusetzen. Ohne zu merken, dass das auch oft nur auf links gedrehte Bad News sind.

Hurra, die extreme Rechte hat sich bei den französischen Kommunalwahlen in Paris und Marseille nicht durchgesetzt, in Italien ist Giorgia Meloni mit ihrer Justizreform gescheitert und selbst die AfD ist nicht überall so stark, wie es zu befürchten gewesen wäre! Wenn mit noch Schlimmerem zu rechnen war, lässt es sich darüber natürlich freuen. Es ist aber allenfalls ein schwacher Trost, mit dem man zurück in die harte Realität entlassen wird.

Trotzdem ist "Fun Facts" das vielleicht interessanteste Medienexperiment des Jahres – gerade weil es sich so viel zumutet. Und natürlich, weil Kling jetzt ja doch irgendwie im Fernsehen ist. Nur halt in seinem eigenen.

"Okay, ich geb's zu: Wir machen einfach das witzige Nachrichtenformat, das wir selbst gerne gucken würden, um beim Informiertbleiben nicht deprimiert zu werden", erklärte er zum Start. Aber wenn sich dabei nebenbei noch ein kleines bisschen die Demokratie retten ließe, hätte sicher auch niemand was dagegen.

Neue Ausgaben von "Fun Facts" erscheinen werktäglich. Tickets für die Aufzeichnungen gibt's hier.