Wer bekommt bei "Germany's Next Topmodel" nach dem Umzug in Luxusvilla den schönsten Raum? Wieso haben sich "Kommissar Rex"-Darsteller Maximilian Brückner und sein tierischer Co-Star zuerst nicht verstanden? Und wer bitteschön ist eigentlich dieser Gigi Birofio aus der "Realitystar Academy"? Um die wirklich wichtigen Fragen aus der Welt von Deutschlands zweiterfolgreichster Mediengruppe zu beantworten, leistet man sich in Unterföhring schon seit geraumer Zeit ein eigenes Medium: "Behind the Screens" (BTS).

BTS lebt auf der Domain des Seven.One-Media-Streamers Joyn und ersetzt seit einigen Monaten endgültig die erst eingedampften und dann eingestampften Sender-Websites der Gruppe. Und zwar, indem es mehr oder weniger relevante Ereignisse rund um die Ausstrahlung der wichtigsten Formate im Netz aufbereitet.

Aber nicht nur der eigenen. Sondern in zunehmendem Maße auch denen von ARD und ZDF.

Konsequentes Handlungs-Destillat

Dass Maren Gilzer für einen dramatischen Gastauftritt zum ARD-Serienhit "In aller Freundschaft" zurückkehrt, dem ein "Feuer-Drama in der Sachsenklinik" bevorsteht, weiß ich aus BTS. Wie es für die "Traumschiff"-Crew nach dem abgeschlossenen Asien-Dreh weitergeht? Unterföhring prognostiziert: Es laufen bereits die Vorbereitungen für die nächste Reise! Und wie reagieren eigentlich die Fans auf Theres Brunners Serientod in "Dahoam is Dahoam"?

Konsequent destilliert "Behind the Screens" die wichtigsten Handlungsstränge aus Programmvorschauen, arbeitet bestaunenswerte Erkenntnisse aus Magazin-Interviews heraus und verschriftlicht den Kern von Instagram-Postings – ein schier unerschöpflicher Kanal neuer Berichterstattungsanlässe.

Der immer dann zusätzlich explodiert, wenn wieder die neue Staffel einer Erfolgsserie vor- oder nachbereitet werden muss. So wie in der vergangenen Woche "Lena Lorenz", zu der BTS nicht nur "Handlungsdetails bekannt" waren (aus der offiziellen ZDF-Programmvorschau), etwa: "Schwerer Schicksalsschlag und überraschende Wendung" – quasi die Blaupause öffentlich-rechtlichen Serienentertainments. Sondern auch:

  • Mit wem die Darsteller:innen liiert sind oder waren.
  • Wer dort seine "Paraderolle" spielt.
  • Ob es das "malerische Dorf nahe der bayerischen Alpen" aus der Serie tatsächlich gibt.
  • Welche Gastrollen in der aktuellen Staffel vermeintlich aufhorchen lassen.
  • Wie eigentlich die letzte Staffel endete.
  • Wer jetzt nicht mehr dabei ist und früher mal dabei war
  • usw. usf.

Ach, Sie haben das auch gegoogelt?

Es ist eine Mischung aus zugekauften Mediendienst-Texten und zugespitzten Netz-Fundstücken – eine digitale Boulevard-Programmzeitschrift, die Informationen liefert, welche ARD und ZDF bei ihrer anhaltenden Mediathekenwerdung im Netz zunehmend verknappt oder vollständig abgeschaltet haben. Den Rest erledigt Google: Tratsch zu Stars und Formaten, den Zuschauer:innen eigenständig nachfragen.

"Was läuft wann im Ersten? Wann gibt es neue Folgen von deinen Lieblings-Serien? Und was ist noch geplant? Diese und noch viele weitere Antworten und Neuigkeiten findest du hier", informiert BTS suchmaschinenfreundlich – und hat dabei nicht nur eigene Unterseiten für Berichte über Inhalte von ARD und ZDF angelegt. Sondern längst auch Themenseiten für die bekanntesten Formate, die man regelmäßig begleitet: "Tatort", "Traumschiff", "Sturm der Liebe" – oder "Bares für Rares".

Wo es dann um die "Lieblingsstücke" des Gastgebers geht, darum, wie die Händler "privat ticken", wie es hinter den Kulissen aussieht, was sich im Vorspann der Sendung verändert hat, welche "Ruhestandsgerüchte" es um wen gibt – und natürlich, wie "süß" sich Horst Lichter "mit seiner Frau" zeigt.

Kein reiner Freundschaftsdienst

Das ist, anders als Sie bislang sicher angenommen haben, kein reiner Freundschaftsdienst am dualen System. Sondern in erster Linie Promotion für sich selbst. Denn in jeder Meldung verweist die BTS-Redaktion konsequent auf die Livestream-Funktion des Auftraggebers: "Schau die neuen Folgen 'Praxis mit Meerblick' im ARD-Livestream auf Joyn!", "Streame hier die Trödel-Show im ZDF-Livestream auf Joyn", "'Tatort' kannst du kostenlos auf Joyn anschauen: Immer sonntags um 20:15 Uhr im ARD-Livestream."

Sie bietet sogar Kalendereinträge zum Download an: "Wir erinnern dich gerne und helfen dir deine Lieblingssendung nicht zu verpassen!"

Wenn es noch ein bisschen dauert, bis im ZDF wieder "Lena Lorenz" läuft, hat man den passenden Zeitvertreib parat: "Lust auf mehr Serien, die ans Herz gehen?" – aus dem Seven.One-Kosmos, versteht sich. Oder man erinnert diejenigen, die schon auf den nächsten Einsatz von Johannes B. Kerner warten, an Jörg Pilawa im "1% Quiz" auf Joyn.

Manchmal verweist man auch einfach aufs Archiv, wo inzwischen so mancher Drittlizenz-Inhalt von ARD und ZDF schlummert. Als vor kürzlich bekannt wurde, dass Mario Adorf verstorben ist, bot das BTS die Gelegenheit, den Text "'Kir Royal': Das machten die Stars nach Ende der Kult-Serie" zu aktualisieren – und eine Empfehlung loszuwerden: "'Der Schattenmann' auf Joyn streamen."

Privatleben, Ausstiege, TV-Pannen

Das Kunststück von "Behind the Screens" ist, dass jede Meldung über ein öffentlich-rechtliches Erfolgsformat auf die Nutzung des eigenen Diensts einzahlt. Dessen Abrufzahlen sich dank der Highlights der Konkurrenz SEO-getrieben aufpolieren lassen.

Wer von Google wissen will, wer bei den "Rosenheim Cops" aussteigt, welcher öffentlich-rechtliche Krimistar noch zu haben ist oder was es mit der "Playback-Verwirrung bei Semino Rossi" im "ZDF-Fernsehgarten" auf sich hat, landet schnell auf joyn.de. Privatleben, Ausstiege, Todesfälle, Drehorte, TV-Pannen – das meiste lässt sich einfach erstellen, günstig zukaufen und beliebig skalieren. Manchmal reicht als Anlass auch eine schnöde Programmänderung: "'Rote Rosen' fällt aus – das ist der Grund" (Sportübertragung). Und: "Kurz nach Staffelstart: ZDF streicht 'Bergdoktor' aus dem Programm" (wegen Olympia).

Und es ist ja nicht so, dass es das nicht auch anderswo im Netz schon massig gäbe. Bloß halt nicht: von unmittelbaren Konkurrenten.

Einer muss es ja aufschreiben

Eine Grenze allerdings wagt man bei "Behind the Screens" nicht zu überschreiten: die rechts des Rheins, wo eine weitere große Mediengruppe mit zahlreichen Erfolgsformaten ihren Sitz hat. Sich bislang aber stoisch weigert, an der Umsetzung der Unterföhringer Streaming-Vision mitzuwirken.

Aus diesem Grund spielt ein gewisser Günther Jauch bei BTS nur dann eine Rolle, wenn er als Gast beim ZDF-"Quiz Champion" sitzt; ein gewisser Dieter Bohlen, wenn er plötzlich mit Frau bei "Klein gegen Groß" im Ersten erscheint; und ein gewisser Stefan Raab, wenn der amtierende "TV total"-Moderator in einem Podcast über Meinungsverschiedenheiten mit seinem Vorgänger spricht. Ansonsten sind die drei Buchstaben R, T und L bei BTS weitgehend tabu.

Während die Inhalte aus dem öffentlich-rechtlichen Universum zunehmend raumgreifender werden.

Wer sich die Mühe macht, die frei zugänglichen BTS-Artikel stichprobenartig auszuwerten, stößt auf bemerkenswerte Zahlen. Allein zwischen Januar und Anfang April dieses Jahres hat die BTS-Redaktion rund 460 Artikel mit ARD- oder ZDF-Bezug veröffentlicht – bei insgesamt etwa 540 Artikeln zu Formaten, die der eigenen Gruppe zuzuordnen waren.

"Der Bergdoktor" schlägt "Galileo"

"Der Bergdoktor" kam zum Staffelstart im Januar auf 30 BTS-Artikel – mehr, als "Galileo" im ganzen ersten Quartal. Der "Tatort" im Ersten ist mit einem Schnitt von knapp 14 Artikeln pro Monat vertreten. "Sturm der Liebe" wird mit einer Regelmäßigkeit von sieben und neun Texten pro Monat begleitet – so zuverlässig wie ein Schweizer Uhrwerk am Fürstenhof.

Und der Trend zeigt nach oben. Nimmt man die Monate Mai bis August des Vorjahres als Vergleichszeitraum hinzu, ist der Anteil der Berichterstattung über öffentlich-rechtliche Stars und Formate auf BTS von gut 17 auf knapp 30 Prozent gestiegen. Und noch ist nichtmal die neue "Fernsehgarten"-Saison losgegangen!

In Unterföhring scheint man großen Gefallen an seiner Rolle als Boulevard-Programmie von ARD und ZDF gefunden zu haben. Was auch deshalb relevant ist, weil Joyn ursprünglich ja gerne noch einen Schritt weiter gegangen wäre: Anfang 2025 hatte der Streamer kurzzeitig die Mediatheken von ARD und ZDF auf der eigenen Plattform eingebettet (DWDL.de berichtete), sehr zum Missfallen der Sender, die vorher nicht um Genehmigung gefragt worden waren. Inzwischen ist mehrfach gerichtlich bestätigt: Das war nicht rechtens.

Embedding, aber in Textform

Vielleicht ist die ausführliche Begleitung von ARD und ZDF bei "Behind the Screens" ein Überbleibsel aus dieser Zeit – eines, bei dem man gemerkt hat, dass es auch funktioniert, wenn man nicht direkt auf konkrete Mediathekeninhalte verlinkt. Das Embedding geht weiter, bloß halt: in Textform.

An redaktionelle Trittbrettfahrerei im Gewand eines Boulevardportals hat der Gesetzgeber vermutlich nicht gedacht, als er per Reformstaatsvertrag kürzlich die Kooperation zwischen privaten und öffentlich-rechtlichen Anbietern erlaubte.

Vielleicht ist "Behind the Screens" am Ende aber auch einfach die ehrlichste Antwort auf die Frage, was Joyn im Moment eigentlich sein kann: nicht der erträumte Superstreamer wie in Österreich – aber immerhin die freundlichste Programmzeitschrift, die je ein Wettbewerber für die Konkurrenz geschrieben hat. Also: außer natürlich der rechts des Rheins.

Und damit: zurück nach Köln.