Der kommende Freitag wird zweifellos in die deutsche Musikgeschichte eingehen: Weil dann nach neun Jahren Pause das 16. Studioalbum einer bekannten Düsseldorfer Band erscheint, die angekündigt hat, dass das ihr Letztes sein wird. Und weil in der ARD Mediathek schon jetzt der längste und beste Trailer dafür läuft, den man sich als Musiker:in vorstellen kann.
"Die Toten Hosen – Das letzte Album" heißt der neunzigminütige Film des mehrfach für sein Arbeiten ausgezeichneten Regisseurs Eric Friedler. Im ARD-Auftrag durfte er die Band dafür innerhalb von zwei Jahren mehrfach mit der Kamera ins Studio begleiten.
Es ist ein sehenswerter Film geworden – weil er einen kreativen Prozess veranschaulicht, den man sich sonst in seiner ganzen Kompliziertheit kaum vorzustellen mag. Und der zwischendurch einen heiteren Rückblick auf mehr als vier Jahrzehnte Bandgeschichte wirft. Ein "Dokumentarfilm" ist "Das letzte Album" aber nur in dem Sinne, dass dokumentiert wird, was die Band auch zugelassen hat – Stimmen von außen, Einordnungen der Redaktion fehlen völlig.
So wie es gerade zum Muster zu werden scheint bei der ARD, die innerhalb weniger Wochen diversen deutschen Musikgrößen filmische Denkmäler setzt.
Hübscher formuliert als die Plattenfirma
Seit kurzem ist "UDO – Rebell, Rockstar, Ikone" ins der Mediathek abrufbar, ein 90-Minüter zum 80. Geburtstag von Deutschlands bekanntestem Panikrocker. Davor feierte die Dokumentation "Grönemeyer – Alles bleibt anders" anlässlich des 70. Geburtstags des Musikers sogar im linearen Fernsehen beim jungen Publikum einen fulminanten Quotenerfolg. Die ARD scheint mit diesen Produktionen also durchaus einen Nerv beim Publikum zu treffen.
Es ist ja auch begrüßenswert, dass sich der Senderverbund an dieses Genre wagt und Filme dreht, die es so noch vor ein paar Jahren vielleicht nie gegeben hätte, wenn sie alleine fürs Lineare hätten gemacht werden müssen. Die aber dank ihrer Mediatheken-Ausspielung nun vermutlich sehr viel ambitionierter ausfallen können, weil sie sich ein Stück weit an dem orientieren, was große Streamer mit amerikanischen Musiker:innen vorgemacht haben.
Wobei die ARD natürlich weder Netflix noch Apple TV ist, sondern immer noch: ein Verbund, von dem man erwarten würde, dass er auch Zeitgeschichte, die für die Mehrheit der Zusehenden positiv besetzt ist, im weitesten Sinne journalistisch begleitet.
Das wird jedoch ad absurdum geführt, wenn man die selbst in Auftrag gegebene Doku – so wie SWR und NDR im Vorspann von "Das letzte Album" – plötzlich "präsentiert" und eine Pressemeldung dazu herausgibt, die die Plattenfirma nicht euphorischer hätte formulieren können.
Bei Prinzenrolle und Rotwein im Tourbus
Natürlich gewährt die Hosen-Doku einen spannenden Blick in die Chemie einer Band, in der Campinos Dominanz die anderen regelmäßig an den Rand zu drängen scheint und der kreative Prozess deutlich zäher verläuft, als man es vermuten würde. Dissonanzen werden aber allenfalls angedeutet, vor der Kamera eskalieren sie nie. Nur einmal, als Kuddel dem Filmteam im Interview erklärt, es sei "früher schlimmer" gewesen – "laut, unangenehm", da platzt Campino mitten in den Dreh und zieht seinen Gitarristen meckernd vom Interview ab, weil der nächste Termin ansteht.
Das ist aber auch schon der größte Kontrollverlust, den die Protagonisten in diesem Film zulassen müssen, der sonst von freundlicher Selbstreflektion und Legendenbildung geprägt ist.
Womöglich lohnt es sich sogar, diesen Preis zu zahlen, wenn man dafür Campino in Birkenstocks auf dem Orientteppich im Proberaum des Münsterländer Bauernhofs stehen sieht, den die Band gemietet hat, um dort ein letztes Mal ins Ruhe neue Songs einzuspielen und die schlechteste Pizza ihres Lebens zu essen, bevor sie gleich wieder bei Prinzenrolle und Rotwein im Tourbus sitzt, um in Amsterdam und Paris aufzutreten. Es ist auch zulässig, für einen Film, der das Innenleben einer Band dokumentieren will, vor allem mit Leuten zu sprechen, denen dieses Innenleben vertraut ist: ehemalige Manager, Produzenten, Weggefährt:innen.
So ein herrlicher Spinner
Zum Problem wird all das aber, wenn daraus ein Muster entsteht. Bei Udo Lindenberg und "Rebell. Rockstar. Ikone" ist es am auffälligsten. In erster Linie funktioniert der Film als hübsch inszenierte Werksschau mit großartigen Live-Bildern, durch die der Hauptprotagonist mit Randbemerkungen so locker hindurchsurft, wie man das erwarten würde.
Ein Abend, fast so unterhaltsam wie ein Konzert – an dem vornehmlich Schauspieler:innen, Musiker:innen, Leute zu Wort kommen, die per Insert auch als "Freund" oder "Freundin" ausgewiesen werden.
Benjamin von Stuckrad-Barre sagt (neben vielen anderen Dingen): "Lasst euch nicht täuschen von der Sonnenbrille und dem ganzen Schubidu – der scannt den ganzen Raum und kriegt sofort mit, wer gerade ein bisschen Unterstützung braucht." Inga Humpe sagt: "Er geht auf Augenhöhe auf Frauen zu. Er ist da ein True Gentleman." Jan Josef Liefers sagt: "Ins kulturelle Gedächtnis eines ganzen Landes einsinken – das macht man nicht mit einem Hit." Niko Kazal, Lindenbergs Stylistin, sagt: "Er ist ein Menschenfreund." Jan Delay sagt: "Udo hat als erster meine Welt beschrieben. In Musik. Deshalb ist er quasi mein Fundament." Neffe Marvin Lindenberg sagt: "Er ist ein brutal kommunikativer Typ." Und Lindenbergs längster musikalischer Freund "Steffi" Stephan sagt: "Er ist so ein herrlicher Spinner!"
Eine Lawine von Freundlichkeiten
Nichts dagegen. Aber wäre es nicht auch hübsch gewesen, in dieser filmischen Gratulation zumindest kurz einen echten Musikjournalisten, eine Kulturwissenschaftlerin oder irgendjemand anderen zu Wort kommen zu lassen, der sonst nicht gern mit Udo an der Bar sitzt? Um das Phänomen Lindenberg nochmal von einer ganz anderen Seite zu ergründen?
Oder die Lawine von Freundlichkeiten kurz zu stoppen, indem auch Brüche, Stolpersteine, Irrwege thematisiert werden – weil das zu einer Biografie dazu gehört?
Kurz vor Ende des Films kommt die Sprache tatsächlich kurz auf Lindenbergs übermäßigen Alkoholkonsum Anfang der 90er Jahre, er selbst kommentiert: "Gut, dass man das alles überlebt hat." Und sein langjähriger Musikerfreund deutet an, dass es deswegen sogar zum Bruch kam. Aber das ist sofort wieder abgehakt, denn: Irgendwann hat der dem Alkohol abgeschworen – und sein bis dahin erfolgreichstes Album publiziert.
Einblick in Denken und Fühlen
"Grönemeyer" ist unter den genannten Filmen der ambitionierteste. Obwohl auch dieser als Eloge startet, mit einem Hit-Medley und Zitaten von Gesprächspartner:innen aus dem Off, die nichtmal benannt werden: "Er will das Ding performen, er will das Ding rocken, er will, dass der Funke überspringt." – "Alle singen mit, alle." – "Es ist beeindruckend, wie Herbert generationenübergreifend Menschen fesselt." – "Er liebt die Menschen und freut sich über die Liebe, die er zurückkriegt."
Auch über die Grundidee des Films ließe sich streiten: Sie besteht darin, den Hauptprotagonisten mit befreundeten Promis – Nina Hoss, Anke Engelke, Toni Kroos – zusammenzusetzen, die ihm dann statt der Filmemacher:innen Fragen stellen.
Und ich weiß nicht, ob das ein Qualitätsmerkmal sein kann, wenn in einem Film über Herbert Grönemeyer die kritischsten Kommentare von Herbert Grönemeyer kommen (der sich beim Ansehen alter Interviews Manieriertheit zuschreibt).
Dass "Grönemeyer" doch noch die Kurve kriegt, liegt wahrscheinlich vor allem daran, dass auch die vom Künstler erlebten Einschnitte – der Tod seiner Frau und seines Bruders sowie die eigene Neuerfindung danach – ausführlich Thema sind. Und es im Laufe der anderthalb Stunden gelingt, einen Einblick ins Denken und Fühlen des Musikers zu geben, sodass man als Zuschauer:in die eingangs montierten Elogen glaubhaft belegt bekommt.
Also: wozu die ganze Aufregung – alles klar auf der Andrea Doria?
Keine Nachfrage, keine Einordnung
Nee, nicht ganz. Denn das Muster existiert nicht nur bei den Großen. In der Reportage "Isi Glück – Reich durch Ballermann-Musik", die der NDR im vergangenen Jahr in seiner Reihe "Money Maker" veröffentlicht hat, zeigt sich dasselbe Prinzip. Weil der öffentlich-rechtliche Rundfunk sonst ja eher nicht in Verdacht steht, sich eine Dreiviertelstunde ernsthaft dem Erfolg des Partyschlagers auf Mallorca zu befassen, ist das erstmal eine gute Idee.
Das Ergebnis allerdings lässt ausschließlich Leute aus dem engsten Umfeld der Künstlerin zu Wort kommen, um deren Karriere nachzuzeichnen. Micky Krause bescheinigt ihr Entertainmentqualitäten. Ihr Manager Matthias Distel schwärmt, sie habe "auftrittsgagenmäßig Riesensprünge gemacht" – und sagt über das Phänomen Partyschlager: "Wir sind eines der umsatzstärksten Genres, die es in Deutschland gibt" (wenn man die Umsätze mit Merchandising, Alkohol und Reisen miteinschließe). Ohne dass jemand nachfragt, einordnet, die Behauptungen in einen Kontext setzt.
Stattdessen bewertet Musikkabarettist „Dr. Pop“ nach 25 Minuten einmal kurz die Einfachheit der Akkordfolge von Partyhits. Und die Kamera ist dabei, wie Isi Glück ihr selbiges mit Ehemann vor mallorquinischer Traumkulisse inszeniert, bevor sie einen Werbespot für ihr neues Getränk bei Kaufland dreht – Marke im Bild, Logo im Bild, sie selbst begeistert über die großartige "Kooperation".
Dagegen wirkt jede Daniela-Katzenberger-Dokusoap auf Vox, die ihre Protagonistin zumindest gelegentlich mit einem ironisch gebrochenen Off-Kommentar begleitet, wie eine investigative Reportage.
In Dokus wie diesen
Natürlich wäre niemandem geholfen, wenn die ARD ihre Musikfilme künftig im Ton einer Bundestagsdebatte führen würde. Die Lindenberg-Doku darf ein Geburtstagsgeschenk sein. Die Hosen-Doku lebt von der Nähe zu ihren Protagonisten, das ist in Ordnung. Aber eine Redaktion, die sich für einen Film zuständig fühlt, würde irgendwann die Frage stellen: Erzählt all das mehr als nur über die Künstler selbst? Über die Zeit, das Land, die Gesellschaft?
Eine solche zweite Ebene würde die Filme nicht feindlicher machen – sondern für alle interessant, die keine Fans sind. Und die ARD würde damit nicht nur Denkmalpflege betreiben. Sondern auch das Fernsehen machen, für das sie beauftragt ist. Oder um's mit dem Hit einer bekannten deutschen Punkband zu grölen:
In Dokus wie diesen
Wünscht man sich Unparteilichkeit
Denn Dokus wie diese
Haben ja nicht ewig Zeit
Und damit: zurück nach Köln.
"Die Toten Hosen – Das letzte Album", "UDO – Rebell, Rockstar, Ikone" und "Grönemeyer – Alles bleibt anders" sind in der ARD Mediathek abrufbar.
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