Gerade einmal eine Woche ist es her, dass RTL bekannt gegeben hat, wie frech man die TV-Partnerschaft zwischen "Germany's Next Topmodel"-Schöpferin Heidi Klum und deren langjährigem Sendegefährten ProSieben anzuzapfen gedenkt: mit der Übertragung des diesjährigen "HeidiFests".
Die Premiere der süffigen Sause war im vergangenen Jahr noch bei Klums Haussender gelaufen (DWDL.de, äh: berichtete), ging viral – und erzielte linear allenfalls überschaubare Quoten.
Vielleicht fürchtete Unterföhring deshalb dieses Jahr einen erneuten Kater, womöglich hat Köln auch mehr geboten, wer weiß. Sicher ist bloß: Klum weiß, dass es üblich ist, auf mehreren Hochzeiten zu tanzen – so wie ihr Gatte, der bei Netflix exklusivvertragt, aber Ende des Jahres mit seinem Brudi dennoch die größte Spielshow Europas fürs ZDF moderieren wird.
Der "HeidiFest"-Wechsel zur Konkurrenz darf dennoch als Überraschung gewertet werden. Und ist zugleich der endgültige Beginn eines neuen Zeitalters im deutschen TV-Business. In dem haben einzelne Akteure trotz Sparprogrammen, Umschichtungen und Formatstreichungen weiterhin ein derart gut gefülltes Finanzpolster, dass sich mit diesem selbst über viele Jahre hinweg gewachsene Vertrautheiten in Frage stellen lassen.
Zumindest scheint es so, dass das milliönchenschwere Comeback von Stefan Raab bei seinem früheren Erzfeind keine Ausnahme war. Und mindestens RTL bereit ist, auch Budget für – freundlich formuliert – absurde Ideen locker zu machen, die allenfalls kurzfristig einen Aufmerksamkeitsschub versprechen, während sonst überall weiter konsolidiert wird, was das Zeug hält.
Für alle Prominenten ist das eine hervorragende Nachricht. Denn nie war die Chance so groß wie jetzt, einen vielleicht schon lange gehegten TV-Traum zur Umsetzung zu bringen – selbst wenn der eigene Stammsender schon mehrfach den Kopf geschüttelt hat. Den: Dann gehste damit halt einfach zur Konkurrenz!
Den Anbietern bleibt eigentlich gar nichts anderes übrig, als in das teuflische Spiel mit einzusteigen: Indem sie sich doch erweichen lässt, Geld auf Projekte zu werfen, die sich zwar wirtschaftlich kaum rentieren, aber die eigenen Stars zumindest davor bewahren, zum schärfsten Konkurrenten zu ziehen.
Und damit: Herzlich Willkommen zum "Wünsch Dir Was – Promi-Spezial" – wo Stars Sendern jetzt all das verkaufen können, wonach sie sich bisher kaum zu fragen getraut haben!
"Pfläumchens Mondfahrt"
Die gute Laune kann dem Arbeitstier Kai Pflaume ja bekanntlich niemand nehmen. Und weil der Moderator sich für seinen Arbeitgeber NDR formatübergreifend so beharrlich ins Zeug legt, durfte er Ende des vergangenen Jahres auch mal raus: Für "Kai und Knossi auf Hochzeitsreise" jettete er durch Mexiko, Ghana, Indien und die Mongolei, um dortigen Hochzeitsritualen beizuwohnen – und äußerte in der begleitenden Fachpresse ("Freizeit Vergnügen") bereits den nächsten Wunsch: "Natürlich würde ich nochmal heiraten, aber nur meine Frau. Auf der Liste steht nämlich schon lange eine Flugreise zum Mond. Da liegt natürlich eine Hochzeit auf dem Mond sehr nahe."
Weil es beim NDR für außerirdische Ziele jedoch kein passendes Reisekostenformular gibt, wird Pflaume mit seinem Projekt aller Voraussicht nach beim Streamer mit den tiefsten Taschen mondlanden: Prime Video! (Das sich für die Umsetzung in diesem Jahr die Beteiligung an der zweiten "Der letzte Bulle"-Staffel und die Ausstrahlung des Bambi spart.) Unter Berücksichtigung des passenden Translunar-Startfensters ist eine Ausstrahlung von "Pfläumchens Mondfahrt" frühestens für den späten Herbst geplant, zwischen den geplanten Aufzeichnungen von "Kaum zu glauben!", "Wer weiß denn sowas" und "Klein gegen Groß".
"Joko und Klaas machen Ferien"
Dass Klaas Heufer-Umlauf und seine "Baywatch Berlin"-Boys in ihrem Bonuspunkte-Erfolgs-Podcast die Strapazen ihres einstigen Erfolgsformats "Duell um die Welt" rekapitulierten, ist etwa eindreiviertel Jahre her. Und damals geriet Klaas direkt ins Schwärmen: "Ich möchte schon noch mal auf Reisen irgendwann. (…) Ich würde nur gern die lebensgefährlichen Prüfungen weglassen."
Sein Traum vom "klassischen Reisemagazin", "wo man Sachen rausfindet", beinhaltete bereits konkrete Zugeständnisse an die Funktionsweise des Mediums ("Beschwerliche Anreise, ungemütliche Behausung, aber tolles Erlebnis"). Doch obwohl sich dem zuständigen Florida-Entertainment-Geschäftsführer sofort der Reiz dieser Eingebung erschloss (endlich mal niemanden überreden, dass er noch schnell aus einem Heißluftballon springt!), blieb eine entscheidende Frage offen: "Wo ist das Angebot an die Zuschauer?" Und Klaas musste die "Leerstelle" eingestehen: "Ich muss ja irgendeinen Doofen finden, der das bezahlt. (…) Das heißt, ich muss mir vielleicht noch mehr Gedanken machen als: Ich hab 'ne sehr gute Zeit und werd dabei gefilmt."
Ja, zum Beispiel: Klaas hat eine sehr gute Zeit und wird dabei mit Joko gefilmt. Konzept fertig. Keine Challenges? Keine Spiele? Kein Gewinner oder Verlierer? ProSieben fand's direkt mutig und spitze – bloß eine Frage noch vom zuständigen Leiter Show & Comedy Established Brands: Wann genau springt da dann jemand aus einem Heißluftballon?
Also: doch besser ab zur ARD damit, die sich einen Ast freut, "Joko und Klaas machen Ferien" in der Mediathek zeigen zu können (sowie die Episoden zwei und sechs an einem Dienstag und Freitag um 18.50 Uhr als Linear-Appetizer). Im Zuge des Erwerbs hat man sich dazu verpflichtet, Florida das Zusatzformat "Die schönsten Orte zum Kaffeetrinken und Zeitunglesen mit Jakob Lundt" abzukaufen, das demnächst still als regelmäßige Rubrik in "ttt" versendet werden soll.
"Ein Scherz für Kinder"
Vor genau zwei Jahren durfte Carolin Kebekus das Sonntagabendprogramm im Ersten kapern, um verdutzten "Tatort"-Zuseher:innen zu verklickern, dass sich Deutschland mehr für die Rechte von Kindern einsetzen muss – um Kinderarmut, Gewalt gegen Kinder und sozialen Ungerechtigkeiten die Stirn zu bieten. Im November soll wieder der WDR-Kinderrechtepreis vergeben werden, um Projekte auszuzeichnen, die sich genau dafür engagieren. Weil die Dotierung mit schlappen 6.000 Euro der früheren Preis-Patin aber arg übersichtlich vorkommt, fordert sie von der ARD Unmögliches: eine Samstagabendshow mit Kindern, in der die nicht vorführen müssen, dass sie toller, begabter, ehrgeiziger sind als irgendein Erwachsener. Sondern sich den eigenen Alltag so wünschen dürfen, wie es die Großen bislang nie umgesetzt haben.
Aus Furcht, Kebekus ans Benefiz-erprobte ZDF zu verlieren, konzipiert der WDR ihr augenblicklich eine ab sofort jährlich ausgestrahlte Comedy-Gala, bei der die Stand-up-Prominenz des Landes einen ganzen Abend lang dabei hilft, die benötigten finanziellen Mittel für die Projekte der Kids einzuwerben: "Ein Scherz für Kinder".
"Mein Restaurant – by Tim Mälzer"
Vor über zehn Jahren hatte Tim Mälzer den festen Vorsatz, ein eigenes Restaurant in New York City mit deutsch-japanischer Küche zu eröffnen. Er mietete sich ein Appartement in der Stadt, sog ihre Energie auf – und verlor über das stete Pendeln zurück nach Deutschland erst viel Geld und dann die realistische Option, den Traum wahr werden zu lassen. Bis jetzt.
Nach dem Dreh für die "Best Friends Edition" von "Kitchen Impossible", als die TV-Kontrahenten Mario Lohninger und Edi Frauneder ihn voriges Jahr im Big Apple an die Orte seines vorübergehenden Wirkens begleiteten, ward das Feuer nach entfacht!
Weil die Umsetzung als TV-Format das Jahresbudget seines Haussenders Vox sprengen würde ("Könnten wir das auch in Harburg drehen?"), erhält ProSieben die einzigartige Möglichkeit, sich bei der RTL-Gruppe für das gemopste "Heidifest" zu revanchieren. In der gemeinsam mit Joyn produzierten Reality-Reihe "Mein Restaurant – by Tim Mälzer" – dem teuersten Format der Sendergeschichte – stellt sich der Namensgeber der Aufgabe, innerhalb von acht Wochen aus heruntergekommenen Räumen in Manhattan ein funktionierendes Restaurant aufzubauen. Ausgaben laufen zweimal wöchentlich. Am Ende entscheiden die Zuschauer:innen, ob er es behalten darf. Oder Steffen Henssler als Geschäftspartner in den Betrieb aufnehmen muss.
Bei RTL kocht die Chief Content Officerin deshalb vor Wut. (Aber ganz bestimmt nicht aus Mälzers "Vierundzwanzigsieben kochen", erschienen 2023 im Mosaik Verlag, 272 Seiten).
"Bastian Pastewka lernt Klavier"
Welche Talente er gerne besitzen würde, wurde Bastian Pastewka anno 2009 in einem Interview gefragt, und die Antwort war: "Ich wäre gerne ein guter Musiker. Ich habe mal Klavier gespielt, dies aber vernachlässigt, als die Pubertät begann. Noch heute wünsche ich mir im Nachhinein, es hätte mich jemand gezwungen, weiterzumachen."
Kein Ding! Mit sieben anderen (aber nicht prominenten) Spätberufenen erfüllt sich Pastewka im neuen Format "Bastian Pastewka lernt Klavier" den Wunsch, um damit zu demonstrieren, dass es nie zu spät ist, neue Fähigkeiten zu erwerben. An seiner Seite: Marion, 58, Verwaltungsangestellte aus Gelsenkirchen, lernt Fahrradfahren. Hartmut, 71, pensionierter Sparkassen-Filialleiter, verwitwet, lernt kochen. Ruth, 66, Lehrerin aus Esslingen, lernt schwimmen. Und bricht ab. (Jedes Format dieser Art braucht eine Abbrecherin, sonst glaubt einem den Rest niemand.)
Das ZDF wird zuerst angefragt, liegt mit seiner langwierigen Entscheidungsfindung jedoch genial daneben. Bei Vox wird das Format augenblicklich zum Quotenhit. Sat.1 arbeitet bereits an der Kopie "Michael Kessler lernt Dudelsack".
"Barbara – Bye-bye in Bullerbü"
Wer weiß wie wann was war? Barbara Schöneberger natürlich! Die weiß sogar jetzt schon, was später mal gewesen sein wird. "Ich mache das jetzt noch eine Zeit lang und dann bin ich weg." Hat sie öffentlich bereits gedroht, bevor sie sich ein für allemal nach Schweden abzusetzen plant – wo sie auf dem von ihr erworbenen 84 Hektar großen Landgut Salat halten, Hühner anpflanzen und Rinder hüten will. Was bislang nur in Teilzeit ging, weil irgendwer bei RTL ja auf Stefan Raab aufpassen muss und der fünfzigjährige Vertrag zur Moderation des ESC-Vorentscheids im Ersten erfüllt werden will.
Gleichzeitig produziert der SWR ja inzwischen seltener "Verstehen Sie Spaß?" und "DSWNWP" ist mit dem Abschied von Radio Barbara bei RTL sanft entschlafen. Fehlt noch ein letzter konsequenter Schritt in Richtung Dauerferien: das Format, das den Transfer aufs Land endgültig macht.
Sämtliche Sender sind skeptisch: Programm ohne Schöneberger? Unmöglich! Nur RTL+ beweist Mut und zeigt im Zusammenspiel mit der erneut als 24-Stunden-Livestream übertragenen Elchwanderung in Schweden: "Barbara – Bye-bye in Bullerbü. Der ultimative TV-Abschied." Das erste Format, das durch zunehmende Abwesenheit seiner Hauptprotagonistin glänzt.
Selbst wenn nur die Hälfte davon wahr wird: Die Aussichten für ein von Promi-Projekten geprägtes TV-Programm sind eigentlich gar nicht so schlecht. Also, liebe Sender: Füllt eure Kassen für das kuriose Geschäft mit den Wunsch-Events! Wenn Heidi Klum auf RTL-Kosten das Münchner Hofbräuhaus mieten kann, haben auch alle anderen verdient, ihr Herzensprojekt zu Bewegtbild zu machen. Möge der Zahlungskräftigste gewinnen!
Und damit: zurück nach Köln.
Das "HeidiFest" läuft am 17. September bei RTL und RTL+. Und „Joko und Klaas machen Urlaub“ (nicht Ferien!) läuft ab 26. August natürlich bei Joyn, sorry.
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