Achtung, Achtung, es folgt eine dringende Warnung an alle Spitzenpolitiker:innen! Falls Ihre PR-Referentin oder Ihr PR-Referent Ihnen demnächst dazu raten sollte, diese Interviewanfrage von einem der beiden frechen Reporter aus der "heute show" anzunehmen, um in einer Fahrstuhlkulisse ein bisschen über Politik und sich selbst zu plaudern, dann nehmen Sie diese Einladung unbedingt an!

Aber glauben Sie nicht, ich wiederhole: GLAUBEN SIE NICHT, dass es sich dabei um ein lustiges Quatschgespräch handelt, mit dem Sie mühelos ein paar Sympathiepunkte sammeln können.

Viel gemütlicher als bei Lanz-Illner-Maischberger wird es bei dem jungen Typen in Jeanshemd und Sneakern nämlich auch nicht werden. Eher im Gegenteil.

Oder wie Bundesaußenminister Johann Wadephul es kürzlich nach knapp 20 Minuten Aufzugsimulation formuliert hat: "Wir machen ja jetzt kein außenpolitisches Interview hier." Woraufhin der Gastgeber sanft korrigierte: "Doch, leider ja."

Moderation aus dem Erste-Hilfe-Kasten

"Next Stop Köster" heißt die Auskopplung der ZDF-"heute show", bei der Fibsi-Fabsi, Pardon: Fabian Köster in unregelmäßigem Abstand prominente Vertreter (und sicher bald auch Vertreterinnen) der politischen Elite zu sich lädt, um ein paar Gags auf ihre Kosten zu machen, sie zu unerwarteten Spontaneitäten zu animieren – aber eben auch Fragen zu Amt und Arbeit zu stellen. Dabei gibt es zwar Raum für Ausweichmanöver. Aber nur so, dass sie auf beengtem Raum direkt sichtbar werden.

Das liegt natürlich ein erster Linie daran, dass man sich nicht an ausladendem Mahagoniholztisch im geräumigen Studio trifft. Sondern in der Spaßfiktion, gerade zufällig zusammen im Aufzug stecken geblieben zu sein. Er könne dann "endlich mal alles fragen, was ich schon immer fragen wollte", sagt Köster. Und zieht die Notfall-Moderationskärtchen aus dem Erste-Hilfe-Kasten.

In der zurückliegenden Woche hat das Format – nach gerade einmal drei Ausgaben, aber völlig zurecht – den Deutschen Fernsehpreis gewonnen. Bloß halt in der falschen Kategorie. Denn im klassischen Sinne "Comedy" ist "Next Stop Köster" allenfalls auf den ersten Blick. Das vermeintliche Spaß-Etikett wirkt eher wie ein Türöffner: Eine Anfrage der "heute show" lässt sich schlecht ablehnen, ohne irgendwie humorlos zu wirken. (Nicht wahr, Herr Wüst?)

Eigentlich geht es aber um ein politisches Gespräch – bloß unter anderen Vorzeichen, als sonst für dieses Genre im Fernsehen gelten. Das liegt hauptsächlich daran, dass Köster seine Fragen sehr, sehr gut gelaunt stellt. Und trotzdem niemanden mit Standardantworten davonkommen lässt.

Eine echte Zumutung

Zur Premiere im vergangenen Jahr konnte man förmlich dabei zusehen, wie Markus Söder im Laufe des Gesprächs deswegen langsam das mitgebrachte Grinsen einfror, als Köster langsam die Daumenschrauben anzog: "Was denken Sie: Welchen Standpunkt zum Thema Atomkraft werden Sie am Ende dieser Sendung haben?", "Kann man Ihnen beim Thema AfD vertrauen?", "Sind Ihre einzigen beiden Überzeugungen 'Markus' und 'Söder'?"

Mit Lars Klingbeil stritt er sich lustvoll über mögliche "Verschiebebahnhöfe" fürs Sondervermögen und ließ den Vizekanzler mit einem Zusammenschnitt aus der Bundespressekonferenz auflaufen, in der Klingbeil bei Nachfragen zu konkreten Zahlen permanent an seinen daneben sitzenden Staatssekretär delegierte (Köster: "Warum ist denn Steffen Meyer nicht Bundesfinanzminister geworden?").

Das meiste davon war eine Zumutung – und zwar: im besten journalistischen Sinne.

Erst der Gag, dann die Arbeit

Was "Next Stop Köster" auszeichnet, lässt sich dennoch am besten an der dritten Ausgabe des Formats veranschaulichen, in der im Juli eben Wadephul zu Gast war. Natürlich nutzte Köster die Gelegenheit, um klassische "heute show"-Gags zu machen. Weil der Minister schon mal Opfer eines russischen Fake-Anrufs war, fragte er: "Woher hatte denn Gerd Schröder Ihre Nummer?"

Und den Nachrichtenausschnitt, in dem sich der Minister bei seinem eigenen außenpolitischen "Dreiklang" verzählte – viel mehr als das war die Pointe nicht –, konterte dieser geistesgegenwärtig mit der Anekdote, dass er mal Finanzminister in Schleswig-Holstein hätte werden sollen ("Meine Frau hat gesagt: 'Du rufst sofort an und sagst ab'").

Der Flachs gelingt aber vor allem dann, wenn er eine zweite Ebene hat – etwa, als Köster für einen Einspielfilm im hohen Norden nach einem "Geheimbund" sucht, "der die CDU infiltrieren will – mit netten, normalen Menschen": sogenannten "Schleswig-Holsteiner:innen". Deren "Rädelsführer" (Ministerpräsident Daniel Günther) darf seinem befreundeten Parteikollegen anschließend ein lockeres Charakterporträt in die Kamera skizzieren.

Wie konnte das passieren?

Was Köster im Fahrstuhl wirklich anders macht als viele Polit-Kolleg:innen, ist: Er stellt Fragen, die wahrscheinlich auch ganz normale Leute so stellen würden.

Ist das nicht blamabel, wenn Deutschland nach dem Scheitern mit seiner Bewerbung für den UN-Sicherheitsrat plötzlich seine Mittel an die Vereinten Nationen kürzen will? Wie formuliert man gegenüber Donald Trump diplomatisch, dass er sich nicht einfach Grönland krallen kann? Wie oft bereut man es bei der aktuellen Weltlage, Außenminister geworden zu sein?

Manchmal muss Köster die Fragen auch gar nicht selbst formulieren. Wenn er dem Gast massig News-Schnipsel vorspielt, die allesamt die Unzufriedenheit der Deutschen mit der amtierenden Bundesregierung thematisieren, ist ans Ende ein älterer Ausschnitt mit einem Abgeordneten namens Johann Wadephul montiert, der sich quasi selbst fragt: "Wie konnte das passieren?"

Ein andermal zeigt Köster, wie Wadephul den damaligen Bundeskanzler Olaf Scholz im Bundestag in der Ukraine-Frage mit den Worten anging: "Was ist jetzt Ihre wirkliche Erklärung dafür, dass Sie sich weigern, den Taurus zu liefern?" – genau das, also, was auch die neue Bundesregierung dann unter Wadephuls Beteiligung nicht tat. Köster: "Die Frage gebe ich mal direkt an Sie weiter."

Das Völkerrecht und die StVO

Bei vielen Dingen antwortet Wadephul ausweichend – oder besser: diplomatisch ("Hey, das ist mein Job!"). Manchmal ist er aber auch erstaunlich offen. Ob ihm vor der Sicherheitsrat-Abstimmung Leute ins Gesicht gelogen hätten? "Ja, definitiv", sagt der Außenminister. Man habe „da Stimmen nicht bekommen, die uns zugesagt waren".

Oder er überrascht mit ungewöhnlichen Analogien, etwa, wenn er die (verletzte) Einhaltung des Völkerrechts in der Causa Trump/Venezuela mit der der Straßenverkehrsordnung zu vergleichen versucht (in einer geschlossenen Ortschaft dürfe man nur 50 fahren – "trotzdem fahren welche schneller. So ist das auch im Völkerrecht").

Was für Köster Anlass ist, wieder so eine normale Frage zu stellen: "Aber ist das denn nicht peinlich, dass wir Völkerrechtsbruch nur klar benennen, wenn es auch die Richtigen tun?"

Am schwierigsten wird es für den netten Schleswig-Holsteiner, wenn Köster ihm geballt aneinanderreiht, wie der Bundeskanzler auf streitbare Art die Weltlage kommentiert. "Sie sind zwar Außenminister, aber gleichzeitig ist Friedrich Merz ja auch Außenkanzler", sagt Köster dann – und will wissen, ob Wadephul den Job eigentlich nur in "Lifestyle-Teilzeit" mache. Um von da aus Schritt für Schritt eine mal undiplomatische Einordnung des Ministers zu seinem Chef zu provozieren.

Aber der bleibt nicht nur loyal, sondern behauptet auch dann, wenn Merz und er sich bei außenpolitischen Fragen (Syrien, Iran usw.) in Bewertung und Tonalität massiv unterscheiden: "Es ist das Gleiche." Und dann nochmal. Und dann nochmal. Was keine Bewertung mehr braucht.

Durch Widersprüche gewunden

Wahrscheinlich besteht der größte Unterschied zu regulären Talker:innen vor allem darin, dass Köster nicht versucht, sein Gegenüber zu stellen – nach dem Prinzip: Nachfrage, Zugeständnis, Sieg. Im Zweifel ist es genauso wirksam, mitanzusehen, wie sich der Gast durch sorgsam recherchierte und belegte Widersprüche zu winden versucht.

Aus Sicht des Formats ist es keine Niederlage, auch mal lockerzulassen, falls es bei einem Thema nicht weitergeht. Dann kommt halt einfach noch ein lustiger Einspieler aus dem Bundestag. Und später: der nächste Anlauf.

All das führt dazu, dass man als Zuschauer:in das Gefühl hat, einer echten Unterhaltung beizuwohnen – statt eines Schlagabtauschs. Das ist schlau, weil es Politik für ein Publikum zugänglich macht, das sonst eher keine TV-Talks einschaltet. Als Bonus lernt man auch den Gast sehr viel besser kennen, wenn der zwischendurch mal einen eigenen Gag platzieren kann. (Am Ende fordert Wadephul Köster dazu auf, noch eine Runde "Uno" mit ihm zu spielen – "damit ich auch mal gewinne".)

Gesucht: zugängliche Politiker:in

"Next Stop Köster" bringt das Kunststück fertig, Politiker:innen nicht über reine Konfrontation zur Rede zu stellen, sondern über faktenbasierte Verschmitztheit. Man lernt viel aus den Reaktionen derer, die sich dazu verhalten müssen. Und kann dadurch nachher sehr viel besser abschätzen: Was ist das für ein Mensch? Wie macht er Politik? Und warum ist der für das Amt, das er ausübt, vielleicht wirklich geeignet? (Oder eben nicht.)

Gleichzeitig hat das Format auch Grenzen. Zuallererst natürlich die selbst gesetzten: Die Sache mit dem Aufzug ist als Grundprinzip lustig und nachvollziehbar – aber möglicherweise schnell überstrapaziert.

Der eingestreute "heute show"-Klamauk erfüllt den Zweck, beide Gesprächspartner kurz durchatmen zu lassen. Nur ist der Weg zurück ins Ernsthafte danach jedes Mal ein ziemlich weiter.

Vor allem dürfte "Next Stop Köster" aber stark davon leben, dass die ausgewählten Gesprächspartner – wie Wadephul – eine gewisse Zugänglichkeit mitbringen. Im Gespräch mit Söder war bereits zu erahnen, dass diese Voraussetzung zum Ende hin tendenziell auf der Kippe gestanden haben muss. Und wenn man gesehen hat, wie Friedrich Merz im Bundestag mit abschätzigem Blick an Köster vorbei stürmt, ohne ihn einer Silbe zu würdigen, ahnt man: Nicht mit allen Politiker:innen wäre "Next Stop Köster" so möglich.

Diese dämliche "heute show"

Kann aber sein, dass es gar kein Verlust ist, wenn manche lieber weiterstürmen. Solange es sich einfach weiter darüber staunen lässt, dass eines der besten Politinterview-Formate im deutschen Fernsehen ausgerechnet eins ist, das gar keins sein will. (Man müsste ihm glatt einen Fernsehpreis dafür verleihen!)

Alternativ lässt es sich auch mit den Worten des Schutzpatrons Bayerns auf den Punkt bringen. Der, als er zum Schluss von Köster ein "Fähnchen im Wind" mit seinem Konterfei auf blau-weißer Flagge als Dankeschön überreicht bekommt, noch halb im Schock schimpft: "Endlich mal was Sinnvolles von dieser dämlichen 'heute show'."

Und damit: zurück nach Köln.

"Next Stop Köster" mit Johann Wadephul und das Gespräch mit Lars Klingbeil sind auf ZDF.de abrufbar. Die Premiere mit Markus Söder steht noch auf YouTube.