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Gedanken

Paris

 

Eine Tragödie wie die Terrorserie von Paris verlangt nach Erklärung und Einordnung. Was können Medien leisten, welche Erwartungen sollten sie erfüllen und wo ist Vorsicht geboten: Hans Hoff und Thomas Lückerath mit offenen Gedanken zu diesem Thema.

von Hans Hoff
15.11.2015 - 08:55 Uhr

Wir sind ratlos. Wir schwanken. Wir diskutieren. Das ist der Stand in der DWDL-Redaktion am Tag nach den Anschlägen von Paris und deren medialer Aufbereitung. Wir reden drüber. Wir tauschen Argumente aus. Wir streiten. Wir vertragen uns. Am Ende haben wir alle was gelernt. Alleine durch das Verständnis für unterschiedliche Blickwinkel auf das gleiche Thema. Gewissheit bringt das nicht. Es ist viel zu früh für Gewissheiten.

Aber wir wollen gerne offen legen, was uns beschäftigt. Thomas Lückerath hat sich am Freitagabend schon darüber gewundert, wie lange ARD und ZDF am Regelprogramm festgehalten haben. Er hat moniert, dass durch die digitale Nachrichtenwelt so manche Eilmeldung verschickt wurde und Menschen, die darauf hin auf der Suche nach Bestätigung das Fernsehen angemacht haben, dort erst einmal nicht viel mehr gefunden haben als Fußball und Krimi.

Ich habe ihm geantwortet, dass es eben Freitagabend war. Die ganze Welt war eingestellt auf ein Fußballspiel, auf das, was man an einem Freitagabend üblicherweise macht. Niemand hat mit den Anschlägen gerechnet. Wir leben unser Leben und denken nicht dauernd an die Gefahr von Anschlägen. Das ist Teil unserer Freiheit, zu der auch das Recht auf unbeschwerte Stunden gehört.

Auch die Nachrichtenleute von ARD und ZDF hatten an diesem Freitag anderes im Sinn. Als die Anschläge passierten, wurden sie genauso aufgeschreckt wie jeder andere. Natürlich sind alle verfügbaren Kräfte dorthin geeilt, wo sie nützlich sein konnten. Sie haben den ganzen Nachrichtenapparat hochgefahren, haben Sendungen vorbereitet, aber sie sind nicht direkt on air gegangen, weil sie möglicherweise ahnten, dass sie in der ersten Zeit nicht viel Handfestes hätten vermelden können. Nach meiner Einschätzung hilft es nicht viel weiter, wenn man auf dem Sender nichts zu sagen hat.

Thomas hat dagegen gehalten. Er hat argumentiert, dass die Menschen in Zeiten der Not und Ungewissheit ganz offenbar Institutionen wie dem Fernsehen vertrauen. Sie suchen zunächst einmal nicht danach, bestätigt zu bekommen was da passiert ist. Sie suchen Gewissheit, mit dem, was da passiert, nicht alleine zu sein. Vertrauen schafft Journalismus nicht erst durch exakte Details. „Es fängt schon damit an, dass man füreinander da ist“, hat Thomas gesagt. ARD und ZDF seien aber zunächst nicht da gewesen, als das Publikum von Eilmeldungen Anderer verunsichert wurde und sich an vertraute Nachrichtenmarken wandte. Andere öffentlich-rechtliche Programme in Europa waren da längst auf Sendung.

Ich kann diese Gedanken nicht ganz von der Hand weisen. Sie haben zu tun mit der Kraft des Fernsehens, mit einem Medium, das trotz aller Unkenrufe immer noch die erste Adresse ist, wenn Menschen in unsicheren Zeiten nach Information suchen. Ich finde, ARD und ZDF sollten das als großes Kompliment begreifen und sich nicht wegducken, wenn es gilt, früh Flagge zu zeigen.

Vielleicht wäre es für alle Sender richtiger, sich nicht nur als reines Informationsmedium zu begreifen, sondern auch als zentrales Lagerfeuer, an dem jemand sitzt und einfach redet, eine kluge Frau, ein weiser Mann, eine Vertrauensperson. Die sagt vielleicht, dass sie auch nichts weiß. Das kann man sagen, wenn man nichts weiß. Das sollte man sagen, wenn man nichts weiß. Aber sie ist da. Sie signalisiert, dass man genau hier als Zuschauer richtig ist. Sie sendet die klare Botschaft aus: Wenn es eine wichtige Botschaft gibt, dann erfährst du sie hier. Wir füttern dich nicht unnötig mit Spekulationen, wir liefern dir Fakten, wenn wir sie hart haben. Aber wir sind da.

Nicht wenige denken dabei sicherlich an den Einsatz von Peter Kloeppel am 11. September 2001. RTL mag an dem Tag nicht die besten Nachrichten gehabt haben, aber Kloeppel war da, war jemand, an den man sich wenden konnte. Er war ein Anchorman.
Es ist natürlich eine sehr emotional gefärbte Betrachtungsweise des Programmauftrags, vielleicht ein bisschen naiv. Aber Naivität ist in Zeiten, in denen es um Grundwerte geht, nicht immer die schlechteste Alternative.

Thomas hat dann noch zu bedenken gegeben, dass sich bei solchen Ereignissen mal wieder rächt, dass die Öffentlich-Rechtlichen leider nicht dürfen wie sie könnten: Mit einem echten Nachrichtenkanal die schon vorhandenen Ressourcen gezielter nutzen und damit schneller übernehmen zu können als es am Freitag bei der ARD geschehen ist, wo die Sportreporter viel Zeit überbrücken mussten bis man länger als für Kurznachrichten aus Hamburg senden konnte. Ein solcher Sender, der den Nachrichtenbetrieb nicht erst hochfahren müsste, wäre eine Verinnerlichung der Kernkompetenz Information.

Auch in dieser Frage sind wir uns nicht einig. Ich glaube, dass auch ein Nachrichtenkanal an diesem Freitag nicht schneller bei der Sache gewesen wäre. Auch solch ein Kanal wäre an einem solchen Tag angesichts der vorher mauen Nachrichtenlage und angesichts der Fußballkonkurrenz höchstens im Standby-Modus gefahren worden. Schließlich kamen die privaten Nachrichtenkanäle auch eher mühsam in den Status Vollbetrieb. So etwas braucht Zeit. Glaube ich. Sicher bin ich mir nicht.

Vielleicht muss sich aber nicht nur bei den Sendern etwas an der Einstellung ändern, vielleicht müssen auch die Nutzer über ihr Verhalten nachdenken.

Wenn so etwas passiert wie am Freitag in Paris, dann macht sich rasch Hilflosigkeit breit. Ich kann jeden verstehen, der dann nach Informationen giert, der möglichst schnell gesicherte Erkenntnisse haben möchte. Aus menschlicher Neugier oder konkreter Sorge um Familie und Freunde. So etwas ist wichtig, um die eigene Unsicherheit im Zaum zu halten. Informationen sind da die wichtigste Nahrung.

Wir als Nutzer sollten aber auch ein wenig Geduld mitbringen. Solche Lagen wie in Paris klären sich nicht in Minuten oder Stunden. Damit sollten wir uns abfinden und jenen, die vor Ort sind, genau die Zeit geben, die sie brauchen, um Fakten hart zu machen, um Informationen abzusichern. Nur so kann vernünftiger Journalismus entstehen, kann ein Bild des Ganzen gezeichnet werden. Wenn ich ein 5000-Teile-Puzzle auspacke, ist es halt für jeden ein bisschen verwirrend, wenn ich ihm alle paar Minuten eine Handvoll Teile zuwerfe. Es ist das ganze Bild, das spricht.

Oft aber wollen wir nicht auf das ganze Bild warten. Wir wollen Infos. Jetzt! Kaum jemand kann sich davon frei machen. Vielleicht hilft es, wenn wir uns bewusst machen, dass wir selbst es sind, die sich die Welt ins Haus holen. Wir können in jeder Sekunden an jeden Ort der Welt schalten, aber wir können mit dem, was uns da ins Wohnzimmer strömt, nicht unbedingt immer etwas anfangen. Wir importieren in vielen Fällen lediglich ein Mehr an Ratlosigkeit.

Ich plädiere daher für ein duales Verfahren. Nach der legitimen Vergewisserung, dass Unglaubliches geschehen ist, könnte man sich selbst bei offenbar unübersichtlichen Großereignissen nach den ersten Informationen eine Weile auf Nachrichtendiät setzen. Eine Stunde gucken und dann abschalten. Nichts wird besser, wenn man pausenlos auf den Schirm starrt. Nichts wird schlimmer, wenn man mal eine Weile abschaltet. Wir haben mit dem Geschehen da draußen erst einmal nichts zu tun. Jedenfalls nicht unmittelbar. Wir sitzen in einem anderen Land, im Zweifel auf einem anderen Kontinent. Es ändert sich nichts, wenn wir pausenlos auf Refresh klicken und Live-Ticker anbeten.

Neben der Nachrichtendiät sollte man zweitens überlegen, ob man unbedingt die Welt an der eigenen Hilflosigkeit teilhaben lassen möchte. Natürlich kann es helfen, wenn man sich gegenseitig Trost spendet. „Es fängt schon damit an, dass man füreinander da ist“, wie Thomas sagt. Das ist okay. Leider bleibt es in der Regel nicht dabei. Wer sich öffentlich äußert, gerät schnell in die Versuchung, Halbgares weiterzutwittern, irgendetwas Unbestätigtes zu liken und so die Spekulationsmaschine auf Hochtouren zu bringen. Es wird aber kein Essen besser, wenn dir alle ihren Senf auf den Teller spucken.

Gestern machte in Paris per Twitter die Meldung von einer neuen Explosion die Runde. Es stellte sich später heraus, dass eine Hochzeitsgesellschaft ein Feuerwerk gestartet hatte. Geschmacklos angesichts der Vorgänge vom Freitag, aber kein Anschlag. Ein vermeintlicher FDP-Tweet, der aus der Terrorserie politisches Kapital schlagen wollte, wurde zigfach geteilt - obwohl es ein Fake-Account war.

Es wird eine ziemliche Weile dauern, bis deutlich werden wird, was in Paris wirklich geschah, bis gesicherte Erkenntnisse vorliegen. Darauf kann man warten. Man kann das Warten lernen. Und wenn man das schon nicht hinkriegt, weil man das Drücken der Austaste als Eingeständnis der eigenen Machtlosigkeit wertet, sollte man die Zeit im Netz wenigstens klug verbringen und betont sachlich jenen Einhalt gebieten, die auf der Flamme der allgemeinen Konfusion ihr politisches Süppchen kochen und Terroristen und Flüchtlinge in einen Topf werfen. Natürlich wäre es besser, dass sie niemand wahrnähme, aber so sind die Verhältnisse nun mal nicht.

Im Prinzip muss jeder seine persönliche Katastrophenstrategie finden. Jeder geht anders mit Hilflosigkeit, Trauer, Entsetzen um. Allgemeine Regeln gibt es da nicht. Auch hier nicht. Auch bei uns nicht. Das hier sind Anregungen, Überlegungen, vielleicht genauso halbgar wie manches, was in der Freitagnacht auf den Sender ging. Es macht keinen Toten wieder lebendig, es putzt die Angst nicht weg, aber es hilft vielleicht ein wenig, wieder zur Besinnung kommen und sich vorzubereiten auf die Tage, die da kommen. Derzeit ist nicht davon auszugehen, dass sie leichter werden. Füreinander da sein, das ist ein Anfang.

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