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Das Hoff zum Sonntag

Investigatives Fernsehen: Wir rütteln auch an Ihrer Tür

 

Wenn es im Fernsehen investigativ zugehen soll, dann sieht man Kamerateams bei Überfallbesuchen häufig an verschlossenen Türen rütteln. Daraus könnte man doch ein eigenes Format machen, meint Hans Hoff. Vielleicht findet sich ja ein Sender...

von Hans Hoff
26.02.2017 - 09:00 Uhr

Ich möchte an dieser Stelle auf mein neues Fernsehmagazin hinweisen. Wo das läuft, kann ich noch nicht sagen. Soll ja eine Überraschung werden. Ich sag das mal so, weil das auch Medienmenschen immer sagen, wenn sie ihr Produkt noch nicht untergebracht haben. Mir fehlt, ehrlich gesagt, auch noch ein Sender für mein Fernsehmagazin. Trotzdem kann ich sagen, dass es neu wird und investigativ und neu.

Obwohl es ja eine Überraschung werden soll, möchte ich hier, wir sind ja unter uns Medienmenschen, doch ein paar zentrale Details verraten, weil mir das ja möglicherweise ein paar Türen öffnen könnte.

Damit wären wir auch gleich beim Thema. Türen öffnen. Nein, in meinem Magazin werden Türen nicht wirklich geöffnet, es bleibt in der Regel beim Versuch, eine Tür zu öffnen. Aber es wird gerüttelt an der Tür. Es wird heftig gerüttelt, also so heftig, wie man das mit einer Hand kann, weil man mit der anderen ja ein Mikrofon halten muss. Das Mikrofon macht sehr deutlich, dass der Mikrofonhalter jemanden sprechen möchte. Genau deshalb rüttelt er an der Tür, die sich aber nicht öffnet.

Die Symbolik erschließt sich jedem Kleinkind. Da will jemand rein und kommt nicht rein. Ein richtiger investigativer Schuh wird dann mit dem Off-Text draus. Dort heißt es: „Wir wollten natürlich auch von der Firma XYZ eine Stellungnahme zu den Vorwürfen hören, aber dort war niemand für uns zu sprechen.“ So wie man es in Magazinen aller Art, die sich das Investigative auf die Fahnen geschrieben haben, immer wieder erlebt. Dazu kommen Bilder vom Konzerngebäude, vom Firmenschild, von der Klingeltaste.

Das Rütteln ist so etwas wie der zentrale visuelle Tätigkeitsnachweis, der Beleg, dass man zumindest versucht hat, die Gegenseite zu hören, bevor man sie on air mit Vorwürfen überhäuft.

Die Alternative zum reinen Rütteln ist eine Totale des Gebäudes der Firma oder des zuständigen Ministeriums, dann Schnitt auf das Firmenschild, notfalls auch auf die Klingelleiste. Dazu der passende Off-Text: „Vor der Kamera wollte man uns kein Interview geben. Schriftlich sagt man uns…“ Danach scrollt dann ein Text über den Bildschirm. Oder es wird ein Fax gefilmt, aus dem Papier quillt. So als habe ein Kamerateam neben dem Faxapparat gestanden und darauf gewartet, dass die vom Ministerium verlangte Stellungnahme endlich aus dem Gerät läuft.

Sowohl die Schrifttafel als auch das Rütteln an Türen sind zentrale Elemente von investigativen Formaten. Gelegentlich werden sie auch ergänzt oder abgelöst von Reportern, die überfallartig in ein Gebäude eindringen, Gänge entlanghecheln und hinter der nächstbesten Tür, notfalls auch bei der Reinigungskraft, dringenden Gesprächsbedarf anmelden. In der Regel folgt dann eine Phase, in der verpixelte Gestalten ratlos scheinen, telefonieren und auf und ab gehen. Danach kommt dann die Mitteilung, dass aktuell niemand für das Kamerateam zu sprechen ist. Im verschärften Fall rückt auch noch ein überfordertes Securityteam an und fordert auf, das Filmen einzustellen und das Gelände zu verlassen.

Das ergibt immer geile Aufnahmen, die natürlich die Vorwürfe quasi über Bande bestätigen und suggerieren, dass schon ein bisschen Schuld vorhanden sein muss, wenn die Vorstandsvorsitzenden von Konzernen nicht in jeder Sekunden auf den Rändern ihrer Stühle hocken und auf Überfallkamerateams warten, um in deren Gegenwart glashart Stellung zu beziehen.

Mein neues Format bündelt nun die besten Rüttel-Momente dieser investigativen Recherchen. Wir erklären gar nicht mehr groß, was die Vorwürfe sind, wir gehen gleich an die Türen und rütteln. Und wenn wir damit fertig sind, gehen wir zur nächsten Tür und rütteln wieder. Dazu fabuliert dann unser mit sorgenvollem Timbre geschlagener Off-Sprecher: „Wieder ist niemand für uns zu sprechen.“

Ich verspreche, wir füllen mit Rütteln, Überfallbesuchen und Bildern von quellendem Faxpapier problemlos eine Dreiviertelstunde. Wir sind zudem extrem günstig im Preis, weil wir direkt losfahren und unsere Zeit nicht mit Telefonieren oder Anmeldungen oder Akkreditierungen verplempern. Wir gehen direkt dahin, wo es wehtut. Rüttel. Rüttel.

Sollte das mit dem ganzen Magazin wider Erwarten nicht werden, sind wir natürlich vorbereitet. Wir fahren zum nächstbesten Sender und rütteln dort an der Tür. Und wenn uns niemand vorlässt, sagen wir unser Zaubersätzchen: „Wieder ist niemand für uns zu sprechen.“ Wir rütteln dann beim WDR und verkaufen die Aufnahmen an RTL. Oder umgekehrt.

Notfalls können wir natürlich auch einen Schnelldienst für investigative Magazine anbieten. Man ruft uns an, nennt uns eine Adresse, und schon ist ein Team unterwegs, das innerhalb von ein paar Stunden an den richtigen Türen rüttelt und das Firmenschild sowieso das Hauptverwaltungsgebäude und das zugehörige Klingelschild abfilmt. Da können sich die Redaktionen etliche Außentermine sparen.

Moment, ich muss gerade zur Tür. Mein Team rüttelt. Wahrscheinlich wieder die Schlüssel vergessen, die Trottel.

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