Teleprompter © Flickr/deejayqueue
Das Hoff zum Sonntag

Teleprompter gegen Medien-Tourette

 

Hans Hoff ist fasziniert von Telepromptern. Er schaut sich gerne im Regionalfernsehen die Moderatoren an, die von eben solchen ihre Sätze ablesen. Nun will er sich selbst einen anschaffen - und eigentlich könnte man die Prompter ja auch in Virtual-Reality-Brillen integrieren.

von Hans Hoff
09.04.2017 - 10:20 Uhr

Als ich neulich mal wieder vorabendliches Regionalfernsehen sah, wünschte ich mir, ich könnte auch so gebannt auf etwas blicken wie diese Moderatoren. Sie sahen mich unentwegt an und leierten mit der üblichen Betroffenheitsmiene irgendwelche Meldungen von schlimmen Vorfällen herunter. Ihre starren Gesichter sprachen dabei parallel zu ihren Mündern, und sie sagten: schlimm, schlimm, schlimm. Ich weiß nicht mehr, wovon der zugehörige Bericht handelte, aber ich wusste gleich, es ist schlimm, schlimm, schlimm.

Das hat mich sehr beeindruckt, diese resolute Konzentration auf mich, den Zuschauer. So etwas wird mir ja sonst selten zuteil. Meine Pfleger erledigen halt ihren Job, schauen auf die Uhr, und dann sind sie weg. Wie viel besser sind da die Moderatoren, die nichts anderes im Sinn zu haben scheinen als meine Aufmerksamkeit. Sie schauen mich an, ja mich. Dachte ich jedenfalls.

Inzwischen weiß ich, dass sie ein bisschen pfuschen. Sie schauen mich gar nicht wirklich an. Sie stehen in einem Studio und schauen auf eine Kamera mit Teleprompter, der ihnen den Text zeigt, den der Redakteur oder im besten Fall der Moderator selbst oder beide dort eingepflegt haben.

Seit ich das weiß, schaue ich die Moderatoren noch genauer an, und ich kann im besten Fall tatsächlich sehen, wie ihre Augen wandern von Zeile zu Zeile. Gute Moderatoren nutzen den Teleprompter mit einer gewissen Lässigkeit. Sie lassen sich von ihm allenfalls Stichworte geben und fabulieren dann frei. Allerdings spreche ich ja immer noch vom schlimm-schlimm-schlimm-Regionalfernsehen vor acht, jener Hölle der Seniorenbespaßung, in der alle schmoren, die es beim Fernsehen zu nichts Richtigem gebracht haben.

Nein, das war jetzt ungerecht. Nicht alle beim Regionalfernsehen sind Versager, es gibt ja auch noch die Morgenmagazine. Nein, das war jetzt noch schlimmer. Ich entschuldige mich ausdrücklich bei den blassen Gestalten aus den Morgenmagazinen, die ihren Dienst beginnen, bevor die erste Amsel sich bequemt, ihr Tirili anzustimmen. Ich entschuldige mich, weil ich sonst wieder Ärger kriege mit einer dieser Moderatorinnen, die meint, dass die Welt ohne die Frauen und Männer von der televisionären Frühschicht eine schlechtere wäre. Das will ich nicht. Sie guckt dann immer so böse. Das halte ich nur schwer aus.

Wo war ich stehengeblieben? Was wollte ich eigentlich erzählen? Ach ja, vom Teleprompter. Entschuldigen Sie, ich bin manchmal sehr unkonzentriert und plappere dann vor mich hin. Deshalb frage ich mich langsam, ob ich nicht auch einen Teleprompter brauche. Ich meine, solch ein Prompter, der ständig vor mir schwebt und mir die Worte so vorgibt wie sie sein sollten, wäre doch eine sehr bequeme Sache. Ich ginge dann durch die Straßen, vor mir ein Kameramann mit Kamera und integriertem Prompter, und da lese ich dann ab, was ich sagen will oder was ich sagen soll.

Natürlich sage ich: schlimm, schlimm, schlimm. Die Welt ist in diesen Tagen schließlich so, dass man immer schlimm, schlimm, schlimm sagen kann, ohne groß weiter aufzufallen. Außer wenn mal wieder die Geburt eines Tierbabys zu vermelden ist. Dann steht auf dem Prompter bestimmt „dahinschmelzen“. Das darf ich dann nicht sagen, das muss ich tun, in der Hoffnung, dass ich dann so wirke wie ein Vorabendmagazinmoderator oder solche eine blasse Gestalt aus dem Morgengrauen. Entschuldigung, da war es schon wieder. Immer muss ich auf diese armen Menschen schimpfen, die nie einen Prompter benutzen. Mein Arzt sagt, dass es sich um Medien-Tourette handelt. Ich kann halt nichts dafür, wenn es aus mir heraus birst: Scheiß Morgenmagazin.

Oh, Verzeihung, ich sollte zurückkommen zum Thema dieser Kolumne, bevor mir wieder ein Leser just die Schwafelei vorwirft, die ich hier natürlich betreibe. Ich lasse mich treiben von meinen Gedanken, komme von Hölzken aufs Stöcksken und dann wieder zurück. Ich mäandere quasi verbal vor mich hin, und zwischendurch macht sich dann mein Leiden bemerkbar. Entschuldigung, aber es muss raus: Scheiß Vorabend.

Das ließe sich ändern, wenn ich endlich einen Prompter hätte. Der könnte mein wirres Leben endlich in geordnete Bahnen lenken, könnte mir sagen, was ist oder was zu sein hat. Komme mir jetzt nur niemand mit pseudophilosophischen Fragen nach dem freiwilligen Sein oder dem unfreiwilligen Muss. Ein Teleprompter muss her.

Ich liebe Prompter. Ich liebe aber fast noch mehr, wenn nach einem Personalwechsel die Prompter nicht ganz korrekt eingestellt sind. Dann sehen die Gestalten auf dem Bildschirm ein bisschen so aus, als schauten sie an mir vorbei. Ich habe mich in solchen Fällen schon mehrfach umgedreht, um zu schauen, ob hinter oder neben mir noch jemand hockt. Aber da ist nur Leere, die Pfleger sind längst weg.

Manche Moderatoren sehen bei falsch eingestelltem Prompter ein bisschen so aus wie schielende Kaninchen, die versuchen, eine sie bedrohende Schlange mit ihrem bloßen Blick zu besiegen. Oder wie solch ein Showhypnotiseur in einem drittklassigen Touristiketablissement auf Gran Canaria, dem Freizeitäquivalent zum Scheiß-Morgenmagazin. Entschuldigung. Tourette, Sie verstehen.

Doch, die Erkenntnis verdichtet sich in mir. Wir alle brauchen Prompter. Die Welt wäre eine bessere. Man könnte sie ja prima integrieren, in die jetzt immer wieder zu bestaunenden Virtual-Reality-Brillen, die ihre Träger noch bescheuerter aussehen lassen als Moderatoren im Regionalprogramm. Da kann man dann nicht nur täuschend echt die Welt bestaunen, die man auch sähe, wenn man die klobigen Brillen mal abnähme, man kann da auch Schrift integrieren. Bei mir stünde dann bestimmt: Sei mal nett, du alte Meckereule. Ich wüsste dann sofort, was ich zu sagen hätte: schlimm, schlimm, schlimm.

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