© ZDF/Jules Esick
Das Hoff zum Sonntag

"Zarah" im ZDF: Ein vermeidbarer Fehlschlag

 

Die Serie "Zarah - Wilde Jahre" hat sich für das ZDF zu einem bitteren Flop entwickelt, den hat man in Mainz aber zu großen Teilen selbst zu verantworten. Hans Hoff findet die Serie gut und ist erbost darüber, wie der Sender mit der Produktion umgegangen ist.

von Hans Hoff
08.10.2017 - 10:15 Uhr

Ich hole jetzt mal den Dampfhammer raus, und sehr wahrscheinlich übertreibe ich, wenn ich die Entscheider in einem sehr großen deutschen Sender nun ein bisschen beleidige. Aber es geht nicht anders. Ich glaube, dass die beim ZDF entweder einen Hau haben oder keine Ahnung von gar nichts. Und ich weiß noch nicht mal, welche der Alternativen die schlimmere wäre.

Es geht um "Zarah – Wilde Jahre", eine Serie, die sich ambitioniert mit dem Geschehen in einer Illustrierten-Redaktion der Siebziger auseinandersetzt. In die Männerwelt beim Magazin "Relevant" bricht Zarah ein. Sie ist eine kluge Autorin, sie ist entschlossen, und sie wirbelt als Kämpferin für die Anliegen der Frauen in dem Laden genau jenen Staub auf, der sich in einer jahrelang von Kerlen dominierten Welt halt so absetzt.

Ich mag die Serie, auch wenn ich mich mit dem von ZDF vergebenen Titel "Journalisten-Serie" nicht anfreunden mag. Ich glaube gar: Liefe sie bei Netflix, würde sie längst als der neue heiße Scheiß durch die sozialen Netzwerke wabern und hundertfach empfohlen werden, aber sie läuft nun mal beim ZDF.

Ich mag die Serie trotzdem. Ich mag sie sogar sehr. Das könnte daran liegen, dass ich befangen bin, weil ich die Zeit, in der das ganze spielt, pubertierend miterlebt habe. Ich weiß noch genau, wie sich das damals angefühlt hat in dieser immer noch vom Nachkriegsmuff geprägten Schwarzweißwelt der Siebziger, die sich langsam anschickte, ein bisschen Farbe ins Leben zu lassen. Und ich weiß, dass "Zarah" viel davon sehr fein eingefangen hat.

Es ist vorab viel geschrieben worden über "Zarah". Es gab Kritiken, die der Serie einige Schwächen bescheinigten, und die Punkte, die dort als Beleg angeführt waren, sind nicht alle von der Hand zu weisen. Andererseits zeige mir jemand eine Serie ganz ohne Schwächen. So weit, so schlecht, so gut.

Was mich aber umtreibt, ist die Art und Weise, wie die beim ZDF mit der Serie umgegangen sind. Die haben sie, mal in dürren Worten zusammengefasst, erst hoch gelobt für ihre Ambition, ihr dann kurz vor dem Sprung ein Bein gestellt, und als sie dann humpelnd nicht mehr ein noch aus wusste, im Sender-Nirwana versenkt. Ein Flop mit Ansage quasi, der nahelegt, dass da irgendwer schwer subversiv dem Produkt schaden wollte. Oder unfähig ist.

Dabei klang alles vorab noch so prima. "Uns ist allerdings bewusst, dass man bei Drama-Serien häufig einen längeren Atem benötigt." Das hat Heike Hempel im DWDL.de-Interview gesagt, und es klang doppelt gut, weil sich die Frau eigentlich mit Serien auskennt und dann auch noch als Hauptredaktionsleiterin Fernsehfilm/Serie II firmiert.

Man hätte an dieser Stelle aber schon stutzig werden müssen, weil das Gerede vom längeren Atem, den man benötigt, nur sehr bedingt zusammenpasst mit gerade mal sechs beauftragten Folgen. Sechs Folgen sind das Minimum bei einer Serie, darunter verdienen die Folgen den Titel Serie kaum, da kann man sie als Mehrteiler verkaufen. Aber als Serie?

Man hätte noch ein bisschen stutziger werden müssen, als man feststellte, dass man "Zarah" im Doppelpack anbot mit "Das Pubertier". Aber da hatte man dieses Zusatzprodukt noch nicht gesehen und wusste nicht, dass das ZDF-Pubertier zwar nicht ganz so furchtbar ausfällt wie die Kinoversion, aber in keiner Szene den Geist atmet, der Jan Weilers Kolumnen und Bücher so brillant macht. Vielmehr handelt es sich um eine durchschnittliche Feelgood-Serie, in der alles viel zu bunt und viel zu offensichtlich ist. Im Prinzip kann man sich aber, wenn man "Zarah" daneben setzt, kaum einen größeren Niveausprung zwischen zwei Produkten vorstellen. So viel zur unglücklichen Paarung.

Dann kam die Terminierung hinzu. An den Start ging das Serien-Doppelpack am Donnerstag, 7. September. Ich hatte nichts dagegen einzuwenden. Bis ich feststellte, dass das nächste Doppelpack nicht am darauf folgenden Donnerstag ausgestrahlt werden sollte, sondern erst zwei Wochen später.

Ich meine, wie bescheuert muss man sein, um eine Miniserie mit gerade mal sechs Folgen direkt nach der Premiere auszusetzen? Das lernt man doch auf der Häschenschule für Serien, dass eine Serie auch davon lebt, dass man sie mit einer gewissen Regelmäßigkeit schauen kann. Serie und Gewohnheit sind ja quasi Schwestern.

Aber nein, am Donnerstag nach der Premiere, musste die Kanzlerin interviewt werden. Das wusste man lange vorher. Das war auch ein richtiges, ein wichtiges Interview, um das die Planer frühzeitig wussten. Aber wenn man so etwas weiß, dann startet man doch nicht eine Woche vorher ein Seriendoppelpack. Wie muss man drauf sein, um das angebracht zu finden? Ich erwähne dazu noch, dass nach dem ursprünglichen Sendeplan am 5. Oktober eigentlich wegen eines Fußballländerspiels bei RTL auch wieder eine Pause vorgesehen war, die allerdings diesmal auf dem ursprünglichen Sendeplatz nur "Das Pubertier" traf, während "Zarah" um 0.30 Uhr mit der eigentlich für eine Woche später vorgesehenen vierten Folge ranmusste. Nur mal für die Akten zusammengefasst: Eine gerade mal sechsteilige Serie, die ohnehin schon nicht viel Zeit hat, Gewohnheit aufzubauen, wird zweimal unterbrochen. Muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen.

Aber zurück auf Anfang. Da gingen also "Das Pubertier" und "Zarah" erst nach 14 Tagen Pause mit der zweiten Folge an den Start, in der Hoffnung, die nicht ganz so starken Quoten der Premiere wieder auszubügeln. Natürlich ging auch der zweite Serientag quotentechnisch in die Miesen, woraufhin man beim ZDF Entschlusskraft zeigte und "Zarah" zu ZDFneo und in die tiefe ZDF-Nacht verbannte. So viel zum Thema "langer Atem".

Nun kann man einwenden, dass "Zarah" durch den Move zu ZDFneo ja immerhin den Sendeplatz um 21 Uhr behalten konnte, was aber verkennt, dass es für manche Menschen, besonders ältere, einen Unterschied macht, ob etwas im Hauptprogramm läuft oder in der Sparte. Menschen, für die es wurscht ist, wo ein Programm läuft, können in der Regel streamen, dem normalen ZDF-Zuschauer über 60 traue ich mehrheitlich so viel Flexibilität nicht zu. Sonst würde er nicht klaglos die ganzen Sokos schauen.

Wahrscheinlich wundert man sich beim ZDF immer noch, dass die Quoten auch auf den Alternativplätzen nicht berauschend ausgefallen sind. Echt jetzt? Nicht so doll? Ja, wie konnte das geschehen? Nachdem der Sender doch alles getan hat, um jeden Hauch von Zuschauerbindung schon im Ansatz zu ersticken.

Und "Das Pubertier"? Das wurde am Donnerstag als Doppelpack ausgestrahlt, erzeugte aber selbst in der Massierung kein Quotenwunder. Ja, Mensch, manchmal steckt man echt nicht drin in diesen Zuschauern.

Ich glaube vielmehr, dass in den verantwortlichen ZDF-Menschen nichts drin steckt. Ich rede nicht von einem Entscheider. Es müssen mehrere sein. Da bin ich mir ganz sicher. Einer allein kann gar nicht so viele Fehler machen. Das geht nicht. Zumindest nicht in meinen Kopf rein.

Ja, ich weiß: Man kann sich das alles auch in der Mediathek ansehen. Da stehen inzwischen alle sechs "Zarah"-Folgen zum Binge-Watchen bereit, während das ZDF mit der linearen Ausstrahlung noch hinterher hinkt, was aber inzwischen eh schon wurscht ist.

Deshalb rege ich mich jetzt ab und sage nur noch einmal, dass die beim ZDF einen Hau haben. Und dann schicke ich die dringende Empfehlung hinterher, sich diese Serie in der Mediathek anzuschauen. Sie ist liebevoll ersonnen und produziert, sie zeichnet ein schönes Bild der Zeit, in der sie spielt, und sie hat mit Claudia Eisinger eine sehr beeindruckende Darstellerin, die ihrer Titelheldin echten Drive gibt. In einem Interview sagte sie, dass Zarah ein schönes Gefühl dafür gebe, wie es sei, wenn man immer alleine kämpfe, wenn einen niemand versteht, wenn man seiner Zeit voraus ist. Das galt für die Arbeit der Titelfigur bei der Zeitschrift "Relevant". Aber es gehört nicht viel Phantasie dazu, eine Parallele zu ziehen zwischen dem 70er-Jahre-Männermuff bei "Relevant" und der schon an Boshaftigkeit grenzenden Dilettanz beim ZDF. Wenn man also wissen will, wie die in Mainz ticken, dann schaue man diese Serie. Bitte! Guckbefehl! 

Über den Autor

Hans Hoff war Sozialpädagoge, rutschte aber ab 1979 durch Plattenkritiken und Konzertrezensionen in den Journalismus ab. Seit 1990 agiert er als staatlich anerkannter Glotzenbegutachter und mediale Meinungsschleuder vom Dienst.

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