© Alex Indigo / Flickr (CC BY 2.0)
Das Hoff zum Sonntag

Der Überraschungs-Fake: Nicht ohne mein Mikro

 

Eine Unsitte greift im Fernsehen immer häufiger um sich: Wenn Menschen an ihrer Haustür oder auf der Straße vermeintlich überrascht werden, dann tragen diese nicht selten bereits ein Mikrofon. Hans Hoff wünscht sich mehr Sorgfalt...

von Hans Hoff
07.01.2018 - 09:30 Uhr

„Hallo, guten Tag“, sagt jemand, der vor einer sich gerade öffnenden Tür steht. Ein Gesicht erscheint im Türrahmen, das von der erstaunten Mimik her „Ja, bitte?“ zu fragen scheint. „Wir kommen von Blöd-und-Billig-TV, und wir wollten fragen, ob wir mal in ihr Schlafzimmer schauen dürfen“, lautet die Antwort der Anklopfer. Der Türöffner guckt konsterniert und deutet mit der Hand eine „Eher nicht“-Geste an, was den potentiellen Eindringling zur Charmeoffensive veranlasst. „Wir sind auch gleich wieder weg“, flötet er. Und er hat Erfolg. „Na gut, dann kommen Sie mal rein“, lautet die Antwort.

Doof nur, dass der Wohnungsbesitzer von Anfang an ein Mikrofon am Kragen stecken hatte, also offensichtlich sehr genau wusste, was da auf ihn zukommen würde. Oder trägt man das jetzt so? Legt man morgens nach dem Aufstehen ein Funkmikrofon an? Vorsichtshalber? Könnte ja wer vom Fernsehen kommen, denkt man vielleicht. Da steck ich mal besser mein Funkmikro an.

Nein, es ist natürlich alles nur eine verflucht schlechte Inszenierung, mit der sich Fernsehmenschen ohne Not dem Vorwurf aussetzen, alles in ihrer Show sei abgesprochen. Als perfekter Beleg dient da der verlogene Einstieg, der bezeugt, dass die vom Fernsehen vorher schon mal da waren. Sie haben das Funkmikro angebracht und dann gesagt, dass man sich, wenn man die Haustür öffnet, erst einmal überrascht und dann ein bisschen widerständig zeigen soll.

Ist es eigentlich zuviel verlangt, von Fernsehmenschen ein bisschen mehr Fantasie zu fordern, ein bisschen mehr Einfallsreichtum? Vielleicht auch ein bisschen mehr Manpower, einen Tonmann mit Angel vielleicht? Oder ist das die falsche Forderung in diesen Zeiten, da alles billig, billig, billig sein muss?

Wenn so etwas in Scripted-Pseudodokus passiert, habe ich ja noch Verständnis. Da kommt es eh auf nichts anderes an als auf die Herstellung eines gewissen Sendevolumens. Da ist egal, was gesendet wird. Hauptsache, es wird gesendet.
Abe das mit dem vorab angesteckten Mikro greift immer mehr um sich. Kürzlich habe ich es schon bei einer Straßenumfrage entdeckt, wo doch die Überraschung eigentlich Prinzip der Recherche sein sollte.

Sehr beliebt ist es auch bei Promibesuchen. Wenn da die vom Fernsehen zur Homestory klingeln, tritt die Dame des Hauses an die Tür und sagt „Ach, was für eine Überraschung“, und im Ausschnitt prangt für alle sichtbar das Mikro. Ehrlicher wäre, die Besuchte würde „Kann es jetzt endlich richtig losgehen?“ stöhnen und damit deutlich machen, dass das Team schon vorab da war. Aber nein, sie muss schlecht, und ich meine ganz schlecht spielen, dass sie den Besuch des Teams nun aber so was von gar nicht erwartet habe.

Natürlich ist es kleinkariert, auf solch einer Winzigkeit herumzureiten. Und ja, ich habe eigentlich auch anderes zu tun, aber nach meiner Einschätzung ist Fernsehen in seiner besten Ausprägung immer noch ein Mosaik, das aus ganz vielen Edelsteinen zusammengesetzt ist. Das kann dann funkeln und glänzen und Faszination auslösen. Prangt aber zwischen den Pretiosen ein ungewaschenes Stück Kohle, ist das ganze Bild verschmutzt. Wer schon einmal einen Pixelfehler auf seinem Flatscreen hatte, wird wissen, wovon ich rede.

Also empfehle ich zum Jahresstart, dass sich 2018 alle mal ein bisschen mehr Mühe geben und sich daran erinnern, dass das mit dem Fernsehen einst als Kunst galt. Macht ordentliches Fernsehen. Wenigstens die meiste Zeit. Auf dass das Schauen wieder mehr Spaß macht.

Über den Autor

Hans Hoff war Sozialpädagoge, rutschte aber ab 1979 durch Plattenkritiken und Konzertrezensionen in den Journalismus ab. Seit 1990 agiert er als staatlich anerkannter Glotzenbegutachter und mediale Meinungsschleuder vom Dienst.

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