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Das Hoff zum Sonntag

Muss man einschreiten, wenn Frauen "Topmodel" schauen?

 

Wie ist es zu erklären, dass auch emanzipierte Frauen plötzlich versammeln, um gemeinsam "Germany's Next Topmodel" und "Der Bachelor" zu schauen? Wie lange darf man sich das mit ansehen? Müsste man da nicht einschreiten? Hans Hoff ist ratlos.

von Hans Hoff
11.02.2018 - 10:23 Uhr

Ich habe da mal eine Gewissensfrage. Ich weiß, die stellt man üblicherweise irgendwelchen philosophisch vorgebildeten Experten in Magazinen, und die holen dann ihren Kant und Schopenhauer aus der Kiste und sagen mir, was diese ehrwürdigen Herren auf meine Frage geantwortet hätten.

Das ist fein, dauert mir aber zu lange. Solche Experten sind oft ausgebucht, und dementsprechend schwer ist es, ein Problem zur Sprache bringen zu können. Daher versuche ich es mal hier mit Selbsthilfe. Vielleicht führt das schneller zur Lösung. Ich habe nämlich eine gute Freundin, eine sehr kluge, witzige, sehr klar strukturierte Frau, die mir schon in mancher Lebenslage mit Tipps ausgeholfen hat. Ich halte große Stücke auf sie und ich weiß sie als hochmoralische Instanz zu schätzen. Lag ich im Leben mal daneben, kam sie gleich herbei und wusch mir den Kopf. Und in Frauenfragen positioniert sie sich stets ganz vorn und gibt sich kämpferisch. Dass sie nicht bei „Femen“-Aktionen mitmacht, wundert mich sehr.

Nun verhält es sich aber so, dass diese liebe Freundin gerade ein Verhalten zeigt, von dem ich nicht weiß, ob es nicht meine unmittelbare Intervention erfordert. Sie schaut mit Lust den „Bachelor“ und seit Donnerstag auch wieder „Germany’s Next Top Model“. Sie lädt dann Freundinnen (viele) und Freunde (wenige) ein, und gemeinsam lümmeln sie auf der Couch herum, knabbern Chips und schlürfen irgendeine Alkoholbrause. Sie nennen das ihr schuldiges Vergnügen, und sie giggeln, wenn sie das sagen.

Kürzlich wurde ich Zeuge solch eines guilty-pleasure-Abends und war hin- und hergerissen zwischen seltsamer Konträrfaszination und purem Entsetzen. Und hier kommt meine Frage. Hätte ich nicht als bewusster Mann einschreiten müssen und mich zwischen die Frauen und den Fernseher stellen müssen? Vielleicht mit den Worten: So einen Scheiß guckt ihr bitte nicht.

Ich habe das natürlich nicht getan, weil ich meiner Freundin nie etwas vorschreiben würde. Sie ist Chef in ihrem eigenen Laden. Dieser Frau befiehlt man nichts. Nicht auszudenken, was dann geschehen wäre. Meine Fresse, hätte ich was zu hören bekommen.

Aber habe ich mich nicht letztlich moralisch verwerflich verhalten, indem ich zuließ, dass meine Freundin etwas konsumierte, das sie eigentlich aus tiefster Überzeugung ablehnen müsste? Wie lange darf man zusehen, wie sich jemand verirrt?

Ich will RTL und Pro Sieben ja gar keine Vorwürfe machen. Sie dürfen auch in Zeiten von #metoo den „Bachelor“ und GNTM ausstrahlen. Das ist nicht verboten, und einen Ruf als moralische Instanz haben beide Sender ohnehin nicht zu verlieren. Geht also in Ordnung, dass sie solchen Mist produzieren. Es muss ja niemand zugucken, wie dort Frauen reduziert werden auf eine pure Körperlichkeit, auf die Rolle von überehrgeizigen Zicklein, die nur das Ziel haben, einem schmierigen Lackel oder eben Heidi Klum und ihren albernen Mode-Schergen zu gefallen. Als Frauen kommen die agierenden Personen in ihren Rollen ohnehin nicht vor. Sie sind brünftige Buhlerinnen, denen permanenter Hormoneinschuss die Hirnwindungen zu verkleben scheint, oder eben Mädchen, wie Heidi Klum sie nennt, wobei verdächtig oft das Possessive durchklingt, das jeder Unterwerfungsprozess zwingend braucht: Meine Mädchen.

Es geht letztlich bei solchen Sendungen darum, dass Macht ausgeübt wird. Macht über Frauen, über die niemand Macht ausüben sollte. Wo man Macht über andere ausübt, wird Macht immer auch missbraucht. Siehe Harvey Weinstein und Konsorten. Zu spüren auch beim Bachelor und bei GNTM. Wie kann so etwas in Zeiten von #metoo nicht zu einem Aufschrei führen? Stattdessen schauen sich intelligente Frauen so etwas an und giggeln. Sie haben Spaß, dabei zuzusehen, wie das Fernsehen zu einem medialen Bordell verkommt, in dem Frauen als Quotenfutter geknechtet und verschachert werden.

Nun weiß jeder, dass das menschliche Bewusstsein keine Wachstation ist. Alle sind gegen Tierversuche, aber die meisten dieser Empörten haben kein Problem damit, täglich das Billigfleisch vom Discounter zu essen, aus just jener Industriehaltung, in der Tier in Scheiße waten, Scheiße zu fressen bekommen und dann auch genauso sterben: Scheiße. Was lerne ich daraus: Man darf Tiere quälen, allerdings nur in nicht der Öffentlichkeit zugänglichen Ställen und auch nur so, dass der Plastikbox im Kühlregal hinter nicht mehr anzusehen ist, was die darin enthaltenen Tierreste zu Lebzeiten erdulden mussten. Aber Tierversuche, die lehnen wir ab.

Genau solch eine Bewusstseinsspaltung diagnostiziere ich bei meiner Bekannten. Sie schaltet einfach ihre Gehirnhälfte mit den kritischen Gedanken auf dunkel und gibt sich mit dem erleuchteten Rest jenem frauenverachtenden Müll hin, den RTL und Pro Sieben in ihr Wohnzimmer kippen. Sie tut das bewusst. So bewusst, dass ich als Feminist vom Dienst verzweifle und final die Waffen strecke. Verstehe einer die Frauen.

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