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Das Hoff zum Sonntag

"Supertalent": Mentales Plastik der unkaputtbaren Sorte

 

Seit mehr als zehn Jahren ist "Das Supertalent" ein verlässlicher Quotengarant für RTL. Doch wie hat sich die Bohlen-Show nach all der Zeit eigentlich entwickelt? Hans Hoff hat sich die Sendung angeschaut - und ist auf viel Plastik gestoßen.

von Hans Hoff
04.11.2018 - 09:46 Uhr

Die Welt hat ein Plastik-Problem. Die Weltmeere sind voll von Plastik, das nicht verrotten will. Überall schwimmt Mikroplastik, und kürzlich hat irgendwer rausgefunden, dass sich Plastikpartikel bereits im Darm von Menschen nachweisen lassen. Ich könnte diese Erkenntnis noch erweitern, denn ich weiß, dass sich Plastik inzwischen auch im Hirn nachweisen lässt. Wie es dorthin gelangt? Denkbar einfach. Die Infusion erfolgt jeden Samstag bei RTL. Die Spritze, die für die Injektion sorgt, heißt „Das Supertalent.“

Diese Show aus dem Dieter-Imperium ist auch im elften Jahr nach der Erstausstrahlung immer noch enorm erfolgreich, räumt sich regelmäßig den Weg frei an die Spitze der Quotencharts und demütigt fast alle Konkurrenten. „Das Supertalent“ wollen die Menschen sehen. Sie wollen das offenbar so dringend sehen, dass sich die Macher lange schon zurückgelehnt haben. Ganz offensichtlich ist ihnen scheißegal, was sie da auf Sendung bringen, wie sehr sie in der Ausführung schlampen und sich ideenlos durch die Sendezeit hangeln. Der Plebs guckt das doch sowieso. Denken sie vielleicht. Und vielleicht haben sie, leider, recht.

Nichts an dieser Show ist echt. Alles ist Plastik. Billigstes Plastik. So billig, dass jeder Automat für Einwegplastik die Rücknahme verweigern würde. Aber was brauchen die Macher Automaten, sie haben doch RTL. Da gibt es inzwischen am Eingang offensichtlich eine Garderobe, wo man letzte Reste von Ehrgeiz deponieren kann, bevor man sich ins Showgetümmel wirft.

Bei dem schaut man ein paar Minuten zu, und schon möchte man würgen. Jede Kindergartenbesatzung brächte mehr Pep in diese Sendung als das die aktuellen Macher tun. Das beginnt schon bei der Vorstellung zu Beginn. Wenn es da zu Dieter Bohlen aus dem Off heißt „Unser Chef-Juror“, dann klingt das verdächtig nach „Chef-Chirurg“.

Kürzlich trat vor dieser Jury ein Mann als Schlange auf und verschluckte Juror Bruce Darnell mit Haut und den nicht vorhandenen Haaren. Das sah alles sehr eklig aus, weshalb die Schlange bei der Jury krachend durchfiel. Und was spielte man zum Abgang der Schlange? „Probier’s mal mit Gemütlichkeit“ aus dem „Dschungelbuch“. „Probier’s mal mit Gemütlichkeit“ ist aber nicht das Lied der hinterhältigen Schlange Kaa, was noch halbwegs gepasst hätte zum ziemlich irren Auftritt. Nein, es ist das Lied des gemütlichen Bären Balu, einer reinen Seele, die kein Wässerchen trüben kann.

Es sind nur Details, aber sie fügen sich in die allgemeine Lieblosigkeit, die bei dieser Show inzwischen Standard ist. Was haben die sich früher Mühe gegeben. „Das Supertalent“ war eine Show, die man sich durchaus mal anschauen konnte. Aber nun?

Bleibt die Anwartschaft auf einen noch zu schaffenden Preis für den schlechtesten Schnitt, die wirrste Reihung, die katastrophalste Continuity. Man möchte zu Gunsten des Teams annehmen, dass eine akzeptable Continuity ausdrücklich nicht erwünscht ist, dass man sich heimlich einen Spaß daraus macht, den Eindruck einer echten Sendung am Stück zu vermeiden. Kürzlich erblickte ich bei fünf verschiedenen Acts, die hintereinander auftraten die Jury in fünf komplett verschiedenen Outfits.

Da herrscht offenbar ein Wettbewerb in Sachen Diskontinuität. In die wird selbst der stets hinter Dieter Bohlen sitzende Muskelmann einbezogen. Bei jedem Act trägt er ein neues T-Shirt. Gleich bleibt nur der grimmige Bodyguard-Ausdruck auf seinem bärtigen Gesicht. Wenigstens eine Konstante.

Mehr Künstlichkeit kann man sich nur vorstellen, wenn man die Jury anschaut und spontan zu dem Schluss gelangt, dass man dringend weniger Plastik benutzen möchte. Nüchtern lässt sich nicht wirklich erklären, was die da machen, wie sie es machen, wie sie sind. Sowohl der Umlautverweigerer Bruce Darnell wie auch die für weit aufgerissene Augen zuständige Sylvie Meis und selbst der immer kauziger wirkende Dieter Bohlen nähren inzwischen mit ihrer Erscheinung den Verdacht, dass sie nur noch eine Parodie ihrer selbst abliefern wollen und sich innerlich kaputtlachen, mit wie wenig man bei RTL durchkommt.

Das könnte man getrost ignorieren, weil man schließlich weiß, dass hier nicht um Grimme Preise gespielt wird. Trotzdem muss man sich das immer wieder mal wieder antun, denn es ist Fürdummverkauffernsehen der Extraklasse. Das ist mentales Plastik der unkaputtbaren Sorte. Das ist nach überlieferten Kriterien der Fernsehkunst eine Vollkatastrophe.

Aber vielleicht verstehe ich da auch alles falsch. Vielleicht ist „Das Supertalent“ ganz große Kunst. Vielleicht verdient es eine besondere Auszeichnung für nachhaltiges Kreieren. Hier werden keine Ressourcen verschwendet, hier kommt man gedanklich stets mit dem Allernötigsten aus und entdeckt selbst bei diesem reduzierten Sonderangebot für Gelegenheitsdenker noch Sparpotential.

Vielleicht muss ich mir auch gar keine Sorgen machen über den Zustand der Weltmeere, über Plastik im Darm. Ganz offensichtlich haben sie bei RTL die Lösung gefunden. Sie speisen dieses Plastik einfach in die Zuschauerhirne ein, und dort kreist es dann bis zum jüngsten Tag. Wenn die Macher nicht, wie es Stefan Raab früher so oft und zu recht gefordert hat, in die Hölle kommen. Verdient hätten sie es.

Über den Autor

Hans Hoff war Sozialpädagoge, rutschte aber ab 1979 durch Plattenkritiken und Konzertrezensionen in den Journalismus ab. Seit 1990 agiert er als staatlich anerkannter Glotzenbegutachter und mediale Meinungsschleuder vom Dienst.

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