© WDR/BBC NHU/Jason Isley
Das Hoff zum Sonntag

Gefangen im Zwischenreich: Die ganze Welt in der Glotze

 

Wer will, kann zu jeder Tages- und Nachtzeit im Fernsehen eine Natur-Dokumentation finden. Unser Kolumnist Hans Hoff scheint fast alle davon gesehen zu haben und hält sich inzwischen für derart allwissend, dass er über eine Doku-Diät nachdenkt.

von Hans Hoff
28.04.2019 - 02:00 Uhr

Ich weiß alles, ich kenn alles. Frag mich nach einem Kontinent, und ich rassele dir herunter, was meine Festplatte hergibt. Ich sage dir, es ist nicht wenig, mein Freund. Ich bin Mr. Allwissend, weil ich täglich Natur- und Reisedokus und Artverwandtes schaue, bei 3sat, bei Arte, bei Servus, in der ARD, überall.

Frag mich, wie es in einer mongolischen Jurte aussieht, und ich beschreibe dir jedes einzelne Detail. Ich kenne mich da blendend aus, weil eine Zeitlang offenbar jeder zweite Journalist mit Kamera in der Mongolei oder in der Gegend drum herum unterwegs war. Ich habe gesehen, wie die Menschen da leben, ich weiß, dass sie bitterarm sind und ziemlich abgelegen wohnen. So abgelegen, dass ihre Handys höchstens Edge haben können und Netflix nicht mehr als ein feuchter Traum bleibt.

Ich kenne auch jeden zweiten Eisbären mit Vornamen, vor allem die Mütter, die mit ihren Jungen durch die Arktis ziehen und immer vom Hungertod bedroht sind, weil der Mensch so böse ist, das Klima zu versauen, weshalb das Eis schmilzt und die Bären nicht mehr von der Scholle aus Robben schlagen können, wozu auch beiträgt, dass die wenigen verbliebenen Eisschollen alle von Naturfilmern besetzt sind. Gottseidank fangen die vom Milchdurst ihrer Brut ausgezehrten Bärenmamis am Schluss immer noch irgendetwas, weshalb ihre putzigen Sprösslinge dann doch überleben, jedenfalls bis zum Ende der Doku.

Und sie können sich glücklich schätzen, diese Eisbären, denn wären sie ein Gnu in Afrika, dann würden sie auf dem großen Treck zu neuen Weidegründen ziemlich garantiert beim Durchqueren eines Flusses von einem Krokodil geschnappt und unter Wasser gezogen, wo alle Diskussionen über vegane Ernährung nutzlos sind, denn Krokodile sind in dieser Hinsicht ziemlich ignorante Idioten. Ich weiß das, denn ich habe schon hunderte von Gnus gesehen, die im Maul eines Krokodils gelandet sind.

Ich weiß auch, dass Pinguine selten Günther heißen, dafür aber gut gegen Kälte gewappnet sind und sich ganz liebreizend um ihre Jungen kümmern. Ich weiß aber auch, dass sich Pinguine, Seelöwen und Robben sehr in Acht nehmen müssen vor den Orcas, die auch noch nichts vom Veggie Day gehört haben und deshalb immer wieder mal das Meer unschön rot einfärben. Ich weiß das, weil ich das so oft im Fernsehen gesehen habe, dass ich annehmen muss, dass es sehr große Populationen an Robben, Seelöwen und Pinguinen geben muss. Auf jeden Fall müssen sie so groß sein, dass die vielen Dokus, in denen die Orcas hinterhältig zuschlugen, den Bestand nicht nachhaltig gefährden konnten.

Ich kenne mich überall sehr gut aus, vor allem in Namibia, wo ich gefühlt schon eine Million Mal war und quasi jedes Sandkorn jeder Wanderdüne bereits zigfach erspürt habe. Mit den Gorillas im Nebelwald pflege ich eine Brieffreundschaft. Einer von ihnen heißt Günther und wünscht sich dringend ein Netflix-Abo und einen Schirm, weil es im Nebelwald bei Regen immer so unangenehm nass wird.

Auch weiß ich alles aus Sibirien, vom Baikalsee, von der Transsibirischen Eisenbahn und von Lastwagenfahrern in Australien und von Chiropraktikern in Georgien. Ich kenne diese Welt wie meine Westentasche, was mir ein bisschen komisch vorkommt, weil keines meiner Kleidungsstücke über eine Westentasche verfügt.

Ich will ja nur sagen, dass ich dank der gefühlt immer weiter anschwellenden Natur- und Reisedoku-Inflation mit dem Planeten so was von per Du bin, dass ich gar nicht mehr weiß, wo ich noch hinfahren soll, weil ich ja immer nur an Orte gelange, die ich längst aus dem Fernsehen kenne. Dort stelle ich dann möglicherweise fest, dass die Naturdokus nicht die ganze Wahrheit erzählen, dass es da mehr Mücken gibt als man im Fernsehen sieht, dass es da sogar manchmal arg stinkt, was das Fernsehen auch nicht so dolle überträgt.

Aber reicht der Drang, Mücken und Gestank und zweifelhaftes Essen kennenzulernen, als Reisemotivation aus, jetzt, wo man eh nicht mehr fliegen mag? Warum soll ich in die Welt, wenn die Welt doch zu mir kommen kann? 

Ich bin gefangen im Zwischenreich. Einerseits will ich weg, andererseits habe ich doch hier alles. Aber dann treiben mich all diese einander ähnelnden Dokus doch wieder zum Kofferpacken, weil ich langsam nah an die Grenzen meiner Aufmerksamkeit gelange und müde werde vom Ewiggleichen im televisionären ganz weit weg. Vielleicht sollte ich mal auf Dokudiät gehen und mich eine Weile nicht mehr in mongolischen Jurten, Nebelwäldern oder bei meinen nonveganen Kumpels, den Orcas, rumtreiben. Das wäre doch was. Einfach mal das Hier und Jetzt genießen.

Über den Autor

Hans Hoff war Sozialpädagoge, rutschte aber ab 1979 durch Plattenkritiken und Konzertrezensionen in den Journalismus ab. Seit 1990 agiert er als staatlich anerkannter Glotzenbegutachter und mediale Meinungsschleuder vom Dienst.

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