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Das Hoff zum Sonntag

Der Geruch der Kartoffel: Gegen den heiligen Zorn der Alten

 

Hans Hoff ist zurück aus der Sommerpause - und er ärgert sich darüber, wie schnell sich die junge Generation den Zorn der Älteren einhandelt, so wie das in diesen Tagen bei Luke Mockridge oder Rezo zu erkennen ist. Unser Kolumnist wittert Jugenddiskriminierung.

von Hans Hoff
25.08.2019 - 08:28 Uhr

Alte Menschen sind schlimm. Noch schlimmer sind Menschen, die meinen, alte Menschen beschützen zu müssen, selbst wenn es sich um schlimme alte Menschen handelt. Als Luke Mockridge im „Fernsehgarten“ fragte, woran man alte Menschen erkenne, gab er die Antwort gleich selbst. „Sie haben graue Haare, sind schrumpelig und riechen nach Kartoffeln", sagte er, und sofort hyperventilierten die üblichen Veteranenverteidiger und meinten, ihre Klientel vor diesem Bonner Vorortschnösel in Schutz nehmen zu müssen. Medien, die nicht so nah am Boulevard gebaut sind, nahmen den üblichen Umweg und behaupteten pflichtgemäß, der Witz sei ja ziemlich mies gewesen. So etwas könne Mockridge besser.

Es offenbarten sich zwei Standardsituationen beim Umgang mit nicht eindeutig zu identifizierender (Unter)Haltung. Die einen empören sich lauthals, weil sie meinen, dass jene, auf deren Kosten der Witz angeblich ging, nicht in der Lage seien, sich selbst zu verteidigen, was ja eine besonders perfide Form von zusätzlicher Erniedrigung der Zielgruppe ist.

Die anderen bemühen sich vor allem darum, erst einmal Distanz herzustellen zum Täter. Das Witzemachen verteidigen sie als künstlerische Freiheit, aber die Ausführung kategorisieren sie als wenig gelungen. Man kennt dieses Verfahren von umstrittenen Karikaturen. Es dient weniger der Einordnung des Geschehenen als vielmehr der Positionierung des Bewertenden.

Was aber war so falsch an Mockridges Behauptung? Haben alte Menschen keine grauen Haare, werden sie nicht mit den Jahren schrumpelig? Riechen sie nicht nach Kartoffeln? Doch tun sie. It’s funny ‘cause it’s true. Alte Menschen riechen öfters seltsam. Vielleicht nicht immer nach Kartoffeln. Aber sie riechen. Wer das Gegenteil behauptet, hatte lange keinen Kontakt mehr zu alten Menschen. Ich weiß, wovon ich rede. Ich bin selbst alt und deshalb auch oft von alten Menschen umgeben. Glaubt mir, die riechen oft nach Kartoffeln.

Was wäre wohl passiert, hätte Jan Böhmermann dieselbe Witzfrage in seinem Standup-Monolog gestellt? Hmmmmm. Nichts? Natürlich wäre nichts passiert. Die Frage wäre samt Antwort einfach so vorbeigerauscht. Möglicherweise hätte mancher angenommen, dass da sicherlich noch ein Gag auf der Metaebene mitschwingt, dass er den aber noch nicht mitbekommen hat. Möglicherweise.

Aufgeregt hätte sich niemand. Im „Fernsehgarten“ aber regte man sich auf, weil bei dieser televisionären Kaffeefahrt das beschriebene Zielpublikum stets direkt an der Bühne hockt. Ohne Menschen, die mental oder real die 60 überschritten haben, wäre der „Fernsehgarten“ eine Wüste, in der Andrea Kiewel auf Sandkörner einplappern müsste. Ich bin sicher, auch das könnte sie.

Auch beleidigt sein, kann sie gut. Weil da mal einer aus dem üblichen Heitatei-Reigen ausschert, verliert sie prompt alle Souveränität, so als sei sie die Löwenmutter die ihre Sprösslinge schützen müsse. Dass sie genau mit dieser Haltung die Alten extra entwürdigt, ja die eigenartige Aktion von Mockridge erst zum Event adelt, merkt sie nicht. Alte Menschen darf man nicht kritisieren, nicht im Fernsehgarten, nicht irgendwo. Alles, was alt ist, ist heilig.

Man hat das auch sehr schön gesehen bei den Reaktionen auf das Comedyvideo, in dem sich Rezo vergangene Woche über jene Menschen lustig machte, die ihre Informationen noch jeden Tag totem Holz entnehmen anstatt sie bequem über einen Bildschirm zu wischen. Wie sich da die Medienvertreter reihenweise erhoben, um dem Youtube-Schnösel zu sagen, dass er mit seinem CDU-Video ja durchaus einen Punkt getroffen habe, dass er aber mit der Kritik am gedruckten Wort völlig falsch liege, dass es doch gerade die Zeitungen seien, aus deren Informationen er Input sauge, auch wenn er sie lediglich digital konsumiere.

Der heilige Zorn der alten Medien ergoss sich über den vor ein paar Monaten erst entdeckten Liebling. Prompt waren sie wieder auf den Barrikaden. Die üblichen Verdächtigen. Nicht die angegriffenen Alten, die immer noch morgens Papier auf den Frühstückstisch blättern. Nein, es waren vornehmlich die Verteidiger der Alten. Die zeigten stellvertretend für alle als wehrlos deklarierten Mediensenioren dem Blauhaarflegel den Stinkefinger und belehrten ihn, dass man so gedankenlos nicht auf Tradiertes einprügeln darf.

Doch! Darf man! Muss man! Es ist die verdammte Pflicht von jungen Menschen, ältere Gestalten und ihre skurrilen Verhaltensweisen doof zu finden. Wenn junge Menschen Greise toll finden, die nicht ihre Oma oder ihr Opa sind, dann stimmt was nicht in ihrer Entwicklung, dann haben sie den Punkt verpasst, jenseits dessen sie Abgrenzung und Eigenständigkeit hätten üben können. Und alte Menschen sollen gefälligst aushalten, dass man sich über ihr Altsein lustig macht. Sie sollten sich daran erinnern, dass sie auch mal jung und voller Ideen waren. Sie sollten sich freuen, dass sich jemand über sie lustig macht, denn das belegt, dass sie noch Teil des Gemeinwesens sind. Wer keine Witze über sich mehr hören will, sollte seine Vitalfunktionen überprüfen lassen. Möglicherweise ist sie/er schon länger tot. Oder sehr, sehr alt und veränderungsresistent.

Junge Menschen wollen noch etwas verändern. Alte Menschen sind zu oft schon fertig mit dem Verändern. Sie wollen nur noch Besitzstand wahren. Man kann das sehr schön belegen mit dem Aufstand, den die Alten gerade gegen den Hessischen Rundfunk organisieren. Dort hat man sich entschlossen, sich nicht länger an einer verbleichenden Klientel zu orientieren und stattdessen das Angebot so umzustrukturieren, dass auch junge Menschen sich wieder dafür interessieren könnten.

Sie wollen dafür, grob gesagt, den Radiosender hr2 Kultur, den täglich nicht einmal mehr 100.000 Menschen einschalten, zu einer Klassikwelle umwandeln und die dort bislang vorhandenen Wortbeiträge auf andere Sender und ins Netz auslagern. Die Umorganisierer beteuern, dass sie nicht weniger Kultur wollen, sondern sie nur anders darbieten werden.

Was aber machen jene, die sich nun reihenweise als beinharte hr2-Fans ausgeben? Sie maulen, weil sie nicht mehr alles als „Kultur auf Rädern“ ans Ohr getragen bekommen, weil sie sich das weiterhin vorhandene Programm möglicherweise bald selbst zusammensuchen müssen. Um es salopp zu sagen: Sie kritisieren, dass ihnen der Arsch nicht mehr nachgetragen wird, dass sie ihre mediale Vollkaskomentalität nicht weiter pflegen dürfen. Wenn diese Verweigerung kein altes Verhalten ist, was dann?

Natürlich können auch in diesem Fall ein paar Berufsaufgeregte das verbale Wasser nicht mehr halten und prophezeien prompt den Untergang des Abendlandes. Sie tun das vor allem in den örtlichen Totholzmedien, also in jenen, die Rezo gerade kritisiert hat, wofür er arg gescholten wurde. Dass da prompt von Altersdiskriminierung die Rede ist, versteht sich fast von selbst.

Dabei wird doch in weiten Teilen des medialen Restprogramms pure Jugenddiskriminierung betrieben. Was angeboten wird, bedient in seiner Bräsigkeit nur mehr Menschen jenseits der 60, Menschen, die ihr Schäfchen im Trockenen haben, Menschen, die nichts mehr erleben wollen, weil sie denken, sie hätten schon alles erlebt, und das bisschen, was sie noch nicht erlebt haben, wollen sie höchstens mal auf einer Kreuzfahrt nachholen. Oder beim betreuten Schunkeln im „Fernsehgarten“, in Kiwis Kartoffelparadies.

Über den Autor

Hans Hoff war Sozialpädagoge, rutschte aber ab 1979 durch Plattenkritiken und Konzertrezensionen in den Journalismus ab. Seit 1990 agiert er als staatlich anerkannter Glotzenbegutachter und mediale Meinungsschleuder vom Dienst.

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