© Sat.1/Boris Breuer
Das Hoff zum Sonntag

Der Flat White unter Deutschlands trüben Showtassen

 

Keine Frage: Luke Mockridge ist nett und talentiert. Aber reicht das, um im Fernsehen dauerhaft erfolgreich zu sein? Wer dauerhaft in Erinnerung bleiben will, muss auch mal überraschen können und Botschaften auf einer zweiten Ebene mitliefern, findet Hans Hoff.

von Hans Hoff
27.10.2019 - 07:00 Uhr

Luke Mockridge war wieder im ZDF. Wow! Irre! Nach dem skurrilen Auftritt im „Fernsehgarten“ war der Sat.1-Star wieder im ZDF. Kurz nach seiner aus dem Quotenstrudel entrissenen „Greatnightshow“ tauchte er am Freitag in der „heute-show“ auf. Yeah! Senderhopping! Mockridge hat kurz Oliver Welke ersetzt, aber eigentlich nur um klarzumachen, dass der sich ständig als Auslaufmodell stilisierende Welke bei der „heute-show“ natürlich unersetzlich ist. Mockridge war dabei nur das Kontrastmittel, das man spritzt, um innere Strukturen besser erkennen zu können. So wie beim „Fernsehgarten“, wo der berühmte, eigentlich für Kinder gedachte Auftritt ja auch nur dazu diente, klarzumachen, in welcher mentalen Gruft diese Veranstaltung ansonsten stattfindet.

Luke Mockridge ist überall das juvenile Kontrastmittel. Dafür taugt er. Er ist nun mal für Fernsehverhältnisse sehr jung. Und dann sieht er auch noch passabel aus. Er ist mutig, er kann singen, Klavier spielen, er wirkt sympathisch. Was will man mehr?

Mmmh. Was will man mehr? Mal nachdenken. Grübelgrübelgrübel. Ach ja! Wie wäre es denn, wenn bei Luke Mockridge nicht alles so arg harmlos daher käme, wenn nicht alles so arg vordergründig wäre, wenn er nicht ständig mit dieser Attitüde um die Ecke käme, die man von frisch eingestellten Mobilfunkvertragsverkäufern zu kennen glaubt? Wie wäre es, wenn Luke Mockridge ein kleines bisschen edgy wäre?

Stellte man mal andere Showmoderatoren in eine Reihe, aktive und verrentete, und postierte man vor ihnen eine Fliege an eine Scheibe, dann würden sich Stefan Raab, Jan Böhmermann und Harald Schmidt darum prügeln, wer die Fliege abklatschen dürfte. Luke Mockridge dagegen würde sich einen Insektenfänger schnappen, die Fliege in die Plastikfalle befördern und ihr vor dem Haus guten Flug wünschen. So nett ist der.

Leider, denn das Nettsein als Grundkompetenz verhindert im Fernsehen vieles, wenn man mehr werden möchte als der freundliche Quizonkel vom Vorabend. Wer dauerhaft in Erinnerung bleiben will, muss auch schon mal überraschen können und Botschaften auf einer zweiten Ebene mitliefern. Joko und Klaas wären nicht so erfolgreich, wenn es bei ihnen nicht ständig etwas zu sehen gäbe, das bis dahin außerhalb der Vorstellungskraft der Zuschauer lag. Jan Böhmermann überrascht mit Einsichten in Probleme, von denen man vor der Sendung nicht einmal geahnt hat, dass sie existieren. Bei Luke Mockridge aber reduzieren sich die Surprise-Momente auf jene Dimension, in denen auch Furzkissen rangieren, die man dem Lehrer auf den Stuhl legt.

Dieser Mann ist total nett und wohl auch talentiert und auch nett. Möglicherweise braucht es aber ein bisschen mehr, wenn man herausfallen will aus der Riege der Durchschnittlichen. Bei Tante Ursulas Geburtstag wäre er bestimmt eine Stimmungsbombe, denn er kann gut risikofreies Entertainment, glutenfrei, vegan und auch für laktoseintolerante tolerabel. Man ahnt bei ihm immer, was kommt, und das kommt dann auch. Unter den trüben Showtassen in Deutschland ist er der Flat White, schön warm, aber nicht geschäumt. Er ist der Mann, dem man fast immer zustimmen kann, der so-ja-Typ.

Wenn er in seiner Show zeigt, wie er als Babysitter arbeitet, dann hat garantiert das Baby in die Buchs gemacht, und Mockridge muss die Windel wechseln. Prompt stinkt es nach Scheiße. Ist ja irre! Wer hätte das gedacht, dass es beim Windeln wechseln nach Scheiße stinkt? Und dann muss er nochmal Windeln wechseln. Wahnsinn!

Luke Mockridge macht all den Unsinn mit, den sich auf dem Schulhof die Streber in der Nichtraucherecke ausgedacht haben. Das fühlt sich an wie ein Junggesellenabschied auf Magerquark. Das ist allenfalls so verdorben wie ein Liter Buttermilch alkoholfrei. So hat man Chancen, der Held aller Achtjährigen zu werden.

Wenn das Erwartbare sich aber als Standard etabliert, wird die Überraschung zum Fremdarbeiter. Das sagt viel aus übers Publikum, das sich wahrscheinlich aus Menschen rekrutiert, die pro Stunde mindestens dreimal „alter Falter“ sagen und Unvorhergesehenes hassen.

Um es noch einmal deutlich zu sagen. Luke Mockridge macht nichts falsch, aber so richtig richtig macht er auch nichts. Vielleicht muss er sich nochmal auf der Oliver-Pocher-Gesamtschule anmelden, um sich wenigstens ein bisschen von seinem übertriebenen Schamgefühl abtrainieren zu lassen. Das mit dem ausgepressten Banane-Kiwi-Fruchtsalat im „Fernsehgarten“ würde da als Aufnahmebonus gewertet. Ein Anfang.

Oder man gibt ihm viermal die Woche eine echte Lateshow, in der er ohne den Druck, jede Minute einen Streberwitz zur Sensation hochzujubeln zu müssen, Profil gewinnen könnte. Dort würde er lernen, ein kleines bisschen weniger nett zu sein. Man kann im Sandkasten eben auch mal das Schäufelchen in die Sandburg des Nachbarn rammen.

Über den Autor

Hans Hoff war Sozialpädagoge, rutschte aber ab 1979 durch Plattenkritiken und Konzertrezensionen in den Journalismus ab. Seit 1990 agiert er als staatlich anerkannter Glotzenbegutachter und mediale Meinungsschleuder vom Dienst.

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