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Das Hoff zum Sonntag

Too much Information: Willkommen im Online-Boulevard

 

Hans Hoff findet sich im Dschungel der Online-Boulevardmedien nicht mehr zurecht und hat Angst, zu verblöden. Doch er hat bereits ein Gegenmittel gefunden: Für ihn geht nichts über eine gut gemachte Tageszeitung.

von Hans Hoff
03.11.2019 - 08:38 Uhr

Heidi Klum hat sich öffentlich in einen Zombie verwandelt, und von Micaela Schäfer munkelt man, sie habe auf dem Klo Sex mit Aurelio, dem Mann, gehabt. In Düsseldorf möchten Bestatter die Frage geklärt wissen, ob die Leiche hinten im Wagen der beiden Sargträger als dritte Person durchgeht, ob der Totentransport also die nur für Fahrgemeinschaften freigegebene Umweltspur nutzen und am Stau vorbeirauschen darf. In Solingen hat zudem ein Kunde einen qualmenden Plüschtierkarton per Feuerlöscher vom Brennen abgehalten. Und dann hat sich auch noch Sylvie Meis zum 453. Mal verlobt.

Hilfe! Too much Information! Dabei ist es nur die Ausbeute, die sich am Freitagmorgen nach zehn Minuten Klickreise durch verschiedene, sich mehrheitlich hochseriös gebende Newsangebote ergeben hat. Wer so eine Klickreise unternimmt, muss damit rechnen, dass ein Schwall an unnützer Information die Synapsen verklebt, weshalb dort alles, was als wissenswert eingestuft wird, keinen Platz mehr findet.

In der Folge beschäftigt man sich wirklich allen Ernstes mit der Frage, warum sich Heidi Klum öffentlich in genau den Zombie verwandeln musste, den sie seit Jahren schon spielt. Taugen die bei ihrer Verwandlung entstandenen Bilder möglicherweise für die beliebte Raterubrik "Original und Fälschung"? Und wer ist noch so dumm, Sylvie Meis zu heiraten? Zusätzlich bekommt man Angst vor dem nächsten Stuhlgang, weil man fürchtet, dort von jenen Visionen überfallen zu werden, in denen die kopulierende Micaela/Aurelio-Korporation eine überdominante Rolle spielt. Außerdem stellt sich noch die Frage, warum man den Abfalleimerbrand, der sich kürzlich mit ein bisschen Qualmgestank ankündigte und dem man kurzerhand mit einem Glas Wasser den Garaus machen konnte, nicht als Meldung an die dpa verschachert hat.

Bleibt als hirnbildende Meldung nur die von den Leichen auf der Umweltspur. Allein mit der philosophischen Komponente dieser Problematik könnte man problemlos mehrere Proseminare füllen, die sich mit dem Sein und dem eng verzahnten Nichtmehrsein auseinandersetzen. Müssen Ärzte demnächst nicht mehr nur den Totenschein ausstellen, sondern auch die Sondernutzungserlaubnis für die Umweltspur? Wären möglicherweise die Forensiker, die man aus "Medical Detectives" kennt, gefordert? Stünden die am Straßenrand, hielten den Leichenwagen auf und untersuchten dann, ob der hinten Liegende noch warm ist? Und was ist mit Notarztwagen, denen auf der Umweltspur plötzlich der Patient ex geht? Müssen die dann umgehend die Umweltspur verlassen? Man sieht, die haben echte Probleme in Düsseldorf, nicht nur die Toten Hosen.

Vorbei die Zeiten, da man sich mühsam jene täglich notwendigen Informationen zusammenkratzen musste, die den Menschen zur nützlichen Teilhabe am Gemeinwesen befähigten. Heute geht es eher darum, sich zurechtzufinden, herauszufiltern, was man wirklich braucht an Input und was nur das Hirn verklebt.

Einsatz an allen Fronten ist dabei erforderlich, und der ist nicht immer erfolgreich. Der kürzlich unternommene Versuch, auf Twitter alle zu blocken, die süße Tierbilder posten, führte zu großer Abgeschiedenheit. Auf einmal war man allein mit empörten "Die AfD ist aber doof"-Tweets. Nicht dass die nicht recht gehabt hätten, aber wenn man den lieben langen Tag nichts anderes liest, dann wird es irgendwann auch öde. Also entblockt man die Tierbilder-Poster wieder, weil die ab und an dann doch mal einen vernünftigen Gedanken zwischen ihre Kuschelbilder schieben.

Aber es gibt Hoffnung, das "Too much Information"-Syndrom zu lindern. Das Gegenmittel wurde (von mir) kürzlich (wieder) entdeckt und ist weitgehend nebenwirkungsfrei. Es bündelt die notwendigen Informationen, die man als aufgeklärter Gemeinwesenteilhaber so braucht auf begrenztem Raum. Der begrenzte Raum erweist sich dabei als Segen, denn er zwingt die Hersteller des Gegenmittels  ganz offenbar, vorab das Nichtige vom Wichtigen zu trennen. Das klappt zugegebenermaßen nicht immer optimal. Hier und da lassen sich durchaus noch Restbestände von Bullshit nachweisen, aber sie kommen in verkraftbarer Dimension daher.

Natürlich hat das Gegenmittel seinen Preis. Es kostet, und es wirkt auch erst, wenn man mehr bezahlt als für den Erwerb einer Boulevardpostille nötig wäre. Aber lohnt sich das nicht, wenn man im Gegenzug verantwortungsvoll gefilterte Informationen bekommt, wenn man befreit wird von all der Trostlosigkeit des Nichtigen? Nennt mich altmodisch, sagt, ich sei von gestern, aber es geht doch nichts über eine gut gemachte Tageszeitung. Nur echt auf Papier, auf raschelndem Totholz. Mit dem kann man nach der Lektüre sogar den Mülleimer auskleiden und sich so den Einsatz einer weiteren Plastiktüte sparen. Ein iPad kann das nicht. Ich hab’s getestet. Funktioniert nicht.

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