© ZDF/Janis Schönfeld
Das Hoff zum Sonntag

Das Problem mit den Seichtreportagen im Fernsehen

 

Auf nahezu allen Sendern sind sie zu sehen. Seichtreportagen, in denen selbst die größten Nichtigkeiten zu Problemen hochgejazzt werden. Hans Hoff hat sich dem Genre genähert und ist den Problemen kaum entkommen.

von Hans Hoff
19.01.2020 - 08:27 Uhr

Doch es gibt ein Problem. Das ist ein Satz, den man sich dringend merken muss, wenn man für irgendeinen Sender eine Seichtreportage anbieten möchte. Seichtreportagen sind solche, bei denen die Hauptarbeit daraus besteht, Protagonisten zu finden, die man dann eine Weile mit der Kamera begleitet, während sie handelsübliche Klischees bedienen, eine Drohnenkamera wahllos von-oben-Perspektiven einstreut und eine Off-Stimme regelmäßig Widrigkeiten ankündigt. Doch es gibt ein Problem.

Man erfährt nicht wirklich Neues bei solchen Seichtreportagen, wenn man nachrichtentechnisch einigermaßen auf dem Laufenden ist, wenn man sich ein bisschen für die Welt da draußen interessiert. Im Prinzip könnte man dann vor solchen Seichtreportagen sitzen und dauernd "Weiß ich schon" rufen.

Im Prinzip könnte dieser Text einfach so weitergehen. Doch es gibt ein Problem. Es muss ein Übergang gefunden werden zu einer konkreten Seichtreportage. Das mutet an wie eine alltäglich Übung. Doch es gibt ein Problem.

Immer wenn man gerade eine solche Seichtreportage zum Vorzeigen sucht, ist keine zur Hand. Es sei denn, man wacht zufällig montags früh um fünf Uhr auf und überbrückt die Schlafpause mit einem kurzen Zappen durch die wichtigen Kanäle, die zu dieser Zeit noch nicht von den Morgenmagazingrinsern verseucht sind.

Da stößt man dann im ZDF auf eine Wiederholung der ersten Folge des Dreiteilers "Die Trucker". In dem geht es um den harten Alltag der Lkw-Fahrer, um ihren Terminstress, um den Mangel an Truck-Parkplätzen und die vielen Staus. Man kennt das alles, und man findet sich rasch zurecht, wenn man schon mal Gast bei DMAX war oder die "Trucker Babes" bei Kabel Eins gesehen hat. Doch es gibt ein Problem.

Man ahnt das nicht, wenn man in die Reportage einsteigt (außer man ist "Goodbye Deutschland"-gestählt), aber man wird rasch hineingezogen in das Dilemma, das auf einem Autohof in Mecklenburg herrscht. Dort will es die Belegschaft den hungrigen Truckern am Abend etwas gemütlich machen und ein bisschen Fleisch grillen. Doch es gibt ein Problem. Schon in Minute drei.

Ein Grillrost ist verschwunden. Jetzt leck mich doch fett! Ein Grillrost ist verschwunden. Wie kann das gehen? Man überlegt kurz, ob im Kanzleramt der Krisenstab zusammentreten sollte, denn was soll aus der deutschen Autobahninfrastruktur werden, wenn dort Grillroste so mir nichts dir nichts verschwinden? "Es steht nicht mehr da, wo es sonst immer steht", sagt die Autohof-Chefin über das fehlende Teil: "Und das ist das Problem."

Was soll das werden? Wie kann diese Krise beigelegt werden? Oder nimmt man gar in Kauf, dass der Grillabend nicht pünktlich beginnen kann?

Fieberhaft wird nach dem verlorenen Teil gesucht, bevor noch andere Geschichten erzählt werden. In denen geht es um Vivian, eine Truckerin, der es immer das Herz zerreißt, wenn sie ihren kleinen Sohn daheim lassen muss, und es geht um einen Trucker, dem der Anlasser verreckt. Vorher hat er schon von der Off-Stimme gehört, dass just diese Woche mit schlechten Nachrichten startet. In der Firma sind Kollegen krank geworden, und es droht Mehrarbeit. Wahnsinn.

Auch für Vivian. "50 Kilometer weiter offenbart sich Vivian der alltägliche Wahnsinn auf deutschen Autobahnen", raunt die Off-Stimme, und tatsächlich: Stau. Mist. Sie muss doch noch bis Italien, zum Garda See. Wenn das mal kein Problem ist.

Es offenbart sich bald die Bauanleitung für solch eine Seichtreportage. Man muss nur alle paar Minuten ein gewichtiges Problem andeuten, dann bleibt der Zuschauer dran. Mögen die Probleme auch noch so nichtig sein, sie müssen benannt werden. So wie das Problem mit dem Grillrost von Minute drei.

Das wird in Minute 27 des Halbstünders natürlich gelöst. Ein findiger Autohof-Mitarbeiter hat aus einem verschrotteten Einkaufswagen einen Ersatzgrill herausgeflext. Der passt natürlich prima, weshalb die Off-Stimme zur allgemeinen Erleichterung beiträgt: "Geschafft. Die erste Bestellung kann aufgenommen werden." Problem bewältigt, Kanzleramtskrisengipfel abgeblasen, Seichtreportage gerettet. Doch es gibt ein Problem.

Was ist mit Vivian? Schwitz. Aber Puh. Auch die vom Stau gestresste Vivian ist in Italien angekommen und bestellt sich zu eingespielten Mandolinenklängen aus der Pizzeriabeschallungsklischeeklasse ein leckeres Abendessen. "Vivian genießt einen ruhigen Abend", säuselt die Off-Stimme. Alles im Lot. Doch es gibt ein Problem, das die Off-Stimme noch nachschiebt: "Die kommenden Tage werden noch anstrengend genug sein."

Ja, das müssen sie, denn die Trucker-Reportage hat drei Teile, und ich wette, bis zum Ende der Trilogie wird es öfter noch sinngemäß heißen: Doch es gibt ein Problem. Das wird in der Vorschau deutlich. Vivian droht Chaos, und auch für Piet wird es mal wieder eng.

Eindeutig problemorientiert. So macht man das. So geht Seichtreportage.

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