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Das Hoff zum Sonntag

Sport am Morgen: Es lebe das ritualisierte Fernsehen!

 

Das lineare Fernsehen lebt häufig von seiner Vorhersehbarkeit und ist in großen Teilen vor allem Ritual. Gut lässt sich das an der Sportberichterstattung ablesen. Doch wer auch das Nichtgesagte beachtet, kann trotzdem Spaß haben - so wie bei der Vorstellung von Fortuna-Trainer Uwe Rösler

von Hans Hoff
02.02.2020 - 08:22 Uhr

Es wird im Fernsehen ja viel Redundantes geboten über den Tag. Es werden Dinge beschrieben, die eigentlich nicht beschrieben werden müssten. Wenn etwa im Bild eine schöne Landschaft zu sehen ist, wird gesagt, dass die Landschaft sehr schön ist. Wenn jemand getötet wurde, ist die Rede von einem brutalen Mord, was strenggenommen die Frage aufwirft, ob nicht jeder Mord auf seine Weise brutal ist. Aber wer nimmt es schon streng, wenn er fernsieht. Und dann ist da natürlich noch die klassische Knallerfrage in einer Schalte zum Publikum, wo der Reporter vor Ort gefragt wird, wie denn die Stimmung ist, und der Reporter sagt dann vor lauter jubelnden Zuschauern, dass die Stimmung selbstverständlich großartig ist.

Das ist das Beruhigende am Fernsehen, dieses Zen-artige, dass alles so vorhersehbar ist, so zuverlässig. Wahrscheinlich ist das auch das große Geheimnis des Mediums im Linearen, dass es dem Kunden eben eine gewisse Garantie bietet, nicht mit Überraschendem belästigt zu werden. Lineares Fernsehen, ob nun privat oder öffentlich-rechtlich, lebt zu großen Teilen von seiner gefühlten Vorhersehbarkeit. Man weiß sehr genau, dass da keine Erschrecker um die Ecke kommen und "Buh" machen. Im Prinzip ist das lineare Fernsehen mit seiner programmierten Ereignislosigkeit ein weites Flachland, wo man morgens schon sehen kann, wer abends zum Tee kommt. Hier gilt noch die Kalenderspruchweisheit: In der Ruhe liegt die Kraft.

Das erklärt natürlich, warum vor allem alte Menschen, deren Überraschungsspeicher über die Jahre bis an den Rand gefüllt wurde, sich so zahlreich vor den Bildschirmen versammeln. Über 60 hat man in der Regel oft genug erlebt, dass Dinge sich anders entwickelt haben als erhofft, dass sich daraus dann Hormonausschüttungen ergaben, die das Stresslevel derart erhöhten, dass es danach immer sehr lang dauerte, bis sich die Antriebsstoffe wieder auf Normalmaß einpendelten. Junge Menschen sind da flexibler, weshalb sie Überraschungen geradezu nachjagen und stets denken, dass hinter der nächsten Ecke eine noch größere Überraschung, der noch bessere Podcast, die noch spannendere Serie lauert.

Lineares Fernsehen ist halt in großen Teilen Ritual, und es gerät etwas in Unordnung, wenn nicht um 20 Uhr die „Tagesschau“ beginnt, wenn es im „Tatort“ nach einer Viertelstunde noch keinen anständigen Mord gegeben hat oder wenn Claus Kleber ohne Gundula Gause antritt. Das Ewiggleiche ist das Maß der Dinge.

Besonders schön lässt sich das belegen an der Sportberichterstattung im Morgenmagazin. Die folgt sehr festen Regeln, die sich aus zwei Kategorien speisen, aus "hat gewonnen" und "will gewinnen". Mehr ist da nicht.

Man könnte dieses Ritual schrecklich einfältig nennen, gäbe es da nicht diese riesige Nachfrage nach genau diesen Abläufen, die ja letztlich auch andere Sportsendungen prägen. Man berichtet, was war, und man berichtet von dem, was da noch kommen soll.

Hat etwa eine Fußballmannschaft verloren, sagt sie hinterher irgendetwas aus der Rubrik „Wir haben zu wenige Tore geschossen“, oder der zuständige Spieler redet im Interview drum herum. Erkenntnisgewinn gleich null, aber dem Ritual ist genüge getan, denn in Wahrheit sind die Aussagen eh nur Beiwerk zu den Ausschnitten, in denen die Torchancen, ob genutzt oder nicht, zusammengefasst werden.

Steht ein Torschütze vor der mit unerwünschten Botschaften überpflasterten Werbewand, sagt er sehr wahrscheinlich, dass es gut gelaufen ist und dass es ein schönes Gefühl war, einen reinzumachen.

Analog dazu funktionieren die Vorberichte zu Spielen, die immer staatstragende Bedeutung haben und wo immer jemand sagt, dass die Mannschaft in bestechender Form ist und das Ding schon wuppen wird. Das wirkt zwar manchmal, als verspreche ein nackter Mann in der Wüste angesichts eines hungrigen Rudels Löwen, er werde die Viecher schon klein machen (famous last words), aber es gehört halt dazu, wenn es um die Herstellung von Mut und Zuversicht geht.

Dagegen ist nichts einzuwenden. Wiederholungen sind der Kern von vertrauensbildenden Maßnahmen. Die Kirche betet ihr Vaterunser auch schon seit ewigen Zeiten mit fast demselben Text herunter. Allenfalls hier und da wird mal ein Wörtchen geändert, aber das Gerüst bleibt, und selten beschwert sich jemand. Warum nun also bei der Sportberichterstattung aufbegehren?

Empfohlen wird in diesem Zusammenhang die Hingabe ans Ritual. Nur wer die Bereitschaft zeigt, sich von Nullbotschaften "informieren" zu lassen, selber weiterzudenken und auch mal das Nichtgesagte zu beachten, kann die klassische Sportberichterstattung genießen.

Wie das geht, konnte man Donnerstagmorgen im ZDF-Morgenmagazin sehr schön verfolgen. Da wurde Uwe Rösler vorgestellt, der neue Trainer von Fortuna Düsseldorf. Der durfte nur kurz was sagen, aber was er sagte, war geprägt von beinahe buddhistischer Transzendenz. Wortlaut Uwe Rösler: "Ich habe schon mir Gedanken gemacht, was ich so gesehen hab'. Wir müssen einfach mehr Tore schießen, das ist ganz klar. Wir müssen Spiele gewinnen."

Jetzt brat mir doch einen Storch! In einer Mannschaft, die auf dem letzten Tabellenplatz ihrem Ende entgegenfiebert, hat sich mit den neuen Trainer eine epochal anmutende Erkenntnis breit gemacht: mehr Tore schießen, Spiele gewinnen. Ja, ne, is klar. Das konnte der alte Trainer nicht wissen, dass "mehr Tore schießen, Spiele gewinnen" zum Fußball gehört.

Man stellt sich anhand solcher Weisheitsverbreitung glatt vor, wie der alte Trainer zerknirscht vor dem ZDF-Morgenmagazin sitzt und flucht. "Mehr Tore schießen, Spiele gewinnen. Hätte ich das gewusst", wird er denken und sich dann in einem ausführlichen Brief bei der ZDF-Sportabteilung für dieses geradezu geniale Stück Bildungsfernsehen bedanken.

Sage also niemand, man könne das lineare Fernsehen und die klassische Fußballberichterstattung abschreiben. Da steckt immer noch so viel mehr drin als Auge und Ohr bei der ersten Begegnung zur Kenntnis nehmen. Man muss es nur zu lesen wissen. Dann kann man auch aus dem Ewiggleichen immer wieder Neues saugen. Es lebe das ritualisierte Fernsehen!

So, und jetzt alle wieder hinlegen. Gleich kommt der Pfleger mit den Tabletten.

Über den Autor

Hans Hoff war Sozialpädagoge, rutschte aber ab 1979 durch Plattenkritiken und Konzertrezensionen in den Journalismus ab. Seit 1990 agiert er als staatlich anerkannter Glotzenbegutachter und mediale Meinungsschleuder vom Dienst.

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