© ARD/Thorsten Jander
Das Hoff zum Sonntag

Das "Großstadtrevier" hat seinen Charme verloren

 

Hans Hoff ist ein großer Fan des "Großstadtrevier" gewesen, nun hört er mit der Serie aber auf. Er meint: Nach dem großen Relaunch ist das "Großstadtrevier" nicht mehr das, was es einmal war. Das hat natürlich auch mit dem Tod von Jan Fedder zu tun.

von Hans Hoff
16.02.2020 - 09:48 Uhr

Ich bin traurig, denn ich hatte mal eine Lieblingsserie im Vorabendprogramm des Ersten. Betonung auf hatte. Ich weiß, das mit der Lieblingsserie kommt einer großen Sünde gleich, denn im Vorabendprogramm läuft bekanntermaßen nur Schrott der Werbeumfeldprogrammklasse, bestenfalls erträglicher Schrott, viel Quiz und Neues aus der Billigkrimihölle. Trotzdem habe ich montags oft hingeschaut, weil ich da eine Ausnahme sah, weil es mich irgendwie angerührt hat, wenn es im "Großstadtrevier" um alles und nichts ging, wenn es richtig doll menschelte, wenn mir die Illusion vermittelt wurde, dass da oben in Hamburg auf dem Kiez trotz aller Verbrecherei am Ende doch immer das Miteinander siegt.

Damit ist nun Schluss. Ich kann mir das "Großstadtrevier" nicht mehr anschauen. Das hat natürlich auch mit dem Tod von Jan Fedder zu tun. Seitdem muss ich jedes Mal, wenn er als Dirk Matthies in der Serie auftaucht, daran denken, dass dies die letzte Staffel des großen Volksschauspielers ist. Zwar hat sich Fedders Rolle schon seit Jahren eher am Rande des großen Geschehens abgespielt, aber wenn ich ihn nun sehe, wie er als Elder Statesman des Reviers seine knappen Kommentare nuschelt, dann meine ich in seinem Spiel stets  Anzeichen des nahenden Endes auszumachen. Man nenne mich da überempfindlich, aber so bin ich nun mal. Ich mag nicht so gerne, wenn Menschen, die mir ans Herz gewachsen sind, weggehen. Und Jan Fedder war mir immer nahe. Irgendwie. Jan Fedder war ein Typ, wie es so schnell keinen zweiten gibt.

Aber dieser nahende Abschied ist nicht allein der Grund für meine Traurigkeit und meinen Entschluss, der Serie den Rücken zu kehren. Es hat vor allem zu tun mit dem neuen Setting. Nachdem nämlich die alte Revierwache in die Luft geflogen ist, residieren die Polizisten nun in einer Art Loft. Ganz offensichtlich soll die neue Freund-und-Helfer-Herberge die Pole Modernität und abgelebte Industriekultur verbinden. "Großzügig, lichtstark und echt hanseatisch" nennen die Produzenten ihre neue Kulisse, und wenn sie dann noch von "warmen Backsteinmauern" und hohen Sprossenfenstern und dem Blick auf einen Hamburger Fleet faseln, dann klingt ein bisschen Stolz mit auf das, was sie da geschaffen haben.

Man spürt bei der Schwärmerei gleich, dass es darum ging, die Erfordernisse einer modernen Fernsehproduktion mit jener gewissen Nestwärme zu verbinden, die in der alten Wache herrschte. Die war eng und abgeranzt, und ständig standen sich die handelnden Figuren gegenseitig im Weg. Alles schien nur eine Armlänge entfernt, wodurch aber eine gewisse Kuscheligkeit entstand. Und wenn dann mal jemand mit einer Sorge oder einer Anzeige kam, dann stand er den Beamten im wahrsten Wortsinne gleich sehr nahe. Genau diese drängelige Wurschtigkeit machte den Charme der Serie aus und schuf den Reiz, der das "Großstadtrevier" für mich in den vergangenen 28 Jahren so anziehend machte.

All dieser Reiz ist futsch. Weg. Verschwunden. Im "Großstadtrevier" herrscht nun die gleiche optische Kühle und Sterilität wie in den anderen Vorabendserien auch, wie in den Billigsoaps am Nachmittag, wie in der "Lindenstraße". Mein Auge glaubt da nichts mehr, und mein Ohr meint, die pappigen Kulissenwände quasi hören zu können. Es herrscht einfach keine Atmosphäre mehr im "Großstadtrevier". Alle meine Helden sind nun gefangen im gefrorenen Einheitslook der billigheimernden Soko-Kultur vom anderen Kanal.

Da können die Kulissenbauer noch so sehr schwärmen vom bewegten Wasser im Hintergrund und von den hinter die Fenster projizierten Verkehrsszenen, es ist nicht mehr dasselbe, es wirkt einfach nicht mehr echt.

Drei Folgen der 33. Staffel habe ich mir seit dem 27. Januar angetan, die Serie quasi auf Bewährung machen lassen, obwohl ich schon aufgrund des Presseheftes vorab Schlimmes ahnte. Drei Folgen haben dann gereicht, um mich sehr traurig werden zu lassen. Mein Entschluss steht nunmehr fest: Ich bin raus. Tschüss Dirk Matthies, tschüss Frau Küppers, tschüss Harry, tschüss Piet, tschüss Daniel, tschüss Lukas und tschüss Nina.

Ach ja, fast vergessen: Tschüss Hannes. Die Figur werde ich am meisten vermissen, denn Hannes war immer die Seele vom Revier. Leicht trottelig, immer wieder an den Erfordernissen eines durchtechnisierten Lebens scheiternd, aber versehen mit jeder Menge Gutmütigkeit und einem Herz so groß wie das Saarland. Hannes ist eigentlich auch raus. So wie ich. Hannes läuft orientierungslos herum und findet keinen richtigen Platz in den neuen Folgen. Das haben sie in den ersten Tagen ein bisschen thematisiert, aber sie konnten mir meine Sorge, dass Hannes nie wirklich einen Platz in der neuen Kulisse finden wird, nicht nehmen. Hannes ist für mich raus. So wie ich raus bin und wie Jan Fedder raus ist. Ab morgen ohne mich, denn das Vorabendprogramm im Ersten ist jetzt komplett wieder die Quiz und Billigkrimihölle, für die es viele halten. Traurig aber wahr.

Über den Autor

Hans Hoff war Sozialpädagoge, rutschte aber ab 1979 durch Plattenkritiken und Konzertrezensionen in den Journalismus ab. Seit 1990 agiert er als staatlich anerkannter Glotzenbegutachter und mediale Meinungsschleuder vom Dienst.

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