© imago images / Christian Ohde
Das Hoff zum Sonntag

Coronavirus: Live-Ticker sind ein Teil des Problems

 

Hans Hoff hat Angst. Angst vor dem Coronavirus, von dem viele Experte sagen, man müsse davor keine Angst haben. Getrieben wird dieses Gefühl vor allem von allgegenwärtigen Live-Tickern der Medien, die quasi minütlich aufzeigen, wie das Virus näher kommt.

von Hans Hoff
08.03.2020 - 08:21 Uhr

So langsam kriege ich doch Angst. Gerade weil mir so viele sagen, dass ich keine Angst haben soll, steigt bei mir das Level jener Gefühle, die mein Sicherheitszentrum aktuell sturmreif schießen. Ich fürchte, wir müssen alle sterben.

Wenn ich mich dieser Tage unkontrolliert der vollen medialen Wucht in ihrer ganzen Breite aussetze, dann ertrinke ich im Überfluss. Ich werde so umfassend informiert, dass ich fürchte, schon bald im Strudel der Überinformation unterzugehen und nie mehr nach oben gespült zu werden.

Ich bin im schlimmsten Sinne „Lost in the Supermarket“. Ich drohe zwischen all den vollgepackten Regalen zu verhungern, weil ich nicht mehr weiß, was wirklich wichtig für mich ist. „Ich kann mich gar nicht entscheiden / Ist alles so schön bunt hier!“ (Nina Hagen 1978)

Ich werde dabei vor allem getrieben von Live-Tickern, die mir stündlich aufzeigen, wie das Virus näher kommt. Sie sollen mich beruhigen. Sie suggerieren, dass mir alle Informationen zur Verfügung stellen, die wichtigen und auch die unwichtigen. Alle paar Minuten poppt ein neuer bestätigter Krankheitsfall auf, und dann sind es von einem auf den anderen Tag gleich ein paar Dutzend mehr. Schreitet die Seuche nun schneller voran?

Nein, sie hat wohl immer noch das gleiche Tempo, nur ist es halt so, dass ab und an Labore ihre Tests im Pack heraushauen, und dann sind es halt schon mal rasch ein paar Dutzend Fälle mehr. Muss mich das beunruhigen? Sagt es irgendetwas aus über das Tempo der Virusverbreitung? Ich weiß es nicht, obwohl ich doch ach so informiert bin. Aber mein bewährtes Bewertungssystem, das mich Wichtiges von Unwichtigem unterscheiden lässt, versagt immer häufiger. Ich stehe dann verzweifelt da und sage: ich weiß es doch auch nicht.

Ich höre beruhigende Stimmen von Politikern und Amtsträgern, die mahnen, Ruhe zu bewahren und nicht in Panik zu verfallen. Mit zunehmender Zeit fällt es mir schwer, diesen Stimmen zu vertrauen und die gewünschte Ruhe zu finden. Ich weiß, dass solche Experten noch mahnen würden, Ruhe zu bewahren, wenn am Horizont längst der Atompilz zu sehen wäre. Je öfter jemand „keine Panik“ sagt, desto unruhiger werde ich. Das ist, als ob in der Fußgängerzone jemand grundlos „Gehen Sie weiter, hier gibt es nichts zu sehen“ brüllt. Es wird zur Folge haben, dass alle stehen bleiben werden. Sie wollen dann sehen, was es da nicht zu sehen gibt.

Ich bin also angewiesen auf das, was „meine Medien“ mir bieten. Es ist eine Binsenweisheit, dass die Auswahl der Medien, denen man vertraut, immer wichtiger wird. Wohl dem, der bereits in ruhigen Zeiten geklärt hat, wer und was als vertrauenswürdige Quellen durchgehen, wem man zutraut, das, was wirklich wichtig ist, anständig zu kuratieren.

Ich habe das natürlich getan, ich habe meine vertrauenswürdigen Quellen. Es sind solche, bei denen ich mir sicher bin, dass sie mir essentiell wichtige Antworten zur Seuchenlage liefern und dass sie mit meiner Verunsicherung keinen Profit generieren, indem sie potentiell lebenswichtige Infos  hinter einer Bezahlschranke verstecken. Wer mit meiner Unsicherheit Geld verdienen will, gehört geächtet. Natürlich sollen alle, die Informationen sammeln und aufbereiten, ihren Lohn bekommen. Aber ich fürchte, dies sind gerade nicht die Zeiten, in denen man auf Bezahlungsprinzipien bestehen sollte. Nichts ist derzeit so wichtig wie der freie und ungehinderte Zugang zu allem, was wichtig erscheint.

Ich will also, dass ich nur gesicherte Informationen erhalte, dass mich „mein Medium“ als Nutzer ernst nimmt. Ich habe diesbezüglich klug gewählt. Ich könnte mich deshalb sicher fühlen. Ich tue es nicht.

Das hat damit zu tun, dass es mir in Krisenzeiten gar nicht schnell genug gehen kann, wenn es um neue Informationen geht. Ich bin das Problem? Ich will Neues und zwar sofort. Und wenn es nichts Neues gibt, dann bleibe ich trotzdem dran und klicke mich durchs Nirwana. Alles muss immer sein, und alles muss schnell gehen, sonst klicke ich woanders hin, wo man mir mehr Aufregung verspricht. Ich muss deshalb leider zugeben, dass ich selbst das größte Risiko darstelle.

Ich verlasse nämlich in Zeiten wie diesen immer häufiger den Pfad der von mir als vertrauenswürdig erachteten Medien. Ich nehme zwar zur Kenntnis, was mir meine Sender und meine Zeitungen akkurat kuratiert präsentieren, denn ich weiß, dass sie ausgeruht und nur nach präziser Recherche berichten. Trotzdem kehre ich ihnen unmittelbar nach dem Anschauen oder der Lektüre den Rücken und stürze mich in die wirre Welt der Live-Ticker.

Live-Ticker mögen eine tolle Einrichtung sein, wenn es um abgeschlossene Ereignisse geht, die einen vorgegebenen Ablauf haben. Bei einer Bundestagswahl oder einem Fußballspiel mögen sie ihr Berechtigung haben, weil sie den Verlauf dokumentieren, weil man aber auch weiß, dass die Live-Ticker nach dem amtlichen Endergebnis oder nach dem Schlussstand abgeschaltet werden.

Die Live-Ticker zur Seuche aber werden nicht abgeschaltet. Sie sind immer da, sie berichten über alles, und sei es, dass sie einen umfallenden Sack Reis in ihre Timeline aufnehmen. Sie wissen, dass sie nur angeschaut werden, wenn sie ständig Neues bieten oder wenigsten das, was wie neu aussieht. Sie perpetuieren sich selbst in die Ewigkeit. Sie machen mir Angst, natürlich genau die Angst, die ich selbst erzeuge, indem ich diese Live-Ticker nutze.

Dabei weiß ich genau, dass es in Krisensituationen fast immer besser ist, erst einmal mediale Enthaltsamkeit zu praktizieren. Ich habe gelernt, bei Attentaten und Geiselnahmen nach den ersten Meldungen offline zu gehen, weil das, was nach den ersten Informationen kommt, sehr oft, eigentlich fast immer, ein kruder Mix ist aus Spekulationen und fahrlässigen Falschmeldungen. Ich schalte mich dann in der Regel erst am nächsten Mittag wieder ein, wenn halbwegs Klarheit besteht, wo wer steht und wem was zuzuordnen ist.

Ich kann so vernünftig sein. Aber in Sachen Seuche bin ich es nicht. Das Virus lässt mich all das vergessen, was ich für vernünftig erachte. Nichts mit medialer Enthaltsamkeit. Ich will alles wissen, ich durchforste jeden Live-Ticker, ich agiere gegen jede Vernunft, ich klicke auch auf bild.de, obwohl ich weiß, dass das, was die da zuerst haben, sehr oft nur Falschmeldungen sind. Trotzdem klicke ich hin. Immer wieder. Ich fürchte, ich bin das Problem, mit meiner Unfähigkeit, auch mal Stille aushalten zu können. Ich nutze Live-Ticker, weil sie da sind, und sie sind da, weil ich sie nutze. Es ist ein Kreis, den der Teufel gezeichnet hat.

Meine Unfähigkeit, mediale Abstinenz zu halten, ähnelt einer Sucht, die schwer zu stillen ist, die umso schlimmer wird, je länger man ihr ausgeliefert ist. Schließlich wird nichts besser, wenn man auf Live-Ticker starrt. Im Gegenteil. Irgendwann hockt man da vor dem Bildschirm, klickt besinnungslos ein ums andere mal auf „aktualisieren“, und dann fürchtet man sich wieder ein bisschen mehr, weil wieder jemand gesagt hat, man solle auf keinen Fall in Panik verfallen, man solle die Ruhe bewahren.

Nun bin ich keiner, der in Sachen Medienkompetenz sehr viel Nachhilfe benötigt. Ich reflektiere seit über 40 Jahren, was sich medial so tut, ich habe schon so manchen Hasen sensationell hoppeln sehen. Trotzdem hinterlassen die aktuellen Phänomene in mir eine bislang nicht gekannte Ratlosigkeit.

Ist wirklich alles so schlimm, wie es die Live-Ticker suggerieren? Oder darf ich noch Ruhe bewahren, wie es die als vertrauensvoll erachteten Medien mir raten? Die Antworten, die ich mir selbst geben könnte, bleiben aus. Immer häufiger tobt in mir ein Kampf zwischen Kopf und Bauch, zwischen Vernunft und Grusellust. Reicht Händewaschen noch? Oder sollte ich auch mein Hirn mal einer Generaldesinfizierung unterziehen? Oder bin ich einfach nur Opfer einer medialen Überdosis?

Kommt jetzt all das auf mich zu, was ich mir in unzähligen Serien schon als fiktionales Theater habe anschauen dürfen? Ist möglicherweise diese perverse Faszination, die mich den Live-Tickern ausliefert, das Produkt einer medialen Komplettverwirrung? Wo hört die Fiktion auf, wo fängt das Reale an? Wo führt das alles hin?

Ich fürchte, ich muss mich zusammenreißen, meinen Trieben Einhalt gebieten. Und ich muss die Lage ernsthaft einschätzen. Ja, wir müssen alle sterben. Aber das Wann ist hoffentlich noch nicht entschieden. Die Antworten dazu kann kein Live-Ticker geben, die hat nur das Leben zu bieten.

Über den Autor

Hans Hoff war Sozialpädagoge, rutschte aber ab 1979 durch Plattenkritiken und Konzertrezensionen in den Journalismus ab. Seit 1990 agiert er als staatlich anerkannter Glotzenbegutachter und mediale Meinungsschleuder vom Dienst.

Teilen