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Das Hoff zum Sonntag

Information in der Krise: Tear Down The Fucking Paywalls?

 

In der Corona-Krise ist viel von Solidarität die Rede. Aber sind Paywalls im Netz nicht das Gegenteil davon? Auf einmal steht die Frage im Raum, ob es nicht sinnvoll wäre, in der Krise wenigstens die virtuellen Mauern niederzureißen.

von Hans Hoff
22.03.2020 - 09:36 Uhr

Würde die Welt nur nach Klicks und Zugriffszahl bewertet, dann wäre sie gerade ziemlich in Ordnung. Allenthalben können sich Anbieter von Information nicht über mangelndes Interesse ihrer Kundschaft beschweren. Das hat seinen Grund. Wer nicht weiß, was morgen sein wird, hat natürlich Fragen. Jede Menge Fragen. Fragen, die nach Antworten suchen. Dass es in diesen Tagen keine letztgültigen Antworten gibt, dass sich die Erkenntnislage stündlich ändern kann, dass Aussagen von vorgestern oft klingen wie Zitate aus dem Mittelalter, trägt dazu bei, das Interesse an aktuellen Information hochzuhalten. Das lässt Zugriffszahlen förmlich explodieren. Jeder will alles wissen, immer und immer wieder. Und immer wieder neu.

Allerdings bekommt nicht jeder alles, was er will. Jedenfalls nicht unentgeltlich. Immer wieder stoßen Informationshungrige auf Paywalls. Die haben Verlage gerade in mühsamer Schwerstarbeit hochgezogen, um so dem Monster Umsonstmentalität, das sie über Jahre selbst großgefüttert haben, Einhalt zu gebieten. Und so langsam haben auch die Kunden verstanden, dass die Leistung jener, die Informationen heranschaffen und seriös kuratieren, nicht für umme zu haben ist, dass man nur Affen bekommt, wenn man lediglich mit Erdnüssen bezahlt.

Aber jetzt die Krise. Es ist eine Krise, in der viel von Solidarität die Rede ist. Wir müssen zusammenhalten, indem wir Abstand bewahren, hat die Kanzlerin gesagt. Gleichzeitig werden die Grenzen dichtgemacht, werden virtuelle Mauern rund ums Land gezogen, und nicht jeder findet das unbedingt behaglich.

Auf einmal steht die Frage im Raum, ob es nicht sinnvoll wäre, in der Krise wenigstens die inneren Mauern niederzureißen, wenigstens für die Zeit der schlimmsten Krise. "Der #Spiegel, die #Zeit, die #FAZ, die #Süddeutsche und andere große Printmedien sollten für Ihren Aufmerksamkeitsgewinn eine Gegenleistung bringen: Online-Beiträge zu#COVID19 /#SARS2 kostenlos für Alle“, twitterte der Virologe Christian Drosten am 9. März. Am 15. März zog Jan Böhmermann nach: „Onlineredaktionen (gerade von Regionalzeitungen) zu Coronazeiten und Coronathemen: TEAR DOWN THE FUCKING PAYWALLS NOW! BITTE! Für all die Enkel, Kinder, Nichten und Neffen, die in den nächsten Tagen die Infos brauchen, schnell verschicken oder teilen müssen.“

Solche Forderungen klingen verständlich, da es derzeit wesentlich leichter ist, irgendwelche kruden Verschwörungstheorien von Profilneurotikern rasch zu verlinken als seriöse Informationen zu teilen, wenn sie sich hinter Mauern verstecken. Wer großen Mist in einfachen Worten („Die da oben!“) erzählt, geht momentan schneller viral als jene, die für eine Erklärung nun mal etwas weiter ausholen müssen.

Zudem bringt natürlich das von Drosten angeführte Argument des Aufmerksamkeitsgewinns die Bewacher ihrer Paywalls ins Dilemma. Einerseits haben sie mühsam ein Erlösmodell etabliert, das im besten Fall die Aussicht auf kleine Gewinne erlaubt, andererseits sehen sie sich nun, da das Erlösmodell wegen des Aufmerksamkeitsgewinns endlich halbwegs funktioniert, unter moralischem Druck, niemandem für lebenswichtig erachtete Informationen vorzuenthalten.

Nun gehen die Meinungen darüber, was als lebenswichtig erachtet werden darf, weit auseinander. Für den einen sind das alle Texte, in denen Covid und Corona steht, für den anderen nur die Grundinformationen. Je seriöser die Zeitung oder der Onlineanbieter, desto größer das Dilemma.

Es fordert nunmal Fingerspitzengefühl, zu entscheiden, was hinter und was vor der Mauer präsentiert wird. Großmäulige Empörungstiraden (Frechheit. Wir müssen Geld verdienen.), in denen manche Nachrichtenverwalter ihr Erzürnen über die Drosten/Böhmermann-Forderungen zum Ausdruck brachten, sind dabei mit Sicherheit nicht als adäquate Reaktion zu werten. 

Im Prinzip muss das mit der Mauer für jede Nachricht neu entschieden werden. Man kann hohen moralischen Gewinn einfahren, wenn man sich nun freigiebig zeigt. Man muss dafür die Mauern nicht einmal komplett schleifen, und die Devise „lieber ein bisschen mehr als ein bisschen weniger hergeben“ dürfte in diesem Zusammenhang nicht die falscheste sein. Im besten Fall erweist man sich als vertrauenswürdiger Partner des Lesers, der die Dienste zu schätzen lernt und auch in den Zeiten nach der Krise treu bleibt. Der Druck, sich freigiebig zu verhalten, steigt zudem mit dem Anschwellen der Krise ebenso wie mit jedem Mitbewerber, der seine Mauern zu schleifen beginnt.

Wer die Mauern jetzt rasch einreißt, läuft indes Gefahr, die Wertigkeit seiner Angebote nachhaltig zu beschädigen. Nach der Krise kann er dann die Kämpfe gegen das Monster Umsonstmentalität gleich wieder von vorne beginnen.

Wie man es nicht macht, zeigt etwa die Aachener Zeitung, die einen Bericht über die Einrichtung eines Abstrichzentrums in Düren ebenso hinter die Mauer packt wie einen Bericht über die ersten Tests dort. Wer so handelt, hat sich im besten Fall keine Gedanken gemacht, im schlimmsten Fall spekuliert er mit der Angst der Menschen. 

Aber es geht noch schlimmer, wenn man etwa den Blick richtet auf Anbieter, die sich ohnehin einen Dreck scheren um jegliche soziale Verantwortung, die dem User ihr Gift geradezu ins Gesicht spucken. Das von der Funke-Gruppe betriebene Trashportal „Der Westen“, das einst als die Zukunft des Onlinejournalismus verkauft wurde, scheut sich nicht, aus Verunsicherung hemmungslos Klickkapital zu schlagen. Zwar ist dort keine Paywall installiert, dafür wird aber kräftig mit Angst Kasse gemacht. 

Lange wurde dort die Masche favorisiert, über Fragezeichen-Schlagzeilen der Marke „Müssen wir alle morgen sterben?“ zum nächsten Klick zu verführen, um dem User dann, nachdem er mit dem Klick und seinen Daten bezahlt hatte, ein dürres, schlecht als Textchen getarntes „Nein“ zu kredenzen. 

Inzwischen tut sich dort noch ein neuer Abgrund auf. Auf der Startseite finden sich lauter angefangene Sätze, die ganz offensichtlich Angst erzeugen sollen. Sie werden irgendwo mittendrin abgebrochen, was natürlich das Versprechen impliziert, dass man den Rest auf der nächsten Seite bekommt. „Coronavirus, Ärzte-Chef. Ich glaube nicht, dass wir…“ steht da. Man muss dann klicken, um das volle Zitat zu bekommen. „Ich glaube nicht, dass wir das, was wir jetzt tun, monatelang fortführen können“, sagt der Ärztechef da.

„Der Westen“ steht nicht alleine da. Es gibt noch etliche andere Anbieter, die Zahl vor Moral stellen und sich so geradewegs den Weg in die Hölle ebnen. Es tut sich halt ein großer Graben auf zwischen dem, was Vertrauen und dem, was Verachtung verdient. Schön wäre es, funktionierte die These, dass alles, was nicht hinter einer Paywall steckt, erst einmal misstrauisch zu beäugen ist und alles, was bezahlt werden muss, Qualität bietet. Aber dann landet man bei „Bild“ und liest dort die verschwörerische Frage „Wer hat die Macht über Corona? Werden wir jetzt von RKI-Virologen regiert?“, die hinter der Paywall mit einem wischiwaschigen „Nein, aber…“ beantwortet wird.

Insofern stehen Paywalls und Qualität in keinerlei Abhängigkeit voneinander. Ramsch gibt es vor und hinter der Mauer. Wohl dem, der sich der Gretchenfrage immer schon entzogen hat. „Wir bleiben bei unserem Paywall-Shutdown“, schreibt die „taz“ und appelliert weiter an ihre Nutzer, denen sie alles frei zur Verfügung stellt, die Wertigkeit des Angebots doch bitte auch zu honorieren. 

Es ist ein Appell an die Moral, der von der „Taz“ schon in „normalen“ Zeiten ausgegeben wurde. Es ist indes ein Appell, der in Virus-Zeiten noch eindringlicher wirkt. Die Botschaft ist klar: Wer Gutes will, muss Gutes geben.

Über den Autor

Hans Hoff war Sozialpädagoge, rutschte aber ab 1979 durch Plattenkritiken und Konzertrezensionen in den Journalismus ab. Seit 1990 agiert er als staatlich anerkannter Glotzenbegutachter und mediale Meinungsschleuder vom Dienst.

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