© Screenshot ZDF
Das Hoff zum Sonntag

Die neue Horror-Show: Das Fernsehen von gestern

 

Wer das Fernsehen einschaltet, sieht Leute beim Händeschüttel, an Buffets, in Menschenmassen - aus heutiger Sicht eine wahre Horrorshow. Der Grund ist klar: Wir sehen Bilder von gestern und vorgestern. Und künftig? Lohnt es, Serien an die neuen Realitäten anzupassen?

von Hans Hoff
10.05.2020 - 08:16 Uhr

Ich hatte einen Alptraum. Ich sah einen haarigen Arm mit einer schwitzigen Männerhand dran, und diese Hand drückte die Hand einer alten Dame. Dazu säftelte der Mann etwas in Richtung der Seniorin, und sofort saß ich kerzengerade im Bett und schrie laut "Mundschutz!". Ich saß natürlich nicht im Bett, und ich hatte auch nicht geträumt. Ich war einfach in eine Wiederholung von "Bares für Rares" geraten und hatte erleben müssen, wie ein rustikal beschnauzter Rheinländer sich gerade wieder zum Horst machte. Ich dachte nur: Das geht nicht. Wenn das Markus Söder sieht. Selbst dem lauen Laschet wäre das zu viel gewesen. Ich wollte augenblicklich ein Schild malen: Maske für Horst Lichter!

Mir wurde in diesem Moment klar, was kluge Menschen schon lange wussten. Das Fernsehen, das wir momentan betrachten, ist das Fernsehen von gestern. Nun habe auch ich es gemerkt. Wir leben aus der Konserve. Immer schon. Gefühlt drei Viertel dessen, was aus meinem Flachschirm quillt, ist nicht aktuell. Da nun auch ich es gemerkt habe, möchte ich natürlich dem weisen Urteil von Kennern noch einen drauf setzen. Das Fernsehen ist nicht von gestern, es ist von vorvorgestern.

Ich zappe rum und sehe Menschen bei einem Konzert. Sie drängeln sich vor der Bühne. Die Körper berühren sich, die grölenden Mäuler stoßen große Mengen an Flüssigkeit aus, die man manchmal im Licht der Scheinwerfer als feinen Nebelregen sieht. Es ist eine riesige Party für alle Tröpfchen, die sich nach Infektion sehnen. Das ist Heinsberger Karneval hoch zehn. Bei Arte!

Es ist erstaunlich, wie ich Dinge, die ich noch vor wenigen Monaten als gottgegeben betrachtete, auf einmal als exotisch, ja beinahe lebensgefährlich ansehe. Ich staune und denke: Was für seltsame Riten die Menschen einst hatten. Sie tanzten eng umschlungen, sie wechselten die Partner, sie unterhielten sich leicht sabbernd überm Buffet, und ich sah dabei aus ihren Mündern tausend Tröpfchen in feinem Nebel auf die Speisen hernieder regnen. Alexander Gorkow hat vor Jahren schon einmal in seinem formidablen Roman "Mona" beobachtet, was für eine hygienische Schweinerei solche Lebensmittelauslagen in Hotels und auf Empfängen sind. Aber damals habe ich bloß mit den Schultern gezuckt und gedacht: Ist halt so.

Heute dagegen taugt jede Buffet-Szene als Element für einen echten Horrorschocker. Der Covid-19-Mörder geht umher und hustet aus purem Hass Menschen an, um sie in die Corona-Statistik eingehen zu lassen. Man sieht danach, wie sie vom verseuchten Speiseangebot essen, und dann zieht der Regisseur schwarz, und alle wissen: Die machen es nicht mehr lange. Wahrscheinlich sitzt schon irgendein Drehbuchautor an einer entsprechenden Geschichte. Bis die aber auf dem Bildschirm erscheinen wird, kann es noch Jahre dauern.

Ein paar Monate hat es nur gebraucht, um ästhetische Grundsätze komplett zu verwirbeln. Vieles von dem, was wir sehen, wird komplett neu interpretiert. Vergangene Woche bin ich in meine Bank gegangen und habe mich gewundert, warum mich niemand erkannt hat. Bis ich merkte, dass ich ja maskiert war, eine Sonnenbrille trug und eine Kappe. In früheren Zeiten hätte mich wahrscheinlich der Securitychef der Bank schon am Eingang erschossen, weil klar gewesen wäre, dass ich ein Bankräuber bin. Heute ist Maskenball allerorten normal, es reicht, kurz die Sonnenbrille anzuheben, um wieder freundlich begrüßt zu werden.

Gäbe es schon aktuelle Krimis in nennenswerter Stückzahl, dann käme dort bestimmt ein Mörder vor, der sich bei der Ausübung seiner Bluttat mit einer Maske schützt, und die Vernehmungen im "Tatort" fänden alle durch eine Plastikscheibe oder als Skype-Schalte statt. "Wo waren Sie gestern zwischen neun Uhr und Mitternacht?" Die Frage erübrigte sich dann. Sie würde ersetzt durch: "Lassen Sie mich mal Ihre Corona-App auslesen!"

Ja, ich weiß, so schlimm wird es nicht. Aber wie lange währt solch ein Glaube, wenn alles, was wir sehen, neu interpretiert werden will?

Noch unerforscht ist beispielsweise der durch Fernsehen ausgelöste Phantomschmerz beim Betrachten vorgestriger Aufnahmen. Kürzlich sah ich in einer Arte-Doku einen Imker, der ein Bienenvolk vorzeigte. Da wimmelte es, und da wuselte es, und sofort keimte in mir der Gedanke, dass es mit der Wimmelei und dem Wuseln für die Menschen erst einmal sehr lange ein Ende hat. Das tat mehr weh als jede Pressekonferenz mit Christian Lindner.

Selbst die Interessenschwerpunkte verschieben sich. Sind nicht kürzlich irgendwelche neuen MacBooks vorgestellt worden? Was hätte das früher für einen medialen Aufschlag gegeben. Diesmal war es allenfalls eine Randnotiz, interessierte höchstens ein paar Nerds. Die Zäsur ist überdeutlich.

Und wieder zurück ins Programm. Da gibt es Menschen in Bars, die miteinander ins Gespräch kommen, die keinen Mindestabstand einhalten, die einen Scheiß geben auf Virenschutz. Zudem ist in den meisten Filmen selten mal jemand beim Händewaschen zu sehen. Das passiert höchstens, wenn ein Kommissar auf der Präsidiumstoilette dem genervten Polizeipräsidenten oder Staatsanwalt die "Was haben wir bisher?"-Recap-Frage beantworten muss. Ansonsten wird in Krimis höchst selten dieser seit Pontius Pilatus in unserer Kultur verhaftete Reinigungsprozess thematisiert, was wohl auch damit zu tun hat, dass "Tatort"-Kommissare in 90 Minuten sehr selten auf Klo müssen.

Und wie reagiert man bei den Schauspielschulen? Fragt man sich dort schon, ob man sich überhaupt noch mit Mimik beschäftigen sollte, wenn doch eh bald alle dauerhaft Masken tragen und mit Plexiglas abgeschirmt werden. Wer weiß das schon?

Keine Frage, das was wir heute sehen, ist, abgesehen von Nachrichten und schnell zusammengeschusterten Dokumentationen, immer nur das Leben von gestern, von vorgestern und von vorvorgestern. Es wird eine ziemliche Weile dauern, bis das Fernsehen, vor allem das fiktionale, aufgeholt hat und auf dem Stand von heute ist.

Das allerdings wirft die Frage auf, ob es sich überhaupt lohnt, Corona in die Drehbücher zu schreiben. Bei einem Vorlauf von einem, manchmal zwei Jahren für einen Fernsehfilm, eine Serie, könnte es doch durchaus sein, dass das Thema Corona zum Erscheinungstag in 24 Monaten nur noch eine Episode für die Geschichtsbücher ist. Impfstoff gefunden, verabreicht, alle immun. Ist nur eine Vision, aber immerhin eine schöne.

Was aber passierte dann mit all den Maske tragenden Mördern? Werden die dann Helden in einer "Es war einmal"-Abteilung? Fragen über Fragen. Fragen, die sich stellen und die nicht mehr weggehen wollen.

Es gibt aktuell wenig Gewissheiten. Nur eines ist sicher. Angesichts der Mördermenge an bereits produzierten Folgen wird "Bares für Rares" noch eine ziemliche Weile den jovialen Status von vorvorgestern transportieren. Die schwitzige Männerhand, der behaarte Arm, die lebensgefährlichen Kondenströpfchen am irrlichternden Schnauzbart, all das wird uns noch eine ziemliche Weile begleiten. Menschen, die jetzt jung sind, werden einst ihren Enkeln hinter dem Plexiglas berichten: "Ich habe noch den Horst Lichter erlebt, und der hat alten Frauen die Hand gegeben. Im Fernsehen." Die Kinder werden sich dann gruseln, und dann werden sie betteln: "Opa, erzähl uns noch mehr Schauergeschichten von damals."

Über den Autor

Hans Hoff war Sozialpädagoge, rutschte aber ab 1979 durch Plattenkritiken und Konzertrezensionen in den Journalismus ab. Seit 1990 agiert er als staatlich anerkannter Glotzenbegutachter und mediale Meinungsschleuder vom Dienst.

Teilen