Herr Soost, Sie präsentieren schon bald "Survivor" bei Sport1. Wer ist dabei eigentlich mutiger? Die Kandidatinnen und Kandidaten oder der Sender, der sich nach zwei erfolglosen Adaptionen noch einmal an dem Format versucht?
Wenn ein Format wie "Survivor" weltweit in vielen Ländern erfolgreich ist und gefühlt nur in Deutschland bislang nicht funktioniert hat, dann hat bei der Umsetzung etwas nicht gestimmt. Deutschland ist ein Lizenzmarkt, viele Formate kommen hier erst auf Sendung, wenn sie sich woanders erfolgreich bewiesen haben. Insofern finde ich den Ansatz von Sport1, "Survivor" zu adaptieren, sehr logisch. Den Mix, den wir jetzt für die Show gewählt haben, sowie die schonungslose Echtheit des Formats wird hoffentlich dafür sorgen, dass es diesmal funktionieren wird.
Was macht Sport1 jetzt konkret anders als ProSieben und Vox, die sich auch schon einmal an "Survivor" versucht haben?
Beide Sender haben in der Vergangenheit die krassen Geschichten rund ums Überleben auf der Insel in den Vordergrund gestellt. Dabei haben sie aber fast ausschließlich auf Personen gesetzt, die sich in diesem Bereich auskannten. Wir setzen bewusst auf einen Mix: Wir haben sportliche Kandidaten, für die diese Bedingungen nicht neu sind. Wir haben parallel dazu aber auch Teilnehmer, die frisch aus dem Nagelstudio kommen, weil sie sich gerade noch ihre Fingernägel haben machen lassen. Da clashen Lebenswelten aufeinander und alle müssen im Team irgendwie miteinander klar kommen. Das macht den Reiz aus. Und wer sagt, der Dschungel sei krass, hat "Survivor" noch nicht gesehen.
Dschungel? Sie sparen nicht mit großen Vorbildern!
Der Dschungel geht über zwei Wochen, für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer gibt es vorbereitete Feldbetten und das Feuer ist auch ziemlich schnell gemacht. In den Prüfungen gibt’s Känguru-Eier zum Essen oder die Kandidaten müssen zwischen Kakerlaken krabbeln. Demgegenüber stehen sieben Wochen "Survivor", wo es im Camp zunächst nichts gibt. Nichts! Kein Bett, kein Feuer. Unsere Teilnehmer waren die ersten zwei Tage völlig ohne Feuer und hatten nur ein bisschen Reis und Öl.
Sport1 hat bereits den Cast bekannt gegeben, mit dabei sind auch Reality-Sternchen, die bekannt dafür sind, Drama zu machen, um Sendezeit zu bekommen. Ist das noch der Kern von "Survivor"? Das hat ja eher nichts mit einem Strategiespiel zu tun und wir sind doch wieder schnell beim Dschungel, wo es ähnlich läuft…
Die Kandidatinnen und Kandidaten haben gar keine andere Chance und ich habe schon ganz zu Beginn zu allen gesagt: Wer sich hier Masken aufsetzt und versucht, so durch die Show zu kommen, wird scheitern. Die Entbehrungen und der Mangel, mental wie physisch, sind so groß, dass alle Masken fallen. Es geht nicht anders.
Wenn ein Format wie "Survivor" weltweit in vielen Ländern erfolgreich ist und gefühlt nur in Deutschland bislang nicht funktioniert hat, dann hat bei der Umsetzung etwas nicht gestimmt.
Wie sind Sie zum Sender und zum Format gekommen? Und was reizt Sie daran?
Ich wollte "Survivor" unbedingt moderieren. Meine Lebensaufgabe ist es, Menschen in Bewegung zu bringen. Nicht nur zum Tanzen, sondern auch generell in Bezug auf ihre Physis und Fitness. Aber auch in Bezug auf ihre mentale Gesundheit. Alle diese Säulen durfte ich in die Show einbringen. Ich bin Host, Moderator, Motivator, Mediator, Mentor und Kommentator. Wir haben im November 2025 gedreht und die Anfrage kam bereits im März. Es sollte dann eigentlich schon im April losgehen…
Daraus ist aber nichts geworden?
Plötzlich hat sich niemand gemeldet und ich habe mich gefragt, ob Sport1 vielleicht ein anderes Gesicht für die Show gefunden hat. Der nächste Anruf kam dann erst im September und als ich die Nummer gesehen habe, wusste ich sofort: Jetzt kommt "Survivor". Für die Show habe ich übrigens auch andere große Formate ausgeschlagen, die ich hätte machen können. Ich wollte den Platz für "Survivor" unbedingt frei haben, in den sieben Drehwochen konnte ich natürlich nichts anderes machen.
Sie sind nun also nicht nur der Schleifer, der die Kandidatinnen und Kandidaten bis zur Erschöpfung treibt, sondern auch ihr "Mentor"? Das kann ich mir schwer vorstellen…
Ich bin immer brutal ehrlich, das war ich auch bei "Popstars". Ich habe den Teilnehmern immer gesagt, wenn sie richtig schlecht waren. Ich habe ihnen das aber auch immer so direkt gesagt, weil ich wusste, dass sie es besser können. Ich wollte, dass sie keine Ausreden mehr suchen. Das war mein eigentliches Geheimnis bei "Popstars". Irgendwann wurde dann aber nur noch das "Du bist scheiße" in die Folge geschnitten und das hat sich natürlich komisch angehört. Was bin ich also bei "Survivor"?
Ja?
Ich darf so sein, wie ich mich auch selbst sehe. Natürlich gebe ich den Kandidatinnen und Kandidaten teilweise die Arschkarte und mache klare Ansagen. Ich fange sie aber auch auf, vermittle zwischen ihnen und motiviere.
Inwiefern ist durch "Popstars" ein Image von Ihnen entstanden, mit dem Sie gar nicht so zufrieden sind?
Wenn man instrumentalisiert wird bei einer Sache, die eigentlich ganz anders war, ist das etwas, das jeder blöd findet. Gleichzeitig muss man akzeptieren, dass, wenn es nicht live ist, das Fernsehen nun einmal so ist. Ich beschwere mich nicht, dass das so passiert ist. Ich konnte ja immer selbst entscheiden, ob ich dabei sein will oder nicht.
Vielleicht sieht man am Ende auch bei "Survivor" vor allem den Detlef Soost, der schreit und die Kandidaten so lange schleift, bis sie weinend in der Ecke sitzen.
Ich habe noch nicht alle Folgen gesehen. Aber ich vermute sehr, dass das gesamte Potpourri der möglichen Emotionen und Verhaltensweisen sichtbar wird - und eben nicht nur reingeschnitten wird, wie ich meckere und schimpfe.
Der Spannungsbogen soll nicht nach der ersten oder zweiten Folge in sich zusammenbrechen, weil es vorhersehbar ist.
Wann ist "Survivor" für Sie ein Erfolg?
Die Show ist für mich ein Erfolg, wenn es so rüberkommt und so sichtbar wird, wie ich es empfunden habe. Für mich ist "Survivor" die hardcore-möglichste Komprimierung des normalen Lebens. Es gibt Erfolge, dann fällt man hin. Du stehst auf, es gibt auf die Fresse. Man verbündet sich mit jemandem, der einen dann verrät. Wann es für Sport1 ein Erfolg ist? Das müssen Sie den Sender fragen. Gut wäre es, wenn DWDL nach der Erstausstrahlung schreibt: "Wow, das ist wirklich was neues!"
Es gab ja in der jüngeren Vergangenheit schon Shows von Sport1, die so sehr in die Länge gezogen wurden, dass es schlicht langweilig war.
Ich will kein anderes Format nennen. Aber genau das haben wir als Ziel definiert: Wir wollten einen klareren Erzählbogen und unterschiedliche Challenges. Der Spannungsbogen soll nicht nach der ersten oder zweiten Folge in sich zusammenbrechen, weil es vorhersehbar ist.
Vor 26 Jahren hat ihre TV-Karriere durch "Popstars" begonnen. Wie sehr hat sich das Medium Fernsehen seither verändert?
Durch viele neue Möglichkeiten und Kanäle hat das Fernsehen an Relevanz verloren. Außerdem sind durch die neuen Medien Konzentration und Verweildauer der Zuschauer für einzelne Formate wesentlich geringer als früher. Wer heute eine Sendung mit einer Laufzeit von eineinhalb bis zwei Stunden macht, und das wird "Survivor" sein, muss so spannend erzählen, dass die Menschen dran bleiben. Sonst wird es schwierig.
Wie sehr haben Sie sich in den letzten 26 Jahren verändert?
Eine Sache kann ich von mir behaupten: Ich bin mir selbst immer treu geblieben. Ich habe nie kritische Aussagen gemacht, um einen Effekt zu erzielen. Natürlich bin ich heute 26 Jahre älter, verheiratet und dreifacher Vater. Ich habe mehr von der Fernsehwelt gesehen als viele andere. Da schaut man zwangsläufig anders auf die Dinge.
Wie denn genau?
Bei "Popstars" war es so, dass ich mir für die Kandidaten manchmal mehr gewünscht habe als sie selbst, dass sie ihre Chancen erkennen und wahrnehmen. Mich das hat teilweise wütend und traurig gemacht, wenn die Teilnehmer nicht Vollgas gegeben haben. Das würde ich heute nicht mehr machen, zumindest nicht im Fernsehen. Bei meinen Kindern ist es etwas anderes, denen gegenüber bin ich immer ehrlich und da kann ich auch emotional werden. Das ist meine Verantwortung als Vater. Aber ich habe diese Verantwortung nicht mehr gegenüber Kandidaten von Castingshows.
© Sport1/Acunmedya
Viele Rollen: Detlef Soost versteht sich in "Survivor" als Host, Moderator, Motivator, Mediator, Mentor und Kommentator
Hat sich das Genre der Musik-Castingshows mittlerweile überlebt?
Ich durfte alle möglichen Dinge machen und erleben, darunter große Musik-Castingshows nach Europa bringen und mit "Popstars" die erste Castingshow in Europa federführend vorantreiben. Würde man heute mit der Ur-Version von "Popstars" ins deutsche Fernsehen gehen, würden die Zuschauerinnen und Zuschauer immer noch einschalten.
Diese Einschätzung überrascht mich.
Die Castingshows haben deshalb an Relevanz verloren, weil sie total verweichlicht geworden sind. Es macht keinen Sinn, einem Menschen ein gutes Gefühl zu geben, wenn er keinen Ton getroffen hat. Das bringt der Person nichts und auch nicht dem Format, denn die Zuschauer sind ja nicht taub. Für mich bedeutet Casting: Blut, Schweiß, Tränen, über eigene Grenzen gehen und sich authentisch zeigen. Das ist verloren gegangen. Die Formate müssen wieder ehrlicher werden. Ehrlichkeit ist eine der größten Formen von Respekt.
Jetzt waren Sie ja in einer Vielzahl von TV-Formaten zu sehen und…
Aber ich war nie in einem Reality-Format und das wird auch so bleiben.
Warum eigentlich?
Ich habe keine Lust, mich mit anderen Menschen im alkoholisierten Zustand anzuschreien und dabei gefilmt zu werden.
Gibt es trotzdem etwas in Ihrer TV-Karriere, das Sie bereuen und nicht noch einmal machen würden?
Ich habe mich damals bei "Dancing on Ice" übernommen, das war 2019. Mit einer Körpergröße von 1,90 Meter, 100 Kilogramm Gewicht und null Erfahrung im Eislaufen habe ich mir da zu viel zugemutet. Ich hatte damals zwei kaputte Hüften, die nicht operiert waren. In einer der Liveshows bin ich dann auf eine der Hüften gefallen. Das hätte ich mir alles sparen können.
Die Castingshows haben deshalb an Relevanz verloren, weil sie total verweichlicht geworden sind.
Für die meisten Menschen sind Sie D! oder Detlef D! Soost. Sie selbst treten seit einiger Zeit aber nur noch als Detlef Soost auf. War das eine bewusste Entscheidung?
Das war eine bewusste Entscheidung, die ich aufgrund der Reaktionen in der Öffentlichkeit mittlerweile zurückgezogen habe.
Welche Reaktionen? Und inwiefern zurückgezogen?
Vor einigen Jahren, als ich gerade 50 Jahre alt war, habe ich das D! überflüssig gefunden. Das stand immer für "Dance". Dann bin ich aber auch in andere Bereiche gegangen: Fitness und Motivation. Deswegen wollte ich das D! weglassen, aber niemand hat es so gesehen wie ich. Als ich in TV-Sendungen war, wurde ich als Detlef D! Soost oder D! vorgestellt.
D! ist inzwischen eine Marke. Von so etwas träumen viele Promis.
Ich habe das inzwischen akzeptiert und wehre mich nicht dagegen. Jeder kann mich so nennen, wie er oder sie es möchte. Wenn D! meine Marke ist und mich die Leute so nennen wollen - fair enough. Ich erlebe es aber auch immer wieder, dass ältere Menschen zu mir kommen und sagen: "Sie sind doch der DJ!"
Was nicht ist, kann ja noch werden! Letzte Frage: Wie würde sich Detlef D! Soost schlagen, wenn man ihn auf einer einsamen Inseln mit unbekannten Menschen aussetzen würde, auf der er dann mit dieser Gruppe an Personen überleben müsste? Es gibt wenig Essen, keine Feldbetten und zwischendurch müssen alle in Challenges antreten. In regelmäßigen Abständen werden dann natürlich auch Teilnehmer rausgewählt.
Nachdem ich Moderator von "Survivor" sein durfte, würde ich mich ganz gut schlagen, denke ich. Davor eher nicht so. Jetzt könnte ich mit dem Wissen antreten, dass nach einiger Zeit die 21-Tage-Regel greift.
Die 21-Tage-Regel?
Am Anfang dachten die meisten Kandidaten, dass sie die Bedingungen keine 48 Stunden aushalten. Nach 21 Tagen wurde es für sie Normalität. So wie es für alle Menschen nach rund drei Wochen Normalität wird, wenn sie Gewohnheiten ändern. Mit dem Wissen, dass das, was aktuell scheinbar nicht möglich ist, nach einer gewissen Zeit möglich wird, würde ich da jetzt entspannter sein als vor "Survivor".
Vielen Dank für das Gespräch!
von





