Herr Heidemann, wir sitzen hier auf dem Lerchenberg, auf den derzeit wieder Sonntag für Sonntag tausende Menschen strömen, um den "Fernsehgarten" live zu erleben. Was bedeutet Ihnen das?

Das ist noch Fernsehen zum Anfassen - und es ist toll, in unruhigen Zeiten wie diesen ein solches Live-Event zu haben, auf das sich die Menschen wirklich freuen. Wir haben es jede Woche mit einem sehr bunten Publikum zu tun, das einfach große Freude daran hat, die Sendung und Kiwi zu sehen. Und natürlich hat der "Fernsehgarten" auch eine große Bedeutung für die Region. Dass wir nun schon in der 40. Saison senden, ist etwas Besonderes, und ein Ende ist nicht in Sicht.

Die ARD hat dagegen jüngst angekündigt, ihr "Fernsehgarten"-Pendant "Immer wieder sonntags" aus Kostengründen einzustellen. Wie blicken Sie darauf?

Ich bedauere die Einstellung der Sendung, weil ich sie immer komplementär zum "Fernsehgarten" gesehen habe. Letztendlich waren das zusammen in jedem Sommer vier Stunden Live-Unterhaltung am Sonntagmorgen. Wir haben uns also nichts weggenommen - im Gegenteil: Beide Formate haben sich gegenseitig befruchtet.

So populär wie der "Fernsehgarten" ist: Böte sich da nicht auch mal ein Ausflug in die Primetime an?

Ein "Fernsehgarten" in der Primetime ist erstmal nicht geplant, aber ich freue mich sehr, dass wir auf dem tollen Gelände demnächst ein großes Sommer-Event mit Giovanni Zarrella machen werden. Natürlich kann man für solche Shows in die Berge oder an die See gehen, aber wir haben hier alle technischen Voraussetzungen direkt vor der Haustür. Von daher war dieser Schritt sehr naheliegend.

Im Herbst feiert die Sendung bereits ihr fünfjähriges Jubiläum. Welches Fazit ziehen Sie?

Ich bin mit der Entwicklung sehr zufrieden. Zuletzt haben wir versucht, ein paar Stellschrauben zu identifizieren, um das Format für das Publikum noch klarer zu fassen. Seitdem arbeiten wir mit Mottoshows zu ganz unterschiedlichen Themen, die für einen roten Faden sorgen. Das hilft uns im Übrigen auch bei den Überlegungen zur Künstlerakquise. Und dass Giovanni inzwischen die jährliche Weihnachts-Spendenshow von Carmen Nebel übernommen hat, fühlt sich auch gut und richtig an.

Mittlerweile ist sogar Netflix auf Giovanni Zarrella aufmerksam geworden…

… und bei "Sing meinen Song" war er kürzlich auch zu sehen. Diese Entwicklung freut mich wirklich sehr für ihn.

Umgekehrt haben Sie gleich zwei Netflix-Stars engagiert: Bill und Tom Kaulitz werden im Dezember die Neuauflage von "Wetten, dass..?" moderieren. Ist das eigentlich eine einmalige Sache oder der Anfang einer Ära?

Zunächst schauen wir auf die Show in Halle an der Saale. In jedem Fall ist es eine spannende Reise, die wir jetzt begonnen haben. Ich mag die beiden sehr: Bill und Tom sind nahbar, charmant und - was für "Wetten, dass..?" nicht ganz unwichtig ist: Sie sind unerschrocken. Beide gehen das Projekt mit großer Leidenschaft und Ernsthaftigkeit an und wissen schon recht genau, was auf sie zukommt. Da ist schließlich eine beachtliche Erwartungshaltung entstanden.

Die Nachricht hat hohe Wellen geschlagen.

Es ist doch ganz verständlich, dass eine solche Meldung die Leute polarisiert, auch wenn wir größtenteils einen eher warmen Wind wahrgenommen haben. Am Ende ist das aber vergleichbar mit dem Start des jungen Thomas Gottschalk damals. 

Am Tag nach dessen erster Sendung lautete eine Schlagzeile: "Wir wollen Frank Elstner zurück".

(lacht) Thomas und die beiden eint, dass sie echte Entertainer sind. Wer Bill und Tom folgt, erkennt, dass sie alles tun, um die Menschen bestmöglich zu unterhalten. 

Was sprach überhaupt dafür, "Wetten, dass..?" neu aufzulegen?

Dafür sprach, dass "Wetten, dass..?" ein wahnsinnig starkes Format ist. Eine Marke, die in dieser Form in der deutschen Fernsehgeschichte einmalig ist. Die Show ist noch immer aufgeladen mit so viel positiver Energie und Begeisterung. Jeder hat irgendeinen Bezug zu der Show. Es wäre schlicht falsch, das liegen zu lassen. 

Bill und Tom Kaulitz © ZDF/Rankin/Serviceplan München Tom und Bill Kaulitz moderieren im Dezember erstmals "Wetten, dass..?".

Also neue Köpfe, aber sonst alles wie immer?

Nein, mit den neuen Moderatoren ist sicher nichts wie immer. Klar, die grundsätzliche Struktur der Show bleibt erhalten. Aktuell sind wir mitten in den Vorbereitungen, Showacts und Wetten werden gesucht, das hat alles eine lange Vorlaufzeit. Aber natürlich bekommt "Wetten, dass..?" ein Facelift, hier gibt es viele Überlegungen. Und dann werden wir schauen, wie die beiden die Show zu ihrer Show machen können, wie wir die Performance von Bill und Tom möglichst perfekt in diese drei Stunden integrieren. Dazu haben wir uns auch Unterstützung von der btf geholt, um neue kreative Impulse zu setzen. 

Wie soll diese Unterstützung aussehen?

"Wetten, dass..?" ist immer noch eine Eigenproduktion - und die Wettredaktion, also das Herzstück der Show, ist nach wie vor bei uns. Mit der btf kommt nun ein kleines Creative Department dazu, das unser Social-Media-Team unterstützt und uns dabei hilft, manche Inszenierungen, Auftritte oder auch die bei den Promis so beliebten Wetteinlösungen neu zu denken. Vielleicht gibt es auch eine andere Art, das Saalpublikum einzubinden? Mal schauen.

Wenn wir schon mal an den Morgen des 6. Dezember denken: Wann werten Sie die Neuauflage von "Wetten, dass..?" für sich als Erfolg?

Schon klar, Sie wollen natürlich jetzt eine Quotenprognose hören. (lacht) Aber zufrieden bin ich erstmal, wenn die Leute sagen: Es war vielleicht anders, aber es war eine geile Show. Ich bin happy, wenn Bill und Tom die Leute positiv überraschen konnten, und wenn am Ende dieses warme Gefühl der großen Heimat "Wetten, dass..?" mitschwingt. Es soll im besten Sinne ein erstaunlicher Abend werden.

 

"Der lineare Blick wird schon noch ein paar Jahre wichtig bleiben."

 

Fest im Dezember-Kalender standen in der Vergangenheit auch die "Helene Fischer Show" und die Silvestershow, die im vorigen Jahr erstmals von Berlin nach Hamburg gezogen ist. Wie geht’s mit diesen beiden Sendungen weiter?

Bei Silvester sind wir aktuell in den Überlegungen, wie wir den Jahreswechsel gestalten, und für Helene Fischer sieht es gut aus.

Große Shiny-Floor-Shows werden vor allem mit dem linearen Fernsehen verbunden, weniger mit Streaming. Allerdings ist es kein Geheimnis, dass auch das ZDF immer mehr Geld ins Non-Lineare umschichtet. Was bedeutet das für Ihren Bereich?

Die große Shiny-Floor-Show steht vor Herausforderungen, keine Frage. Der lineare Blick wird schon noch ein paar Jahre wichtig bleiben - auch, weil sich durch erfolgreiche Formate im Linearen meist ein Push für das Streamingportal ergibt. Aber klar, wir müssen sorgsam prüfen, wie wir mit unseren Etats sinnvoll umgehen. Es ergeben sich ja auch neue Chancen: Wenn ich beispielsweise sehe, welche Abrufzahlen unsere Comedy-Formate im Streamingportal haben, dann ist das wirklich beeindruckend. 

Stichwort Comedy: Zum Jahresende läuft Ihr Vertrag mit Jan Böhmermann aus. Täuscht der Eindruck oder ist die gegenseitige Liebe in letzter Zeit ein wenig erloschen?

Erloschen ist da gar nichts. Wir sind dabei, unsere weitere Zusammenarbeit zu skizzieren, nachdem wir das Tableau in diesem Jahr ein wenig verändert haben - etwas weniger "ZDF Magazin Royale", dafür erstmals "ZMR vor Ort" und die Rückkehr von "Böhmi brutzelt". Auch "Lass dich überwachen" geht weiter. Jetzt schauen wir mal, wie wir in die Zukunft gehen. Da werden wir uns bald zusammensetzen.

Im vergangenen Jahr haben Sie im Sommer erstmals "Till Tonight" gezeigt. Wie geht es damit weiter?

"Till Tonight" werden wir in diesem Jahr nicht machen, weil sich die Terminfindung für eine wochenaktuelle Show durch die WM und Tills eigene Termine als ziemlich kompliziert herausgestellt hat. Er ist ja inzwischen wirklich in der Champions League der deutschen Comedy angekommen. Daher freue ich mich umso mehr, dass Till Reiners in diesem Jahr für uns den "ZDF Comedy Sommer" moderiert und uns auch bei 3sat mit seiner "Happy Hour" erhalten bleibt.

Die stärkste Comedy- und Satiremarke des ZDF bleibt aber weiterhin die "heute-show", deren Universum Sie zuletzt spürbar ausgebaut haben. Wie fällt Ihr Fazit aus?

Wir sehen, dass die Marke "heute-show" wahnsinnig stark ist. Und zwar sowohl in der linearen als auch der non-linearen Welt. Rund um die Regelsendung ist ein regelrechter "Kosmos" an reichweitenstarken Spin Offs und Social-Media-Kanälen entstanden. Die wöchentliche Sendung mit Oliver Welke erreicht in der Nachgewichtung inzwischen regelmäßig über 30 Prozent Marktanteil bei den 14- bis 49-Jährigen - das schafft sonst allenfalls noch der Sport. Und glücklicherweise geht das Publikum auch die neuen Wege komplett mit, sodass wir uns entschieden haben, alle Ableger - von den klassischen Specials mit Fabian Köster und Lutz van der Horst über "Next Stop Köster" bis hin zu "History" und dem Quiz - fortzusetzen. Daneben sind wir im Comedy-Bereich aber auch mit Sarah Bosetti, Marie Lina Smyrek und natürlich der "Anstalt", von der im Sommer die 100. Folge kommt, stark aufgestellt. Außerdem machen wir Folgestaffeln von "Neo Match Up" mit Parshad Esmaeili, vom "Neo Social Club" mit Laura Larsson und von "Nicht nachmachen!" Und nicht zu vergessen für TV-Gourmets: "Welke & Pastewka".

Valerie Niehaus © ZDF/Julia Feldhagen Valerie Niehaus moderiert bald ein "heute show extra" über FIFA-Chef Gianni Infantino.

Wie viel Platz bleibt da noch für Neues?

Aktuell ist mit "Terrain - Battle of the Flags" ein neues Format mit Freshtorge in Arbeit, produziert von Roses are Blue. Darin reisen zehn Teams mit Creatoren und Influencern nach Schottland, um eine Art Strategiespiel zu absolvieren, das im Look and Feel der Gaming-Welt nachempfunden sein wird. Darüber hinaus freue ich mich wirklich sehr über einen ganz besonderen Neuzugang.

Ja?

Kurt Krömer kommt zum ZDF. Er hat wieder große Lust auf Fernsehen.

Was planen Sie mit ihm?

Seine neue Show heißt "Krömers letzte Stunde" und wird von der btf für ZDFneo und das Streamingportal produziert. Geplant sind vier Folgen, in denen er jeweils zwei Gäste zu einer Mischung aus Talk und Spielen begrüßen wird, es ist ein bisschen wie immer: Krömer macht Krömer-Sachen, alles etwas unberechenbar, lustig sowieso, aber auch mit einer guten Portion Ernsthaftigkeit. 

Vor einem Jahr haben Sie sich mit "Wettlauf um die Welt" in den Reality-Bereich vorgewagt, das Experiment im Hauptprogramm aber schon nach einer Folge wieder abgebrochen. Warum hat das nicht funktioniert?

Inhaltlich war ich zufrieden mit der Sendung. Das hat schon das erfüllt, was wir uns vorgestellt haben. Aber vielleicht war "Wettlauf um die Welt" für 20:15 Uhr im ZDF einfach nicht der richtige Ort. Wir sprechen heutzutage ja viel über Distribution, also die Frage, wie treffgenau wir Content an welcher Stelle platzieren. Und da haben wir vielleicht mit der Überlegung, das Format in der Primetime zu senden, danebengelegen. Es war dennoch eine gute Erfahrung und Reality bleibt ein spannendes Genre, wenngleich es für uns im Moment nicht erste Priorität hat. 

Umso erfolgreicher läuft nach wie vor Ihr Nachmittags-Doppel mit "Küchenschlacht" und "Bares für Rares". Wie sehr müssen Sie sich angesichts dieser Quoten manchmal die Augen reiben?

Der Erfolg beider Formate ist wirklich bemerkenswert. Vor allem "Bares für Rares" ist neben seinem weiterhin unglaublichen linearen Erfolg inzwischen auch - mit sehr erfolgreicher Präsenz auf Instagram, Tiktok, YouTube und Facebook -  ein non-lineares Phänomen. Genauso wird übrigens "Markus Lanz" am späten Abend immer stärker, insbesondere beim jungen Publikum. Das gilt auch für "Lanz & Precht", das wir seit einigen Monaten auch als Video-Podcast anbieten und damit inzwischen bei im Schnitt fast einer Million Abrufen pro Folge liegen. Markus Lanz wird in diesem Jahr darüber hinaus wieder eine große USA-Doku machen, die wir pünktlich zu den Midterm Elections ausstrahlen werden. Im Doku-Bereich freue ich mich außerdem wie in jedem Jahr wieder sehr über eine starke Fußball-Doku mit Tommi Schmitt, die wir gemeinsam mit den Kollegen aus dem Sport an den Start gebracht haben.

Eine Herausforderung bleibt letztlich vor allem der Sendeplatz am Mittwoch um 19:25 Uhr, oder?

Wir haben auf dieser Factual-Schiene einige Formate ausprobiert. Da war natürlich nicht alles sofort ein Treffer, aber wir machen weiter - mit den "Gartenprofis", "Besseresser goes Schule" und den "Lebensrettern von Murnau". Bei Letzteren haben wir gemerkt, dass die Blaulicht-Farbe gut funktioniert. Darüber hinaus bespielen wir auch weiterhin den Sonntagnachmittag mit Factual-Formaten. Neben dem "Duell der Gartenprofis" kommt es bald auch zum "Duell der Hochzeitsprofis", bei dem sich Paare zwischen zwei Konzepten für ihre eigene Hochzeit entscheiden können. Hier laufen aktuell bereits die Dreharbeiten. Ganz besonders freue ich mich außerdem auf unser nächstes Social-Factual-Format "Comedy im Spektrum", bei dem wir, wissenschaftlich begleitet, sechs Menschen mit Autismus auf ihrem Weg auf die Comedy-Bühne begleiten. Mit Leon Windscheid haben wir hierfür jetzt auch den perfekten Host gefunden. 

Herr Heidemann, vielen Dank für das Gespräch.