Katja Hawliczek © Katja Hawliczek Katja Hawliczek mit einem ihrer Schafe
Frau Hawliczek, wer ist am Filmset schwieriger: ein Schaf oder ein prominenter Schauspieler?

Katja Hawliczek: Es hängt immer von den Anforderungen ab und man kann da nichts verallgemeinern. Es gibt keine schlimmen Schauspieler, es gibt nur einzelne Situationen, die schwieriger sind als andere.

Sie sind eigentlich Tierärztin, arbeiten aber seit fast 30 Jahren mit Tieren an Filmsets. Nun waren Sie auch bei der ZDF-Serie "Sheep" mit dabei. Darin geht es um Schafe, die denken, sie seien die Könige der Welt - bis eines von ihnen die Wahrheit erfährt. Was waren die größten Herausforderungen für Sie beim Dreh mit den Schafen?

Der Umfang der Arbeit war die größte Herausforderung. Also vor allem die langen Drehtage, die unterschiedlichen Aufgaben und der körperliche Aspekt.

Was macht die Arbeit so körperlich?

Wenn man immer wieder Schafe holen und zurückbringen muss, um mit ihnen zu drehen, ist das mit der Zeit sehr anstrengend.

Mit wie vielen Schafen wurde gedreht?

Es waren fünf eigene Schafe, dazu kamen noch 15 bis 20 Fremdschafe.

Über Katja Hawliczek

  • Katja Hawliczek hat an der Veterinärmedizinische Universität Wien studiert und ist ausgebildete Tierärztin. In diesem Beruf arbeitet sie aber schon sehr lange nicht mehr, seit 1997 bringt sie Tiere ans Set und auf Theaterbühnen. Die Österreicherin lebt mit ihrer Familie auf einem Vierkanthof und hält dort mehr als 100 Tiere, von denen viele regelmäßig auch bei Dreharbeiten verschiedenster Art im Einsatz sind. Eigens für die ZDF-Serie “Sheep” hat Hawliczek fünf Waldschafe bei sich aufgenommen und mit der Flasche großgezogen. Auch heute leben sie noch auf dem Hof - und haben sogar schon weitere Aufträge an Land gezogen. Eine echte Berufsbezeichnung gibt es für das, was Hawliczek macht, nicht. Als “Tiertrainerin” will sie nicht bezeichnet werden - und tatsächlich geht das, was sie macht, weit darüber hinaus. 

Die fünf eigenen Schafe gehören Ihnen?

Ja, diese Schafe haben wir extra für den Dreh angeschafft und bei uns zu Hause auf unserem Hof aufgezogen. Das war ein Familienprojekt, ohne meinen Mann hätte ich das niemals machen können. Diese fünf Schafe gehören versorgt und die müssen einen Stall haben. Und die Tiere leben auch nach dem Dreh noch weiter bei uns, ich gebe sie danach nicht weg. Die Schafe sind bei uns zu Hause in Vorbereitung auf den Dreh überall gewesen und lagen mit uns auch im Wohnzimmer.

Das ist eine Menge Arbeit zu einer Zeit, in der noch nicht einmal an Dreharbeiten zu denken ist.

Ja, aber das wird vorher alles besprochen und geplant. Zum Zeitpunkt des Drehs waren die Schafe eh noch ziemlich jung, acht bis zehn Monate. Heute sehen sie ganz anders aus. Normalerweise schaffe ich mir aber auch nicht für jeden Dreh extra ein Tier an, in diesem Fall war es so. Es hätte anders einfach nicht funktioniert.

Wieso?

Man kann so ein Projekt nicht mit erwachsenen Schafen machen. Die wären vielleicht vom Gesicht her spannender gewesen, aber bei den Aufgaben, die beim Dreh an Schafe gestellt werden, wäre das anders unmöglich gewesen. Wir mussten die Schafe von Anfang an auf alles vorbereiten, deswegen lagen sie auch bei mir im Wohnzimmer und ich habe nebenbei Staub gesaugt, so gewöhnen sich sich daran. Und wenn die Schafe nicht lernen, auf einem Parkettboden zu gehen, grätschen sie am Set. Das beste Training ist immer das echte Leben: Ich habe fünf Kinder und über 100 Tiere, da ist immer was los.

Normalerweise schaffe ich mir nicht für jeden Dreh extra ein Tier an, in diesem Fall war es so. Es hätte anders einfach nicht funktioniert.


Wie haben Sie die Schafe ausgesucht und wie bereiten Sie die Tiere optimal auf den Dreh vor?

Für "Sheep" haben wir uns dazu entschieden, Flaschenlämmer zu nehmen. Das sind Tiere, die mit der Flasche aufgezogen werden. Mit einem Schaf kann man sehr gut arbeiten, wenn man zu dem Tier eine innige Beziehung hat. Das geht am besten mit einem Flaschenlamm, das keine Mama hat. Normalerweise leben Schafe in Herden, da passiert es aber immer wieder mal, dass eine Mutter ein Schaf nicht annimmt oder ein Muttertier verstirbt. Dadurch gibt es immer wieder Flaschenlämmer.

Wie lange hat es gedauert, bis Sie diese fünf Lämmer zusammen hatten?

Wir machen aber keine Schafe zu Flaschenlämmern, sondern haben darauf gewartet, bis es passiert. Es hat mehrere Monate gedauert, bis wir die fünf Flaschenlämmer von unserer Züchterin hatten.

Welche Rolle spielt bei einem solchen Dreh die Rasse eines Schafes?

Wir haben uns verschiedene Schafrassen angeschaut und uns letztlich für Waldschafe entschieden. Das ist eine erhaltenswerte Nutztierrasse, die wir ganz bewusst ausgewählt haben. Ich hoffe, dass mit der Serie die Bekanntheit dieser Rasse steigt, außerdem haben die Schafe dieser Rasse mehrere Vorteile: Sie schauen nicht ständig nach unten, was für die Kameraarbeit wichtig ist. Und sie sehen alle anders aus, so konnten wir auch die verschiedenen Charaktere besser erzählen und darstellen.

Was ist der Unterschied zwischen den eigenen Schafen und den Fremdtieren? Müssen die anders trainiert werden?

Das ist ein großer Unterschied. Die Fremdschafe gehören einer lieben Freundin, Eva Hieret. Ihre Tiere haben wunderbar gearbeitet und waren großartige, ruhige und geduldige Tiere. Aber natürlich sind sie ganz anders als die eigenen, die ich mitgebracht habe. Bei den Fremdschafen musste das genommen werden, was man bekommen hat. Von meinen Schafen konnte das Team ein Stück weit Dinge fordern.

Schafe gelten als Herdentiere, macht das die Arbeit mit ihnen leichter oder schwieriger?

Es macht die Arbeit schwieriger. Das Wichtigste bei "Sheep" war, dass wir mit jedem Schaf einzeln arbeiten können. Daran haben wir mehrere Monate gearbeitet. Es ging vor allem darum, so viel Vertrauen aufzubauen, dass sich die Tiere zusammen mit mir von der Gruppe entfernen. Das war keine leichte Aufgabe, denn es geht gegen das Naturell des Tieres.

Welche Rolle spielt der Tierschutz an Filmsets?

Tierschutz ist immer das oberste Gebot. Das Tierschutzgesetz sagt: Keine Angst, kein Stress und kein Leid für das Tier. Das ist manchmal schnell so dahergesagt, aber es ist ja logisch: Ein gestresstes Tier oder eines mit Angst kann am Set gar keine Leistung bringen. Mit einem solchen Tier kann ich nicht drehen, das beeinflusst die Produktionen wiederum wirtschaftlich negativ. Das gilt es zu verhindern. Man kann keine Tiere stressen oder sie in Angst versetzen, das wäre fatal weit über den jeweiligen Dreh hinaus. Das Tier hat ein Leben nach dem Set und wenn dort etwas schief geht, hat es danach im schlimmsten Fall ein Leben lang Probleme. Das darf nicht passieren.

Ist am Set irgendwas passiert, das so nicht geplant war?

(lacht) Die Pubertät vom Olli! Das ist während des Drehs passiert und er hat immer gut gearbeitet. Zwischenzeitlich mussten wir ihn aber in einer Box von den anderen Tieren separieren. Wenn man ihn in den falschen Momenten erwischt hat, hat er seine Hörner ausprobiert. Außergewöhnlich war beim Dreh zu "Sheep" auch die Art der Zusammenarbeit. Es gab keine Hierarchien und jeder hat den anderen geholfen. Jeder hat versucht, es allen so leicht wie möglich zu machen. Wie sich auch die Regisseure zum Trottel gemacht haben, um die Tiere zu bespaßen, war außergewöhnlich.

Wenn Sie das so betonen, nehme ich an, dass das nicht immer so ist?

Absolut, das ist aber auch nichts negatives. Jedes Filmset hat andere Herausforderungen und Bedürfnisse.

Was macht die Arbeit mit Schafen anders als mit anderen Tieren?

Das ist wirklich komplett anders. Man kann ein Schaf nicht mit einem Hund vergleichen, die Denkweise ist ganz anders. Man muss immer wissen, was das Tier gerade denkt. Und dann muss man versuchen, es dem Tier so logisch wie möglich zu erklären. Am Ende ist es mein Job, den Boden für das jeweilige Tier so zu ebnen, dass es einfach darauf gehen kann. Gleichzeitig versuche ich, die Wünsche des Regisseurs so zu berücksichtigen, dass am Ende alles leicht und wie selbstverständlich aussieht. Das ist mein Ziel: Das Team darf mit den Tieren keine großen Schwierigkeiten haben.

Passiert das manchmal auch nicht? Tiere haben dann ja doch auch mal einen eigenen Kopf…

Ich sehe das anders. Wenn es so ist, hat der Mensch, also ich, einen Fehler gemacht. Ich habe es dem Tier vielleicht nicht gut genug erklärt, die Situation falsch eingeschätzt oder sogar das falsche Tier ausgesucht. Das Tier kann nichts dafür. In den meisten Fällen ist der Mensch Schuld, wenn etwas nicht klappt.

Ist Ihnen das schon passiert?

Natürlich! Kein Mensch ist unfehlbar. Wichtig ist, sich das zu merken und es beim nächsten Mal besser zu machen.

Bei einer anderen Anfrage ging es um zwei Schwäne, die auf einem See schwimmen und mit ihren Köpfen ein Herz formen sollten. So ein Blödsinn… 


Mit welchen Tieren lässt sich an Filmsets besonders leicht arbeiten?

So kann man das nicht formulieren. Ich habe da einen anderen Zugang und muss schauen, was die Herausforderungen sind. Ich kann jedes Set zu einem Horror machen. Es ist das leichteste, was es gibt, ein Filmset in ein Chaos zu stürzen. Ich muss schauen, was ein Tier leisten kann und welches Tier das richtige für die jeweilige Situation ist. Und können die Wünsche des Teams vereinbart werden mit den Fähigkeiten der Tiere? Wenn etwas Unmögliches von einem Tier erwartet wird, wird es schwierig. Es ist immer sehr wichtig, das natürliche Verhalten eines Tieres auszunutzen.

Gibt es denn im Gegenzug Tiere, die Ihnen Schweißperlen auf die Stirn treiben, weil sie generell etwas schwieriger sind?

Ja, Katzen im Außendreh. Im schlimmsten Fall noch auf einer Straße, da bekomme ich Angstschweiß (lacht). Da gibt es einfach so viele Dinge von außen, die passieren können. Und ich habe das schon erlebt: Die liebste Katze geht wunderbar mit dem Schauspieler auf der Straße - und plötzlich heulen Sirenen von Polizei, Feuerwehr und Rettungsdienst auf. Mehrere Autos sind da durch die Straße gerast. Dadurch hat sich die Katze natürlich furchtbar erschreckt und wir hatten Mühe, sie wieder einzufangen und vor allem zu beruhigen. Solche Dinge können passieren, selbst wenn alles abgesperrt ist. Man kann nichts ausschließen, aber es ist wichtig, mögliche Gefahren zu erkennen und einzudämmen. Sicherheit ist das oberste Gebot. Wenn etwas passiert, gibt’s einen Drehschluss. Und davon hat niemand etwas.

Wann raten Sie Produktionsfirmen von Drehs mit Tieren ab?

Das gibt es immer mal wieder und dann sage ich: Macht’s doch einfach mit der KI. Ich komme aus Österreich und hier arbeitet ein Möbelhaus in der Werbung mit einem Papagei. Vor vielen Jahren gab es deshalb die Anfrage an mich und es hat lange gedauert, bis sie verstanden haben, dass das so nicht geht. Es ist nicht nur gesetzlich verboten. Ein Papagei ist darüber hinaus ein Vogel mit großer Persönlichkeit. Den kann man am Set nicht von A nach B schieben und Dinge unendlich oft wiederholen lassen, der Vogel ist nach drei Tagen hinüber. Bei einer anderen Anfrage ging es um zwei Schwäne, die auf einem See schwimmen und mit ihren Köpfen ein Herz formen sollten. So ein Blödsinn…

Gab es schon Situationen, in denen Sie eine Szene aus Tierschutzgründen abgebrochen haben?

Das ist selten, aber es passiert immer mal wieder. Bei einem Theaterstück sollte ein Junge mit einer Katze auf dem Arm und einem Sandsack auf dem Rücken einen Berg voller Sandsäcke erklimmen. Das für sich genommen war schon ein Irrsinn. Als er oben angekommen war, wurde ihm der Sandsack durch einen anderen Schauspieler entrissen. Was ich nicht wusste: Der Schauspieler hat dann laut geschrien und den Sandsack auf den Boden geschmissen. Welche Katze soll da ruhig am Arm bleiben? Das mussten wir abbrechen.

Ich lehne KI in den meisten Fällen ab, weil dadurch Tiere anders dargestellt werden.


Hat sich die Arbeit mit Tieren an Filmsets in den vergangenen 20 Jahren verändert?

Ja, ganz massiv sogar. Das ist vor allem auf das Tierschutzgesetz zurückzuführen, das verschärft wurde, was ich total befürworte. In Österreich gibt es permanent neue Verordnungen und Gesetze. Seit einiger Zeit ist der Qualzuchtparagraph in Kraft, dadurch dürften unter anderem gewisse Rassen nicht mehr eingesetzt werden. Auch die nackte Frau, die mit der Schlange tanzt, oder der Hund, der durch einen brennenden Reifen springt, sind bei uns in Österreich nicht erlaubt. Das macht es schwierig, die Bedingungen mit denen in Deutschland zu vergleichen. Dort sind die gesetzlichen Rahmenbedingungen ganz anders und es ist mehr möglich.

Sie hatten eben schon Künstliche Intelligenz angesprochen. Spielt das in Ihrem Beruf eine Rolle? Erhalten Sie weniger Aufträge, weil Tiere in Filmen und Serien verstärkt durch KI dargestellt werden?

Ich lehne KI in den meisten Fällen ab, weil dadurch Tiere anders dargestellt werden. Die Tiere erhalten größere Augen und werden niedlicher, plötzlich kann man Löwen und Tiger streicheln. Es ist einer Lächerlichmachen der Tiere und Kinder lernen dadurch Sachen, die man im normalen Leben nicht machen kann. Außerdem kann eine KI die natürlichen Reaktionen eines Tieres niemals exakt darstellen, das ist aus meiner Sicht sogar gefährlich. Weil eben Kinder Tiere vor die Nase gesetzt bekommen und nicht mehr wissen, wie man sie einschätzt. Von Regisseuren höre ich oft, dass sie diese Selbstbestimmung des Tieres durchaus schätzen. Es soll einen gewissen Unsicherheitsfaktor geben. "Sheep" ist für mich ein Vorzeigeprojekt in Sachen Nicht-KI, wir haben das meiste mit echten Schafen gedreht - anders als andere Projekte in den USA. Ausnahme ist natürlich, wenn durch die KI Leib und Leben gerettet werden oder das Leben des Tieres besser wird.

Aber haben Sie schon weniger Aufträge durch KI erhalten?

Nein. Aktuell ist die KI zum Glück noch so teuer, dass es keine Relevanz hat. Vielleicht ist das in zehn Jahren anders.

Und nochmal zurück zu Ihren Schafen. Die leben jetzt bei Ihnen, aber wie geht ihre Filmkarriere weiter? Haben Sie schon weitere Aufträge?

Einige von ihnen haben sogar schon gedreht. Ab Herbst hat unser Wölkchen sogar die Hauptrolle in einem neuen Film. Man weiß aber nie, wie sich die Nachfrage nach den Tieren entwickelt. Manchmal entwickeln sich auch die Tiere in eine andere Richtung und wollen nicht mehr bei Dreharbeiten mitmachen. Das ist in Ordnung, diese Verantwortung trage ich und das Tier gehört trotzdem zur Familie. Oft bestimmt auch das Angebot die Nachfrage: Wenn ich Anfragen erhalte, die so nicht machbar sind, kann ich häufig eine Alternative anbieten. Die Regisseure sind dann oft sehr dankbar dafür, auch wenn in solchen Fällen manchmal die Drehbücher umgeschrieben werden müssen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Alle Folgen von "Sheep" stehen bereits online zum Abruf bereit. Die lineare Ausstrahlung erfolgt am Montag, den 24. August, ab 23:55 Uhr.