Foto: ARD © ARD
Exklusiv-Interview

"Frustrierend": Thomas Hermanns gibt den Grand Prix auf

 

Mit DWDL.de sprach Thomas Hermanns zum ersten Mal nach dem Desaster von Belgrad über den Abend des Eurovision Song Contests - und kündigt seinen Rückzug an: "Ich will ja kein Masochist werden."

von Thomas Lückerath
01.06.2008 - 00:02 Uhr

Seite 1 von 2

Herr Hermanns, wo erwische ich Sie gerade?

Ich bin gerade in London und habe Gloria Gaynor interviewt für mein erstes Buch „Für immer Disco“. Das wird eine Mischung meiner Jugendgeschichte mit der Geschichte der Disco-Musik. Und das macht wirklich Spaß.

Den hatten Sie vergangene Woche nach der Blamage von Belgrad nicht mehr, nehm ich an. Wie motiviert man sich dann für die Moderation der Aftershow-Party?

Das war ja nicht das erste Mal. Ich hatte da ein Déjà-vu. Das erste Jahr in dem ich das gemacht habe, sang Gracia für uns. Ich war also schon daran gewöhnt mit einer schlechten Nachricht wieder auf die Bühne zu müssen. Aber es ist natürlich unglaublich frustrierend insbesondere wenn man das Ganze als Fan moderiert wie ich. Mein Herz war frustriert und mein Kopf musste darüber nachdenken, wie ich das jetzt noch professionell über die Bühne kriege.

Und wie ging das?

Ich habe einfach das gesagt, was ich gedacht habe - und das traf den Abend ja auch auf den Punkt. Die Reaktion aus dem Publikum auf der Reeperbahn hat mir gezeigt, dass ich da ein Sprachrohr für die Menge war. Die Reeperbahn war gut gelaunt. Bei Texas Lightning waren wir in einem Studio und da waren dann am Ende auch noch alle Gäste so frustriert, dass ich mir vorkam wie in einer Therapiegruppe. Deswegen hat die Stimmung der Zuschauer auf der Reeperbahn geholfen.

Zu welchem Zeitpunkt an dem Abend war Ihnen eigentlich klar, dass das ein Desaster werden würde?

Etwa nach zehn oder zwölf Wertungen. Es gab zwar noch den einen Lichtblick mit Bulgarien, aber das war ja auch absurd. Da kriegen wir endlich mal Punkte und dann gleich Höchstzahl. Aber die gab es ja nicht für das Lied oder den Auftritt. Die bekamen wir, weil Lucy in Bulgarien ein Star ist. Aber das hat nichts mehr geändert: Da war mir klar, dass das Schiff gesunken ist.
 
 
Foto: ARD


Können wir uns über diese zwölf Punkte eigentlich freuen? Oder ist es nicht genau die Art von Punkteschieberei, die nichts mehr mit dem Song bzw. Auftritt selbst zu tun hat, über die wir uns so gerne aufregen?

Es ist Beides. Natürlich war es eine Erleichterung mal kurzzeitig da ganz vom Ende der Liste wegzukommen. Aber es ist doch klar, dass diese Punkte nicht für den Auftritt waren. Genauso wenig wie die Türkei 10 Punkte aus Deutschland bekam, weil der Song so gut war. Als Grand Prix-Fan muss man inzwischen ja an seinen Erdkunde-Kenntnissen arbeiten um zu wissen, wieso welches Land von welchem Land Punkte bekam.

Das klingt etwas frustriert.

Ja, mich frustriert der Eurovision Song Contest inzwischen leider oft, weil er derart komplex geworden ist. Es gibt das Level der Nachbarpunkte, es gibt das Level der Gastarbeiter-Punkte und den Level des ungebrochenen Ehrgeizes mancher Teilnehmer, dieser Hysterie, die in den letzten Jahren alle Siegertitel vermittelten. Und dann müssen wir uns fragen: Wollen wir auch so einen Beitrag? Oder müssen wir ihn nur wollen, weil alle anderen so etwas wollen? Gefällt das dem Osten so gut wie dem Westen Europas? Und welchen Zweck soll unser Beitrag eigentlich haben: Die größtmöglichen Gewinnchancen oder uns mit Stolz zu vertreten? Oder lässt sich das vielleicht verbinden, aber wie bloß? Das ist inzwischen eine Gleichung mit so vielen Unbekannten geworden, dass viele die Lust verloren haben, sie auszurechnen.

Also lag es Ihrer Meinung nach aber auf keinen Fall an den No Angels?

„Disappear“ war nie ein Favorit, aber die Mädels waren trotzdem beliebt und haben das auch gut gemacht. Trotz der falschen Töne die da mit drin waren, die aber vielleicht auch woanders her kamen, aber das wäre schon wieder eine andere Diskussion.

Aber Sie stehen also auch im Nachhinein zu den No Angels und ihrem Auftritt? Peter Urban meinte ja auch, unsere Mädels hätten es sehr ordentlich gemacht.

Das finde ich auch. Also wenn man sich dann den Auftritt von Spanien anschaut oder Frankreich mit den Bärten - das waren beides Auftritte bei denen ich ganz sicher war, dass die hinter uns liegen werden. Jetzt ist Spanien höher gekommen: Portugal und Andorra sei Dank. Es liegt eben leider längst nicht mehr an der Performance selbst. Übrigens: Wenn wir aus unseren Nachbarländern viele Punkte bekommen hätten, wäre der Auftritt der No Angels wahrscheinlich umjubelt worden.

Teilen

Kommentarbereich anzeigen

Sie haben einen Text aus dem Archiv des Medienmagazins DWDL.de aufgerufen, das bis ins Jahr 2001 zurückreicht und mehrere Zehntausend Artikel umfasst.



Suchtipps

  • Geben Sie mehrere Suchwörter an, um Ihre Suche einzuschränken. Es werden nur Artikel ausgegeben, in denen alle angegebenen Worte vorkommen.
  • Starten Sie ihre Suche mit einem Anführungszeichen ("), werden nur Artikel ausgegeben, in denen die Worte in genau dieser Reihenfolge vorkommen.
Mit den Newslettern der DWDL.de-Redaktion sind Sie werktäglich bestens informiert. Für die Rundum-Versorgung abonnieren Sie einfach alle Angebote oder wählen den für Sie passenden Newsletter...
Name:
E-Mail:
Frage: 5 + 9 =

Ich möchte die folgenden Newsletter erhalten:
Sie können sich jederzeit wieder abmelden. Beachten Sie unsere Datenschutzerklärung.