Seit 1.500 Folgen bei Sat.1: Britt Hagedorn © Sat.1
DWDL.de-Interview

Britt Hagedorn, Deutschlands letzte Daily-Talkerin

 

Seit neun Jahren steht Britt Hagedorn als Talkerin bei Sat.1 vor der Kamera. Heute läuft die 1.500. Folge ihrer Sendung über den Bildschirm. Im DWDL.de-Gespräch spricht Hagedorn über ihre Sendung, das Ende des Talkshowbooms, das Verschwinden der Privatsphäre und die RTL-Doku "Erwachsen auf Probe".

von Jochen Voß
23.06.2009 - 09:33 Uhr

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Seit 1.500 Folgen bei Sat.1: Britt HagedornFrau Hagedorn, zunächst einmal herzlichen Glückwunsch zu 1.500 Folgen ihrer täglichen Talkshow. Bei einer Silberhochzeit fragt man scherzhaft: "Wie lange müsst Ihr noch?". Ich frage mal: Wie lange können Sie noch?

Ich bin ein bisschen wie ein VW-Käfer: Der läuft und läuft und läuft. So lange mich alle lassen, mache ich weiter. Ich habe mich in den vergangen neun Jahren so an die Sendung gewöhnt, und es ist so eine angenehme Arbeitsatmosphäre, dass ich weiter machen könnte, bis sie mich mit dem Rollstuhl ins Studio fahren.

Ist die Sendung für Sie nach 1.500 Folgen Beziehungsstreit, Vaterschaftstests und Lügendetektor denn inhaltlich noch reizvoll?


Natürlich wiederholen sich die Themen bei 1.500 Folgen immer mal wieder. Es hängt aber jedes Mal vom einzelnen Gast ab, ob die Sendung spannend oder langweilig wird. Man weiß es immer erst während der Aufzeichnung.
 

 
Mit einer erfahrenen Redaktion im Hintergrund wissen Sie doch sicher, an welchen Stellschrauben man drehen muss, um ein Thema spannend zu machen.

Es muss natürlich eine Situation da sein, die es wert ist, dass man darüber spricht. Meine Aufgabe ist es dann, die Situation zu vertiefen und dadurch Spannung zu erzeugen. Es geht doch in unserem ganzen Leben um zwischenmenschliche Probleme. Selbst manche komplexen wirtschaftlichen Entwicklungen lassen sich darauf runterbrechen: Wenn man sich zum Beispiel anschaut, wie manche Leute versuchen, wie bekloppt Geld zu verdienen, um privat einen bestimmten Status zu erreichen. Das ist es doch, was es so spannend macht.

In wenigen Wochen sind Sie die einzige Daily-Talkerin im deutschen Fernsehen. Machen Sie als Letzte das Licht aus, oder halten  Sie die Stellung?

Beides ist sehr lässig. Als ich vor neun Jahren angefangen habe war schon die Rede vom Ende der Talkshows. Dass es dann noch so lange weitergeht, hätte keiner gedacht. Ich fänd es toll, wenn ich die Brücke zwischen zwei Talk-Show-Booms wäre.

Wie lautet Ihre Prognose?

Ein Bedürfnis nach zwischenmenschlichen Geschichten gibt es immer. Der Kern – bei dem es auch in Casting-Shows und anderen Sendungen geht – ist immer der gleiche, nur der mediale Transfer hat sich im Laufe der Jahrhunderte verändert. Wir dürfen auch nicht vergessen, dass es durch das Internet mittlerweile einen heftigen Austausch gibt, bei dem sich in Chats und Foren gerade bei Jugendlichen eine zum Teil imaginäre Kommunikationswelt aufbaut. In meiner Sendung habe ich die Erfahrung gemacht, dass hierin eine große Gefahr liegt: Der Austausch untereinander ist sehr oft missverständlich. Einen Großteil unserer Fälle beziehen wir mittlerweile aus Internet-Auseinandersetzung: Streitigkeiten, Liebschaften und Konflikte. Und das findet alles öffentlich statt. Das zeigt doch, wie groß das Bedürfnis ist, sich mit und vor anderen auszutauschen.

Wie machen Sie das? Kommen die Menschen zu Ihnen, oder suchen Sie in den Foren nach den Konflikten?

Nein, das ist nicht der Weg. Die Zuschauer melden sich auf unsere Aufrufe. Mittlerweile bedienen wir uns aber auch der neuen Techniken und rufen dazu auf, sich per SMS oder per Skype bei uns zu melden. Wobei mich immer wieder erstaunt, wie souverän junge Menschen mit der komplexen Internetsprache umgehen – ich sage nur „lol“.

Wenn man sich die Entwicklung so anschaut, drängt sich der Eindruck auf, dass die Privatsphäre vielen Menschen in der jüngeren Generation nicht mehr so wichtig erscheint. Sehen Sie das auch so?

Hundertprozentig. In meiner Generation haben wir noch gelernt, über bestimmte Sachen nicht zu sprechen. Ich als Hanseatin habe mich kürzlich sogar erschrocken, als Maybrit Illner in ihrer Sendung den Arcandor-Chef nach seinem Einkommen gefragt hat. Da bin ich zusammengezuckt – auch wenn es in diesem Zusammenhang eigentlich in Ordnung war. Ich habe noch gelernt, dass man über Geld nicht spricht.

Aber fragen Sie Ihre Gäste das nicht auch?

Wenn es um Hartz IV geht, frage ich natürlich auch nach Geld. Aber ich bin noch damit groß geworden, dass man es eigentlich nicht tut.

Was hat Sie denn erschreckt? Weil es der Arcandor-Chef war? In Ihrer Sendung geht es doch auch um sehr Intimes.

Eben. Da habe ich erlebt, wie sehr ich noch Kind meiner Eltern bin und in der alten Erziehung stecke. Es ist natürlich mein Job bestimmte Dinge zu fragen, die meine Eltern nie gefragt hätten.
 
Lesen Sie auf der fogenden Seite, welches Produktversprechen die Sendung gibt, und warum "Britt" Qualitätsfernsehen ist.

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