Thematisch kann innerhalb des „Tatorts“ ja viel riskiert werden. Wird der klassische Krimi inzwischen zweitrangig?

Wichtig ist es für uns, möglichst alle Themen im Blick zu haben. Über diese tauschen wir uns innerhalb der Koordination aus. Dabei geht es vor allem darum, Themendopplungen zu vermeiden – es gab zum Beispiel eine Studie der Charité in Berlin über Pädophilie. Auf einmal entstanden mehrere Filme, die sich mit Pädophilie auseinandergesetzt haben, vom Krimi über „Bloch“ bis zum Einzelstück. Das muss man im Blick haben und 'entzerren'.

Welche Rolle spielt beim „Tatort“ inzwischen eigentlich das Internet?

Die Kollegen vom SWR haben kürzlich ein Online-Spiel erfolgreich eingeführt. Ansonsten ist Twitter in den letzten Jahren neu dazugekommen und spielt bei vielen Fans inzwischen eine wichtige Rolle. Wird nicht getwittert, ist das ein schlechtes Zeichen. Die „Tatort“-Zuschauer sind großartige Fachleute – unglaublich, was die alles sehen und worüber im Netz diskutiert wird.

 

Welchen Anteil macht der Tatort bei Ihrer Arbeit aus?

Es gibt jeden Tag reichlich Arbeit auf den Baustellen ARD- und WDR-Tatort. Aber neben unseren WDR-„Tatorten“ gibt es viele andere WDR Fernseh- und Kinofilme, um die ich mich kümmere. Zudem bin ich Mitglied in den ARD-Gemeinschaftsredaktionen Vorabend- und Hauptabendserie, wo mich gerade die Fortsetzungen der Serien "Mord mit Aussicht" und "Der Dicke' beschäftigen.

Zu Beginn unseres Gesprächs haben Sie gesagt, dass Sie quasi zum „Tatort“ kamen wie die Jungfrau zum Kind.Hat sich der Zauber des „Tatorts“ für Sie erst im Laufe der Jahre entwickelt oder waren Sie schon von Beginn an Feuer und Flamme?

Ich habe wenig Distanz dazu. Ich war immer stolz, dass mein Vorgänger und Chef die Idee hatte und ich dieses wertvolle "Erbe" antreten durfte. Man muss ja erst mal drauf kommen zu sagen: „Wir haben so ein komplexes und vielstimmiges System, lasst uns daraus etwas machen.“ Was mich selbst nochmals befeuert hat, liegt allerdings erst ein paar Jahre zurück. Damals gingen die Quoten eher nach unten, und die frauenaffinen Filme im ZDF kamen dem „Tatort“ recht nahe. Eine der Thesen dafür war, dass wir womöglich zu viele Wiederholungen in den Dritten zeigen. Wir haben sehr intensiv darüber sowie über die Machart und Plots unserer Tatorte diskutiert. Doch plötzlich startete der „Tatort“ - auch dank des Münsteraner Teams - bei den Jüngeren richtig durch. Und das obwohl wir anfangs gerade für die humorige Schiene viel Kritik einstecken mussten. Es war für mich sehr faszinierend zu realisieren, dass sich junge Leute eigens dafür sonntags um 20:15 Uhr vor den Fernseher setzen. Der „Tatort“ ist deshalb mit Recht eine Kultserie.

Sie dürften dagegen doch bereits alle Filme kennen, die sonntags ausgestrahlt werden, oder?

  Das ist zeitlich nicht realisierbar. Wie schon anfangs gesagt, ist jede Landesrundfunkanstalt für ihre Folgen redaktionell verantwortlich. Anders ist das bei „Tatorten“, über die es vorab etwas zu diskutieren gibt. Die schaue ich natürlich an. Viele Filme sehe ich aber erst dann, wenn Sie ausgestrahlt werden. Das genieße ich dann besonders.

Herr Henke, herzlichen Dank für das Gespräch.