Jochen Starke © RTL II
RTL II-Geschäftsführer im Interview

Starke: "Wer Angst vor Flops hat, hat Angst vor Neuem"

 

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Am Mittwoch haben Sie es ja zuletzt auch mal mit Shows probiert. Mit durchwachsenem Erfolg. Aber Sie geben die Hoffnung noch nicht auf?

Shows sind grundsätzlich erst mal teuer. Zumindest dann, wenn man es ernst meint. Wir haben hier einiges Geld investiert. Funktioniert hat zum Beispiel „Guinness World Records – Wir holen den Rekord nach Deutschland“. Da gehen wir in eine weitere Staffel. Wenn die richtige Idee kommt, dann haben wir bewiesen: Wir wollen und können Show. Aber sonst konzentrieren wir uns lieber auf andere Genres.

Wie arbeitet es sich denn seit 1. Januar ohne Programmdirektor?

Es arbeitet sich gut (lacht). Aber im Ernst: Das Programm eines Senders wird ja nicht nur von einer Person gemacht, und wir haben ein sehr gutes Team. Nicht nur bei uns, auch bei unseren Partnern, den Produktionsfirmen. Holger Andersen hat viel bewegt und wir haben viel gemeinsam an den Start gebracht. Ihre nächste Frage wird vermutlich die nach einem Nachfolger sein. Vorerst haben wir alle Kompetenzen aufgeteilt. Wir haben genug fähige Leute. Und jetzt suchen wir in Ruhe jemanden, der auch zu RTL II passt.

20 Jahre RTL II - dazu gehörte auch lange Zeit „Big Brother“....

„Big Brother“ war im Jahre 2000 ein sensationeller Erfolg – auch weil es damals bahnbrechend neu und ein Tabubruch war. Wir haben damit tolle Erfolge gefeiert. Es war lange Jahre eine wesentliche Säule in unserem Programm. Aber es war immer ein Event. Kontinuität im Programm hatten wir mit „Big Brother“ in einem so wichtigen Programmumfeld wie dem Vorabend nie. Die haben wir jetzt. Deshalb ist „Big Brother“ für uns derzeit kein Thema.

Um Sie herum fragmentieren sich gerade alle selbst. Ob die RTL-Gruppe oder ProSiebenSat.1. Hat RTL II auch solche Gedanken oder bleibt die RTL II Fernsehen GmbH bei einem Kanal?

Wir machen RTL II und dabei wird es vorerst bleiben.

Welchen Anteil am Erfolg von RTL II hat eigentlich die Entscheidung, sich mit El Cartel Media selbst zu vermarkten?

RTL II hatte wie jeder Sender Anlaufverluste, aber wir arbeiten seit den Jahren 97/98 profitabel und sind seitdem auch in den schwarzen Zahlen geblieben. Der Weg in die Eigenvermarktung war ein mutiger Weg und hat dem wirtschaftlichen Erfolg von RTL II nicht geschadet. Im Gegenteil: Wir sind in der Vermarktung ebenso autonom und flexibel wie beim Programm. Und wir sorgen für Wettbewerb in einem Markt, der ansonsten von zwei großen Playern dominiert wird.  Wir haben in der TV-Vermarktung halt einen sehr starren Markt in dem 80 bis 85 Prozent der Umsätze bei den beiden großen Vermarktern liegen. Das macht es nicht einfacher.

Wenn Disney Das Vierte kauft, dann tangiert sie das nicht direkt. Aber Disney ist mittelbar ja auch Ihr Gesellschafter. Verfolgen Sie die Aktivitäten?

Ach wissen Sie, ich habe in 15 Jahren schon so oft gehört, dass irgendetwas geplant sei - und RTL II hat immer noch den gleichen Gesellschafterkreis. Ich glaube diese Dinge erst, wenn die Verträge unterschrieben sind. An Spekulationen beteilige ich mich nicht. Das ist müßig.

20 Jahre RTL II, das bedeutet auch so manchen Flop. Welcher hat am meisten geschmerzt?

Flops braucht man. Flops sind wichtig, um zu sehen, was geht und was nicht geht. Wer Angst vor Flops hat, hat Angst vor Neuem. Wenn man Flops genau analysiert und die richtigen Schlüsse daraus zieht, gibt es keine wirklichen Misserfolge, weil man aus allem lernen kann.

Und zum Schluss die umgekehrte Frage: Welche Sendungen oder Momente waren für Sie Meilensteine in der Entwicklung des Senders?

Da kann ich Ihnen viele nennen. Legendär ist natürlich „Peep!“ Oder das Anime-Programm, das   RTL II ins deutsche Fernsehen geholt hat, wie auch seinerzeit Bollywood. „King of Queens“ am Vorabend, natürlich „Big Brother“. Und „Popstars“, die erste Castingshow Deutschlands mit den erfolgreichsten Gewinnern, den No Angels und Brosis, die von uns kamen. Wir haben Jamie Oliver nach Deutschland gebracht. Dann die bahnbrechende US-Serie „24“. Außerdem „Dexter“ oder „Californication“, beide leider nicht so erfolgreich. Dafür umso mehr „Game of Thrones“ oder „The Walking Dead“ mit ihrer innovativen Event-Programmierung. Wir haben viel Innovatives gemacht, aber ich möchte auch eine Marke wie „Frauentausch“ nicht vergessen: 350 Folgen in fast zehn Jahren. Und wir zeigen unsere RTL II News mit Erfolg beim jungen Publikum seit Jahren konsequent zur besten Sendezeit.

Das klingt aber alles so sehr zufrieden als könnten Sie morgen Ihren Gesellschafter anbieten, mal ein Jahr Urlaub einzulegen. Kaum vorstellbar...

Wir müssen unsere erfolgreichen Marken jetzt pflegen und gleichzeitig nicht vergessen, weiter Neues auszuprobieren. Aber rein quantitativ ist da der Druck nicht mehr so groß, wir haben ausreichend Programmvorrat. Aber mit den gestiegenen Marktanteilen steigen auch die Erwartungen. Besonders in der Daytime wollen wir noch ein, zwei neue Formate etablieren. Punktuell auch in der Primetime. Es gibt genügend Herausforderungen, und mit dem gesicherten Vorabend haben wir eine gute Basis, mit der wir optimistisch in die Zukunft sehen. Das ist eine komfortablere Ausgangsposition als vor einigen Jahren.

Herr Starke, herzlichen Dank für das Gespräch.

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