Peter Kloeppel © RTL / Stefan Gregorowius
DWDL.de-Interview mit Peter Kloeppel

"Für die Showtreppe bin ich einfach nicht gemacht"

 

Heute vor 30 Jahren ging RTL plus auf Sendung. Chefredakteur Peter Kloeppel war fast von Anfang an dabei - und spricht im großen DWDL.de-Interview über seine beruflichen Anfänge, die des Senders und dessen Entwicklung.

von Thomas Lückerath
02.01.2014 - 10:48 Uhr

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Herr Kloeppel, lassen Sie uns über 30 Jahre Privatfernsehen sprechen. Aus ihrer persönlichen Perspektive: Wenn man 1983 auf die ehrwürdige Henri-Nannen-Schule geht; was ist da schiefgelaufen, dass sie plötzlich beim privaten Fernsehen landeten?

(lacht) Gar nichts! Als ich 1983 meine Ausbildung an der Henri-Nannen-Schule begann geschah das mit dem Ziel, dass ich Agrarjournalist werden wollte. Ich hatte ja Landwirtschaft studiert und fragte mich damals: Was mache ich jetzt mit diesem Studium?

Ohne der Agrarwissenschaft zu nahe treten zu wollen: In der Tat eine gute Frage...

Ich hatte Spaß am Schreiben und Kommunizieren, und das wollte ich mit meinen landwirtschaftlichen Kenntnissen kombinieren - Berufsziel also: Agrarjournalist bei einer Fachzeitschrift für Landwirtschaft.

Aber es kam ja dann irgendwie anders...

Ja, im Herbst 1984 erzählten zwei Freunde, die mit mir auf der Nannen-Schule waren, von ihrem Praktikum in Luxemburg bei diesem gerade gestarteten privaten Fernsehsender RTL plus. In weiten Teilen Deutschlands konnte man den damals ja noch gar nicht sehen. Sie berichteten, dass es dort für Journalistenschüler total Klasse sei: kleine Truppe, die alles selber macht, sogar schneiden und vertonen. Wenn man Fernsehen lernen will, sollte ich da hingehen.

Und Sie sind dem Ruf gefolgt?

Ich dachte mir: Fernsehen ist interessant, aber im TV dauerhaft zu arbeiten konnte ich mir gar nicht vorstellen.  Nun war mir allerdings auch klar, wenn ich etwas übers Fernsehmachen erfahren will, dann wahrscheinlich besser in einem Umfeld, in dem man tatsächlich selber anpacken kann. Ich war immer ein Typ, der gerne “hands-on” arbeitet. Und so habe ich mich für ein dreimonatiges Praktikum bei RTL plus entschieden. Und die Arbeit in Luxemburg war genauso spannend und lehrreich wie erhofft: man konnte schneiden, texten, eigene Geschichten drehen, vertonen, bei den Technikern und Kameraleuten reinschnuppern - alles sehr unkompliziert. Irgendwann durfte ich sogar als Praktikant die Kurznachrichten moderieren. Da habe ich gemerkt: Fernsehen ist doch spannender als gedacht.

Wie kam das bei Kommilitonen und Familie an, wenn man nicht bei der ehrwürdigen Zeitung sondern dem Medium Fernsehen - und dann auch noch einem privaten Sender, der ja fast noch Piratensender war - anfing?

Das wurde natürlich erst einmal skeptisch beäugt. Zum einen, weil es Fernsehen und nicht Print war, und zum anderen, weil ich auch ein Angebot von „Geo“ hatte, um dort für den Wissenschaftsteil zu schreiben. Und zum Dritten haben alle gesagt: Warum hast du denn Landwirtschaft studiert, wenn du jetzt zum Fernsehen gehst? Aber die Anerkennung kam, weil mir der damalige Chefredakteur Egon F. Freiheit anbot, in der Bundeshauptstadt Bonn zu arbeiten. Hauptstadtjournalist zu sein, war für einen Einsteiger wie mich schon cool. Selbst für einen so kleinen Fernsehsender dort vor Ort tätig zu sein erschien attraktiv. Das Angebot, Politik-Korrespondent zu werden, war auch im Endeffekt der Auslöser für mich zu sagen: Ich bleibe bei RTL.

Damals war Fernsehen das Aufregende, das Neue. Glauben Sie, dass das Medium heute noch den gleichen Reiz auf den Nachwuchs ausübt? Oder locken da die Möglichkeiten des Netzes mehr?

Was mich damals gereizt hat, war die Möglichkeit, journalistisch mit Bildern zu arbeiten. Mit der Kamera Dinge einzufangen, die ich mit Worten nicht beschreiben kann. An diesem “Reiz des Bildlichen” hat sich überhaupt nichts verändert: Fernsehen war damals toll und ist es auch heute noch. Es wird jetzt und in Zukunft von extrem vielen Menschen geschaut, und es gibt genügend junge Leute, die mit Begeisterung zu uns kommen und sagen, sie wollen Fernsehen machen. Auch wer nach der TV-Ausbildung eher online mit Bewegtbildern arbeitet, tut das ja mit der gleichen Basis: recherchieren, schreiben, filmen, schneiden, Bilder und Text zusammenbringen, vielleicht moderieren. Das alles findet ja auch im Internet statt. Mancher mag ein anderes Medium bevorzugen, aber das Handwerk ist gleich.

Bringen junge Medienschaffende heute andere Voraussetzungen oder Erwartungen mit als Sie damals? Es ist ja durchaus Mode geworden „was mit Medien“ machen zu wollen...

Man sieht ja schon an der Formulierung "Was mit Medien", dass Medien und damit auch Fernsehen immer noch eine große Anziehungskraft besitzen. Damals kam bei dem einen oder anderen vielleicht noch ein grösseres persönliches “Sendungsbewusstsein” dazu. Das ist heute weniger geworden. Was wir aber feststellen: Der Nachwuchs ist technisch besser vorbereitet, kann z.B. mit Kamera und Schnitt-Software umgehen. Etwas nachgelassen hat nach meiner Beobachtung allerdings die Allgemeinbildung - da merkt man unter anderem die mangelnde Zeitungslektüre.

Sie sagten eben schon: Während ihres Praktikums bei RTL plus wurden Sie als Notlösung spontan zum Moderator. Denkt man sich da, hier wird mal etwas ganz Großes draus, oder eher: In was für einem Laden bin ich hier eigentlich gelandet?

(lacht) Nein ich fand es einfach nur irre aufregend und spannend in dem Moment. Ich konnte vor allem kaum glauben, was man mir zutraute: bis dahin hatte ich als Praktikant nur kleinere Beiträge machen dürfen und aus Agenturmaterial etwas zusammengeschnitten. Und auf einmal war ich selber drin in dieser Fernseh-Kiste! Ich hatte natürlich vorher beobachtet, mit welcher Lockerheit die Kollegen Hans Meiser, Geert Müller-Gerbes oder auch Björn Schimpf moderiert haben. Alle drei waren damals ja schon durch ihre Radio-Luxemburg-Vergangenheit Ikonen im Programm. Ich sagte mir also:  Mach' es einfach wie die - gib dein Bestes und hab’ Spaß dabei. Wenn ich mir heute das Band von damals anschaue, sieht es auch genauso aus: Da sitzt einer, der fröhlich, aber auch total verdattert in dem kalten Wasser, in das man ihn geworfen hat, strampelt und paddelt. Aber die Nachrichten habe ich fast fehlerfrei rübergebracht.

Die beruflichen Vorbilder, die Sie genannt haben, sind irgendwann mal in die Unterhaltung gegangen. Wann ist bei Ihnen die Zeit für die Showtreppe gekommen? Oder bleiben Sie tapfer der Information treu?

Man muss gar nicht tapfer sein, um die Information hoch zu halten, sondern einfach nur Leidenschaft fuer das Metier mitbringen, und das tue ich. Ich habe immer gemerkt, dass ich für Information einfach bessere Voraussetzungen mitbringe als für Unterhaltung. Eine kleine Geschichte dazu: irgendwann Mitte der 90er Jahren klingelte bei mir das Telefon und Rudi Carrell, den ich bis dahin persönlich nie getroffen oder gesprochen hatte, war dran: "Peter, wir sollten eine Show zusammen machen". Ich sagte nur "Wie bitte?". Er meinte, dass es in Holland ein tolles Nachrichtenquiz gibt. Er würde das produzieren, wenn ich moderieren würde. Da habe ich ihm erst einmal abgesagt.

"Spontanität, Witz, eine gewisse Portion Extrovertiertheit fehlen mir einfach"

Peter Kloeppel

Aber Carrell blieb hartnäckig?

Ein Jahr später hat er wieder angerufen und wir haben erneut darüber geredet. Und dann haben wir es tatsächlich versucht. Ich habe bei der Produktion sehr viel von Rudi Carrell gelernt, aber auch bald gemerkt, dass ich das, was von einem Showmoderator erwartet wird, nicht wirklich mitbringe: Spontanität, Witz, eine gewisse Portion Extrovertiertheit fehlen mir einfach. Allein schon am Anfang der Show die paar Stufen runterzugehen - da hatte ich nur einen Gedanken im Kopf: „Was tust Du hier?“ Für die Showtreppe bin ich einfach nicht gemacht, in einer Nachrichten-Redaktion habe ich mich immer wohler gefühlt.

RTL plus hatte damals den Claim „erfrischend anders“. Inwiefern wollte das Privatfernsehen denn damals anders sein als ARD und ZDF?

Man wollte in dieses ja doch manchmal verkrustete und angestaubt wirkende öffentlich-rechtliche Fernsehen frischen Wind reinbringen. Man wollte nicht ständig darüber nachdenken, wem man in der Politik vielleicht auf die Füße tritt, und man wollte in der Unterhaltung neue Wege gehen. Vieles bei RTL war aus der Not heraus geboren, weil kein Geld da war - also musste man improvisieren. Und dieses Motto „erfrischend anders“ hat sich auch in den Nachrichten wiedergefunden. Allein dass am Ende der News eine Handpuppe namens Karlchen auftauchte, die mit dem Moderator die Ereignisse des Tages rekapituliert hat, das war ja schon mal ‘ne besondere Nummer. Geert Müller-Gerbes setzte an Karneval eine Pappnase auf, Ulli Potofski moderierte mit Schalke-Schal - das waren Dinge, die sich sonst keiner getraut hat.

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