Welche konkreten Konsequenzen hatte der Wegfall mehrerer Formate für ITV Studios Germany im Hinblick auf Umsatz und Arbeitsplätze?

Auf Arbeitsplätze hatte das keine Auswirkungen, weil die Mitarbeiter, die es betroffen hätte, ja die waren, die die Formate mitgenommen haben. Und der Rest ist an Bord geblieben. Wir hatten jederzeit genug zu tun und werden in diesem Jahr noch mehr zu tun haben. Auf der Umsatzseite wiederum ist natürlich ein großes Loch gerissen worden, da braucht man nicht drum herum reden. Brot und Butter bleiben die lang eingeführten Formate, an denen es bei uns im Hause nicht mangelt. Da sind wir langjährigen Partnern wie VOX sehr dankbar.

Das Jahr 2014 war für ITV Studios Germany also ein Jahr des Umbruchs. Unter welchem Stern soll 2015 stehen?

Das Jahr 2015 steht zunächst einmal unter einem deutlich positiveren Stern, weil neue Sendungen und Aufträge kommen. Ich habe im Juli vergangenen Jahres hier angefangen und gedacht, dass das Einarbeiten in Themen und Termine schneller gehen würde, aber es dauerte dann doch etwas länger. Jetzt ist die Übergangsphase abgeschlossen. Mich hat in den ersten Monaten aber schon die enorm positive Resonanz gefreut als bekannt wurde, dass ich wieder zurückkehre nachdem ich dem Fernsehen einige Jahre lang den Rücken zugedreht hatte. Das hat mir bei all den besonderen Umständen des vergangenen Jahres das gute Gefühl gegeben, dass meine Entscheidung richtig war. So eine Zäsur wie im vergangenen Jahr bringt auch Chancen mit sich.

Man könnte auch sagen: Notwendigkeiten. Das Segment Fiktion müssen Sie komplett neu aufbauen.

Die Abteilung war quasi nicht mehr existent, weil sowohl Köpfe das Haus verlassen haben als auch Produktionen nicht verlängert oder mitgenommen wurden. Für mich war das die Chance neue Köpfe wie Imre von der Heydt und Frederik Hunschede an Bord zu holen. In diesem Bereich sind wir sehr aktiv, weil wir Fiktion lieben. Ich habe bei Sony damals hauptsächlich Fiktion gemacht. Und da machen wir aus der Not eine Tugend und entwickeln eine neue Handschrift bei ITV Studios Germany. Aber nicht nur da. Marcus Ernst, auch ein langjähriger Weggefährte von mir, hilft uns im Bereich Show/Comedy. Im Bereich Sketch- und Personality-Comedy gibt es bei ITV Studios noch Nachholbedarf. Da kann man was machen.

Greift man da verstärkt auf das britische Mutterhaus zurück oder geht es um mehr eigene Ideen?

Achtung, total überraschende Antwort: Man macht Beides. Wir haben hier eine Vielzahl an kreativen Leuten sitzen. Vor meinem Antritt hatten wir eine sehr starke Trennung zwischen Development und Executive Producern. Die erste Sache, die ich sofort angeleiert habe, war das Aufbrechen dieser Zuständigkeiten. Tim Maxara beispielsweise produziert für ZDFneo gerade die zweite Staffel von „Kessler ist…“. Der weiß durch die Zusammenarbeit mit dem Sender, was die Kollegen dort umtreibt und was sie suchen. Zusätzlich haben wir weiterhin das eigenständige Development um Stefan Schurer-Saligmann und Marcus Ernst, die auch die Sachen aus UK im Blick haben - was bei dem großen ITV-Portfolio viel Arbeit ist. Und nach der letzten MIPCOM haben wir viel optioniert, also auch unabhängig von ITV, weil es viele kleine Schätze zu entdecken gibt wie eben „Kessler ist…“, was aus Israel kommt.

"Jede gute Sitcom braucht Relevanz. Sonst werden Sitcoms so wurscht"

Bleiben wir mal bei der Fiktion. Ihr Herz schlägt bekanntermaßen für die Sitcom.

Gibt es heute noch Sendeplätze, die überhaupt die Möglichkeit bieten für die Entwicklung deutscher Sitcoms? Nun hat RTL ja gerade eine Sitcom-Ausschreibung gemacht. Das zeigt mir, dass ein Sender dieses Genre wieder sieht und beleben will. Das ist ja erstmal eine sehr positive Aussage. Deswegen sind wir natürlich auch dabei, in diesem Genre wieder aktiv zu sein, nicht nur für RTL.

Für wen noch?

Wir sind zum Beispiel in sehr konkreten Gesprächen über eine Halbstunden-Serie mit Sat.1. Wir haben auch Ideen für das ZDF und den WDR. Wir sehen da bei mehreren Sendern große Offenheit für deutsche Sitcom-Geschichten, die in der heutigen Lebensrealität in Deutschland verankert sind und bei denen wir nicht in die USA schielen und uns beeinflussen lassen sollten von dem, was dort erzählt wird. Und meine persönliche Überzeugung ist: Jede gute Sitcom braucht Relevanz, wie „Nikola“ oder „Ritas Welt“ es hatten. Sonst werden Sitcoms so wurscht. Dann sind das belanglose Programme.

Sind denn modernere US-Sitcoms der letzten Jahre wie „Modern Family“ kein Impuls, den man aufgreifen könnte?

„Modern Family“ ist großartig, da bin ich Fan der ersten Stunde weil sie nicht nur unfassbar lustig ist, sondern am Ende jeder Folge auch noch eine Emotionalität erzeugt. Gute Sitcoms schaffen es, dass ich mich Woche für Woche als Zuschauerin freue, Teil der Familie zu sein. Das schafft „Modern Family“, weil es durch nachvollziehbare Charaktere so viele Identifikationsmöglichkeiten bietet. Das ist großartig - aber nicht neu. Da müssen wir uns nicht staunend kleiner machen als wir sind. Wenn dann sind es die Arbeitsbedingungen der Kreativen, auf die wir neidisch sein können.

Sie sprechen von Writers Rooms und damit verbunden einer lebendigen Autoren-Landschaft?

Da waren wir in Deutschland ja auch schon einmal weiter. In welchem Umfeld wurden zum Beispiel die Sitcoms der Sony beim letzten großen Sitcom-Boom gemacht? Da hatte eine amerikanische Firma verstanden, dass sie in ein Genre investieren müssen, was es in Deutschland in der Breite damals noch nicht gab.

Das war zu Ihrer Zeit als Geschäftsführerin bei Sony Pictures Film- und Fernsehproduktion.

Genau, wir haben damals selbst viel Geld in Bücher investiert, das wir nicht vom Sender zurückbekommen haben. Dafür haben wir Rechte an den Produktionen behalten und so hat sich das für Sony refinanziert. Da habe ich damals als Deutschland-Chefin nicht dran geglaubt und habe unserem US-Chef erklärt, dass wir keinen Syndication-Markt für die Zweitverwertung haben und es schwer werde, die Rechte zu verwerten. Aus heutiger Sicht war das aber extrem fortschrittlich. Wobei: Gerade im Bereich der Mehrteiler und Drama-Serien findet aktuell ein Umdenken bei den Sendern statt, was Koproduktionen und Finanzierungsmodelle angeht.

"Da bin ich etwas nachdenklicher als all diejenigen, die die Serie gerade zum Hype machen"

Neben der Sitcom boomt derzeit die anspruchsvolle Serie, die Drama-Serie. Teilen Sie die Aufbruchstimmung?

Ich hatte mir „Schuld“ bewusst nicht in der Mediathek angeschaut, weil ich mich auf einen Fernsehabend freuen wollte und finde es großartig; ich war auch schon großer Fan von „Verbrechen“. Auch „Deutschland 83“ klingt sehr spannend, viele Miniserien klingen interessant. Wir entwickeln da ja auch ein super Thema für den Pay-TV-Sender Fox. Das sind erstmal nur sechs Folgen, aber das ist eine ganz neue Konstellation für uns und ein Durchbruch für einen Pay-TV-Sender, der bislang nur eingekaufte Programme gezeigt hat, falls das alles zustande kommt und schön wird. Aber…

Aber?

Ja, worüber reden wir hier: Die Diskussionen drehen sich ja derzeit um die Frage, ob der deutsche Serienmarkt konkurrenzfähiger werden kann im europäischen aber auch internationalen Raum. Dann müssen wir aber mehr können als Mehrteiler, dann denke ich auch an langlaufende Serien, die über mehrere Staffeln produziert werden können und nicht nach sechs oder acht Folgen eine abgeschlossene Handlung beenden. Die gucke ich privat auch gerne, aber der Präsenz des Genres der deutschen Serie im deutschen Fernsehen würden langlaufende Produktionen helfen, die den Sendern eine bessere Planbarkeit bieten. Das treibt mich um, weil wir die Realität nicht ausblenden dürfen: Wir kriegen ca. 400.000 Euro für eine Folge einer Vorabend-Serie, vielleicht ca. 600.000 Euro für die Primetime - und werden gemessen mit Sendungen, die für eine Folge mehr ausgeben als wir für eine ganze Staffel. Da bin ich etwas nachdenklicher als all diejenigen, die die Serie gerade zum Hype machen als hätte man das Genre neu erfunden.

Frau Ruff, herzlichen Dank für das Gespräch.