Mr. Robot, Sam Esmail © USA Network/Cologne Conference
Interview mit "Mr. Robot"-Macher Sam Esmail

"Wir werden zu einer sehr einsamen Gesellschaft"

 

Der Hacker-Thriller "Mr. Robot", eine der meistdiskutierten US-Serien des Sommers, startet heute bei Nitro. Creator und Showrunner Sam Esmail spricht im DWDL.de-Interview über Edward Snowden und die Zwiespältigkeit der technischen Entwicklung.

von Torsten Zarges
31.10.2017 - 10:30 Uhr

Herr Esmail, Sie haben das Greenlight für "Mr. Robot" genau an dem Tag im November 2014 bekommen, als das Computernetzwerk von Sony Pictures gehackt wurde. Purer Zufall oder haben Sie etwas zu beichten?

Nein, leider gibt's da keine Enthüllung zu machen. Das war purer Zufall. Genau genommen, wussten wir's schon am Abend vorher – also, ich meine unser Greenlight von USA Network, nicht den Sony-Hack! (lacht) Es war nicht das erste und nicht das letzte Mal, dass wir so unheimliche Parallelen mit der Realität hatten.

Was sicher daran liegt, dass uns Cybercrime und Big Data schon eine Weile stark beschäftigen, es vor "Mr. Robot" aber noch keine Serie gab, die sich dieses Themas so tief und authentisch angenommen hat.

Einer der Gründe, warum ich diese Serie unbedingt machen wollte, war meine Frustration über die Art und Weise, wie Hollywood normalerweise die Hacker- und Tech-Kultur darstellt. Sie scheuen davor zurück, authentisch zu zeigen, wie Hacking aussieht. Es gibt irgendwie das Gefühl, man müsse künstliches Drama hinzufügen. So entstehen all diese schlechten CGI-Grafiken mit Zahlen, die wild über den Bildschirm fliegen. Das hat sich für mich immer unecht angefühlt. Bei "Mr. Robot" wollte ich einfach nur zeigen, was tatsächlich passiert. Natürlich kann der normale Zuschauer nicht verstehen, was Elliot, unsere Hauptfigur, da programmiert. Aber ich bin überzeugt, weil es sich glaubwürdig anfühlt, kommt es beim Publikum auch besser an.

 

Abgesehen davon, dass Sie selbst eine Hacker-Vergangenheit haben: Wie haben Sie diese Authentizität sichergestellt?

Uns unterstützen technische Berater aus völlig unterschiedlichen Bereichen: Einer kommt von der Cybercrime-Abteilung des FBI, andere eher aus dem Underground. Wir reden mit ihnen über unsere Storylines, sie lesen die Drehbücher und sagen uns, was möglich ist und was nicht. Am Set habe ich die sonst üblichen Greenscreen-Flächen auf den Computer-Monitoren komplett verbannt. Wenn man die Greenscreen-Technik benutzt und die Inhalte erst nachträglich ins Bild einfügt, fühlt sich das immer wie ein Fake an und die Schauspieler sehen ja auch nicht, was sie gerade tippen. Bei uns sind alle Bildschirme echt. Was darauf zu sehen ist, haben erfahrene Programmierer geschrieben und den Schauspielern ausführlich erklärt. Edward Snowden hat in einem Interview gesagt, dass er ein Fan von "Mr. Robot" sei und dass er noch nie eine so präzise Darstellung von Hacking im Fernsehen gesehen habe. Das freut mich natürlich riesig.

Was Snowden mag, muss nicht allen Firmen und Organisationen gefallen. Hat es Versuche gegeben, Sie zu beeinflussen, zum Beispiel von Werbekunden des Networks?

Nicht, dass ich bemerkt hätte. Das hat mich zwar selbst ein bisschen überrascht. Aber Unternehmen geht es letztlich am meisten um ihren Gewinn. Und solange sie finanziell irgendwie profitieren können, ist es für sie vermutlich okay. Es hat tatsächlich keine einzige Beschwerde gegeben.

"Mr. Robot" ist extrem spannend und unterhaltsam, zwingt einen aber gleichzeitig auch zum Nachdenken. Gibt es sowas wie eine Botschaft, die Sie mit der Serie rüberbringen wollen?

Vielleicht nicht unbedingt eine Botschaft. Aber ich möchte zumindest eine Diskussion anstoßen. Ich möchte, dass die Menschen darüber reden, was ich für unsere gegenwärtig wichtigsten Probleme halte. Ich höre mir ziemlich oft TED-Talks an und da habe ich neulich von einer interessanten Statistik erfahren: Die Zahl der Menschen, die wir als unsere engen Freunde bezeichnen, ist heute im Durchschnitt viel, viel niedriger als in den 1950er Jahren. Das heißt, da verändert sich etwas Grundlegendes und wir werden immer mehr zu einer sehr einsamen Gesellschaft. Ich glaube nicht, dass das Zufall ist. Das hat viel mit der Entwicklung der Technologie zu tun. Auf der einen Seite hilft sie uns dabei, einfacher zu kommunizieren – auf der anderen lässt sie uns vereinsamen. Ich halte das in gewisser Weise für eine Epidemie und würde nur zu gern einen öffentlichen Diskurs darüber starten.

"Was ich an der wöchentlichen Ausstrahlung liebe, ist das Gemeinschaftserlebnis"

Sam Esmail, Creator & Showrunner "Mr. Robot"

Ein Teil dessen ist ja auch der veränderte Medienkonsum. Stichwort ATAWAD – anytime, anywhere, any device. "Mr. Robot" ist im Frühsommer in den USA mit einer Online-Premiere der ersten Folge gestartet, dann linear im Wochenrhythmus gelaufen und kommt jetzt als Bingewatching-Angebot zu Amazon Prime. Gibt es für Sie eine ideale Art, die Serie zu konsumieren?

Was ich so sehr an der wöchentlichen Ausstrahlungsweise liebe, ist das Gemeinschaftserlebnis. Nach jeder Folge haben sich viele Menschen online darüber ausgetauscht, und das oft ziemlich intensiv. Sie haben ihre Ansichten, ihre Theorien und Vermutungen diskutiert. Das erinnert mich an meine eigene Erfahrung früher mit "Lost". Da haben wir Fernsehpartys organisiert und gemeinsam jeder neuen Folge entgegengefiebert. Das ist ein Erlebnis, das so nur mit Serien funktioniert. Andererseits mag ich auch Bingewatching. Wenn ich zehn Stunden Serie am Stück gucke, erlebe ich ja im Grunde einen langen Film und das kann manchmal auch großartig sein. Ich würde sagen: alles zu seiner Zeit.

Sie sind nicht nur Creator und Showrunner der Serie, sondern haben als Regisseur auch drei Folgen der ersten Staffel gedreht. Das ist im US-System höchst ungewöhnlich.

Vor "Mr. Robot" habe ich noch nie fürs Fernsehen gearbeitet, weder als Autor noch als Regisseur. Ich habe einen Independent-Film gedreht und ein paar Spielfilm-Drehbücher geschrieben. Aber ich hatte keine Ahnung, wie man eine Serie macht. Was ich wusste, war, dass ich Elliots Reise erzählen wollte und dass es keine episodischen Elemente geben würde. Von Anfang an haben wir eher im Film-Modell gedacht: Wir erzählen eine durchgehende Geschichte und schneiden sie dann in zehn Stücke, vor allem aus organisatorischen Gründen. In Hollywood herrscht die Denkweise vor, dass TV ein Autoren-Medium ist. In meinen Augen kann es genauso gut ein Filmemacher-Medium sein. Beide Disziplinen sind gleich wichtig, besonders wenn man auch stilistisch und visuell ein tolles Ergebnis erzielen will.

Herr Esmail, herzlichen Dank für das Gespräch.

Das Interview erschien erstmals im Herbst 2015 zum Start bei Amazon Prime Video.
Nun läuft die Serie erstmals im frei empfangbaren Fernsehen. Nitro zeigt die komplette erste Staffel am 31.10 und 1.11., jeweils ab 20:15 Uhr.

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