Alexander Elbertzhagen © Kick Media
DWDL.de-Interview mit Alexander Elbertzhagen

"Früher ging es um Angriff, heute um Verteidigung"

 

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Wir gucken alle auf die gleichen Zahlen und der Interpretationsspielraum hält sich in Grenzen. Man darf doch erwarten, dass eine Schlagzeile kein Grundvertrauen erschüttert. Das kann dann zumindest vorher schon nicht groß gewesen sein.

Aber nehmen Sie beispielsweise Günther Jauchs „500“: Sie haben heute geschrieben, dass er sich wacker hält. Und andere Mediendienste schrieben von einem Flop. Liest man die Analysen sind beide Sichtweisen nachvollziehbar. Wann immer von einem Flop die Rede ist, gehen manche Alarmglocken an. Das will niemand lesen. Was soll man aber schon tun außer den Autoren heimlich zu verfluchen? Sie können nicht gegen Veröffentlichtes arbeiten, wenn der Inhalt legitim ist. Sie können versuchen ein anderes Thema zu setzen oder mit einem Interview die Deutungshoheit zurückzugewinnen.

Gibt es eigentlich Formulierungen in Veröffentlichungen über die sie schmunzeln müssen, weil sie aus Erfahrung zwischen den Zeilen lesen?

(lacht) Schöne Frage. Ja, das gibt es. Also nehmen wir zum Beispiel „Wir werden gemeinsam analysieren und an dem Format/Programm/Projekt arbeiten“. Das heißt nämlich: Niemand setzt sich zusammen und keiner tut was. Klassischer Platzhalter für: Wir wissen gerade auch nicht weiter. Aber wissen Sie, was ich richtig schlecht finde? Im Musikbereich finde ich es fürchterlich wenn ich in Konzertkritiken lesen muss „Er rockte den Saal“. Das ist an und für sich ein ganz fürchterlicher Ausdruck, wie ich finde.

„Any PR is good PR“ - stimmt dieser Spruch?

Der stimmt heute mehr denn je. Die letzten 20 Jahre haben doch den neuen Beruf des Berühmtseins hervorgebracht. Davon lebt mancher finanziell gar nicht so schlecht. Und da ist dann any PR good PR, weil sie davon leben dass über sie geredet wird. Egal wie. Ob das moralisch und auf Dauer auch gerade bei den jungen Menschen psychisch vertretbar ist, steht auf einem anderen Blatt.

Also jene „Stars“ die für Geld alles machen würden?

(lacht) Ach, bei manchen Stars ist das ja auch sinnvoll. Wenn man weiß, dass man kein Star im klassischen Sinne ist weil man eigentlich nichts gut kann, dann zählt nur schnell verdientes Geld. Wer weiß schon, ob er oder sie in sechs Monaten überhaupt noch als Star gilt? Da zählt nur die Gunst der Stunde.

Würden Sie so einen Berufs-Prominenten annehmen?

Nein. Mancher streitet zwar auch darüber, ob beispielsweise Rihanna etwas kann - natürlich kann sie was! Das sind dann geschmackliche Entscheidungen. Es gibt aber auch Leute, die werden regelrecht durch die Szene durchgereicht. Wir lehnen viele Leute ab. Es gibt aber auch noch weitere Tugenden mit denen sich Interessenten um unser Interesse gebracht haben: Wer zu einem Termin eine Stunde zu spät kommt, hat keinen Anstand. Und wer zum Beispiel nicht weiß was DWDL ist, der ist schlecht informiert.

Manch einer würde behaupten, Sarah & Pietro Lombardi leben auch mehr davon irgendwie berühmt zu sein als musikalisch etwas zu können?

Das stimmt nicht. Sarah und Pietro sind beide hervorragende Musiker. Sie können singen, haben eine wahnsinnige Bühnenpräsenz, gehen auf Tournee und sind einfach Showstars.

Sie kommen aus der Musikbranche. Kennen dort die wilden 80er und auch 90er Jahre. Sie kennen noch die Jahre, in denen Künstler um jeden Preis anecken wollte. Heute ist das doch - wenn es etwa um politische Haltung geht - doch gar nicht mehr erwünscht. Sich bloß nicht festlegen lassen…

Ja, das ist leider so und das ist ein Spiel, das man manchmal mitspielen muss. Leider führt das in letzter Konsequenz zur größten gemeinsamen Langeweile. Wir haben nur alle verlernt mit Standpunkten, die nicht unseren eigenen entsprechen, umzugehen. Und dann unterlässt man eine Positionierung, wenn man allen gefallen will. Aber das gilt ja nicht nur für Personen, auch die Sender.

Wie meinen Sie das?

Früher ging es um Marktanteilsgewinn und heute geht es um die Sicherung von Marktanteilen. Früher ging es also um Angriff, heute um Verteidigung. Als RTL von Helmut Thoma aufgebaut worden ist, ging es darum, Marktführer zu werden. Auf diesem Weg ist man eben lauter.

Das Fernsehen hat sich nicht zum Vorteil entwickelt?

Es muss heute so viel produziert werden, was sich dann letztlich ungesehen versendet. Das Fernsehen frisst Programmstunde um Programmstunde. Der „Musikladen“ kam früher einmal im Monat. Heute wird alles in Staffeln produziert und versendet sich. Weniger Vielfalt auf die man sich dann gelegentlich freuen kann, dafür immer mehr vom Gleichen. Und hinter den Kulissen schmunzele ich über die Fantasie der Produktionsfirmen, wenn es um Berufsbezeichnungen geht. Früher war es ein harter Weg bis sie Redakteur wurden. Da galt das noch was. Heute bekommen sie einen schicken Titel schneller, dafür weniger Geld.

Hat sich Künstler-Management in den vergangenen 30 Jahren grundlegend verändert?

Es wäre merkwürdig, wenn nicht. Alle unsere Abläufe haben sich verändert, also auch das Management. Wir leben in einer komplexeren Welt. Früher gab es weniger Sender und Medien, heute muss man eine Vielzahl von Event-, Werbe- und Fernsehverträge managen. Stichwort Verwertungsrechte. Und dann Lobby-Arbeit. Und mit dem Internet haben sie endgültig keine ruhige Stunde am Tag mehr, in der sie nicht eine Veröffentlichung oder Aufregung befürchten müssen.

Gibt es rückblickend Stars, die Sie gerne unter Vertrag gehabt hätten?

Ja, es gibt ein paar Stars. Til Schweiger finde ich sehr gut. Vor ihm habe ich größte Hochachtung. Was er aufgebaut hat ist ganz toll. Auch eine großartige schauspielerische Leistung, sowohl im Film als auch im Fernsehen. Das ist einer, vor dem ich Respekt habe.

Gibt es Dinge, die sie im Laufe ihrer langen Karriere bereut haben? Fehlentscheidungen?

Ich hatte ja einen Mini-Anteil an VIVA und war da auch integriert. Wir hatten die Chance, einen Welt-Sender aufzubauen. Vielleicht hätten wir das mit mehr Interesse verfolgen sollen. Die Frage mit den Kapitalgebern ist dabei eine ganz andere. Das war eine einmalige Chance, die verpasst wurde. VIVA war Inbegriff von Jugendkultur. Diese Fläche ist schon vor langer Zeit verschwunden. Das hat dem deutschen Fernsehen nachhaltig geschadet, wenn wir an die Vielzahl von Moderationstalenten denken, die einst dort anfingen. Weit mehr als nur Stefan Raab. MTV ist auch nicht mehr relevant und Miriam Pielhaus NBC GIGA ist lange Geschichte. Da hätte man dran bleiben sollen und einen Weg finden müssen.

Sie feierten vor wenigen Wochen ihren 65. Geburtstag mit der Branche. In anderen Berufen steht der Ruhestand bevor. Erlauben Sie mir die Frage: Wie soll es mit dem Unternehmen denn ohne Alexander Elberthagen weitergehen?

Wir haben sehr gute Mitarbeiter. Petra Mauß ist eine sehr gute Geschäftsführerin bei Pool Position. Claudia von Spreckelsen ist eine gute Strategin, die bei uns die Zeitschrift "Barbara" verantwortet hat in Zusammenarbeit mit Gruner + Jahr. Mit Barbara Schöneberger haben wir nach den positiven Erfahrungen auch noch viel mehr vor und wollen dabei neue Wege gehen. In meinem Team gibt es noch viele gute Namen zu nennen. Im Bereich des Digitalen werden wir uns noch verstärken müssen. An Ideen mangelt es uns jedoch nicht, aber das können wir nicht alleine stemmen. Das Ausland ist auch immer ein Thema. In der Schweiz sind wir sehr gut und auch Italien haben wir Fuß gefasst. Was mich betrifft, seien sie versichert: Ich werde jetzt sicherlich noch fünf Jahre machen und danach werde ich in den Aufsichtsrat gehen.

Bei der Zeitschrift „Barbara“ und weiteren Projekten sind sie als Management stärker als früher vertreten. Wollen Sie mehr Kontrolle?

Das ist immer gefährlich mit Kontrolle. Nein, darum geht es nicht. Es geht darum, dass gewisse Ideen nicht verwirklicht werden. Eine Zeitschrift wie „Barbara“ wäre in den USA nichts Neues. Dort denken Medien und Stars längst über Konventionen hinaus. Dass wir die Geburtstagssendung von Thomas Gottschalk bei RTL gleich mitproduziert haben, fällt auch in den Bereich. Bei uns wird noch immer gefragt: Darf man das? Soll man das? Es geht doch einfach nur darum, etwas möglich zu machen.

Herr Elbertzhagen, Sie haben in ihrem Leben als Journalist, Manager und auch in der PR gearbeitet. Welche dieser Karriere können Sie heute jungen Menschen empfehlen?

Also ich sehe mich rückblickend nicht als Journalist.

Aber Sie haben für „Bild“ oder „Stern“ geschrieben.

Also ich glaube heute beurteilen zu können, was ein guter Text ist. Das bringt Spaß. Das ist auch eine Freude bei Büchern. Ich habe Spaß am Wort und am Gedruckten. Ich liebe gelungene Formulierungen. Ich kann auch schreiben aber könnte keinen eigenen Stil entwickeln. Deswegen wurde aus mir nie ein großer Journalist.

Aber wo wäre der Nachwuchs heute am Besten aufgehoben?

Es wird bei allen dreien Berufen schwieriger. Beim Journalismus haben Sie aufgrund der Rationalisierung nicht mehr so viel Zeit und Raum zum Recherchieren. Es gibt vermeintlich so viel Fläche zum Veröffentlichen wie nie zuvor. Aber sie können nicht immer davon leben. Bei PR muss man für sich selbst ein Anstandsgefühl habe, dann bringt PR unheimlich viel Spaß. Ich habe viel PR fürs Radio gemacht, "plugging" nennt man das: mit meinen eigenen Künstlern und deren CDs von Sender zu Sender fahren. Das war eine wunderschöne Zeit. Das war besser als jede Marktforschung heute. Management ist allumfassend und man kriegt immer Feuer von allen Seiten. Da muss man wirklich eine dicke Haut haben. Ich mache das ja schon ziemlich lange und habe glücklicherweise noch keine Hirn- und Magengeschwüre.

Herr Elbertzhagen, herzlichen Dank für das Gespräch.

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Sie haben einen Text aus dem Archiv des Medienmagazins DWDL.de aufgerufen, das bis ins Jahr 2001 zurückreicht und mehrere Zehntausend Artikel umfasst.



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