Philipp Steffens © MG RTL D / Boris Breuer
DWDL.de-Interview mit Philipp Steffens

RTL-Fiction-Chef Steffens: "Wir brauchen mehr Geduld"

 

RTL startet in dieser TV-Saison sechs neue Serien. Neun weitere Stoffe werden gerade entwickelt. Fiction-Chef Philipp Steffens im großen DWDL.de-Interview über diese Offensive, die Perspektive für deutsche Serien, mehr Geduld bei der Quote, Autoren-Knappheit im Markt und einen Wunsch an ProSiebenSat.1.

von Thomas Lückerath
19.09.2017 - 08:06 Uhr

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Herr Steffens, RTL hat zuletzt auf Prestige-Projekte wie „Deutschland 86“ und die geplante  „Hitler“-Serie verzichtet, aber es gibt in dieser Saison gleich eine Vielzahl neuer Serien. Braucht RTL in der Fiction weniger Leuchttürme und mehr Hausmannskost?
 
Hausmannskost trifft es für mich nicht. (überlegt) Aber um in Bildern zu bleiben: Ich rede meistens von der Torte mit der Kirsche oben drauf. Wir konzentrieren uns jetzt erst einmal darauf, dass uns eine große Torte gelingt. Wir hatten immer mal wieder Kirschen im Programm, da würde ich auch „Winnetou“ dazu zählen, das beim Gesamtpublikum gut gelaufen ist. Aber wir wollen jetzt Basisarbeit leisten und beweisen, dass es uns ernst ist mit deutscher Fiktion.
 
Das merkt man. Es soll ja nicht nur bei den jetzt vorgestellten Serienprojekten für diese Saison bleiben…
 
Genau. Sie hatten ja vor einigen Monaten schon mal vorab von unserer neuen Serienausschreibung berichtet. Da haben wir auf kreative Art und Weise Produzenten angesprochen und konnten uns über tollen Rücklauf freuen. Wir haben aus 122 Einreichungen 9 vielversprechende Serienformate ausgesucht; 5 Serien und 4 Sitcoms. Hier arbeiten wir nun mit den unterschiedlichen Produktionsfirmen an den Pilotdrehbüchern.

Bedeutet die breite Serien-Offensive gleichzeitig, dass es erstmal keine Prestige-Projekte mehr gibt?
 
Solche Glamour-Projekte sind immer mal wieder schön, weil sie eine große Wirkung auf die gesamte Industrie haben. „Deutschland 83“, international ein großer Erfolg, hat ja im Alleingang die Euphorie für die deutsche Serie in der Branche zu neuem Leben erweckt. Talente sind auf uns aufmerksam geworden, die eine Zusammenarbeit mit RTL vorher nicht in Betracht gezogen haben. Wir halten weiterhin die Augen offen und haben mit z.B. „Das Joshua Profil“ und „Passagier 23“ die Verfilmungen der Millionen-Beststeller von Fitzek vor uns.
 
Kommen wir zu den unmittelbar bevorstehenden Serien. Schon diese Woche startet „Bad Cop“. Warum diese Serie zuerst? Zufall, weil zuerst fertig oder geplant?
 
Das war so geplant. Wir starten „Bad Cop“ zusammen mit neuen Folgen von „Alarm für Cobra 11“, weil wir uns etwas davon versprechen, klare Line Ups zu haben. Wer am Donnerstagabend eine Verabredung mit RTL hat, bekommt eine Krimiserie, die er kennt und eine neue, von der wir glauben, dass sie dem Publikum gefällt, das zuvor für „Cobra“ einschaltet.
 
Wenn über deutsche Fiction gesprochen wird, wird „Alarm für Cobra 11“ oft übergangen. Sagt das Ihrer Meinung nach was über die Qualität der Serie oder die Haltung von Kritikern aus?
 
Ich finde die Kolleginnen und Kollegen machen einen unfassbar guten Job. Wenn wir über Qualität im deutschen Fernsehen reden, dann gibt es verschiedene Ansätze. Über so lange Zeit ein so hohes Level zu halten, immer wieder Neues zu bieten, sich auch über Besetzungen neu zu erfinden und dabei jede Menge, auch internationale, Action-Awards zu gewinnen - das ist eine große Qualität und einzigartig im deutschen Privatfernsehen. Nicht viele beherrschen diese Kunst. Dass Journalisten häufig nur das Neue im Blick haben, ist verständlich. Leider kommen langlaufenden Programme, die über viele Jahre ihre Zuschauer begeistern, dabei oft zu kurz. 
 
Es ist zumindest eine eindeutig deutsche Serie mit eigenem Stil, während Versuche, US-Krimiserien in Coolness und Stil zu adaptieren, oft gescheitert sind.
 
Das ist ein wichtiger Punkt. Sich daran zu erinnern, wie wir was erzählen können und das wir eben in Deutschland sind, nicht den USA. Drüben gibt es CIA, FBI, NSA. Die bringen Ehrfurcht und Faszination mit sich, auch schon durch weltbekannte Symbolik. Dagegen wirken der Bundesnachrichtendienst und der Verfassungsschutz irgendwie… also ich sag mal so: Die CIA sitzt in Langley, der Verfassungsschutz in Köln-Chorweiler. Das macht Coolness in deutschen Krimiserien schwierig und zu einer Qualität, wenn man es dennoch schafft.

"Es ist ja kein Geheimnis, dass wir mittelfristig einen zweiten Abend für deutsche Serien planen"

Nach „Alarm für Cobra 11“ jetzt also „Bad Cop“. Zugespitzt formuliert: Bloß eine weitere Krimiserie? Wie würden Sie die Serie pitchen? Warum ist es nicht nur eine weitere Serie wie so viele andere?
 
Wir erzählen eine spannende und vielschichtige Fish-out-of-Water-Story. Auf der einen Seite hat unsere Hauptfigur ein persönliches Drama, weil er seinen Zwillingsbruder verloren hat. Dann entsteht Thrill, aber auch Komik aus der Situation heraus, dass er als Kleinganove plötzlich in die Rolle seines Bruders schlüpft und Polizist wird. Geht das gut? Fliegt er auf? Was ist mit der Familie seines verstorbenen Bruders? Und es gibt natürlich den Fall der Woche, den er ohne Polizei-Kenntnis, aber mit seinem Ganoven-Wissen aufklärt.
 
Wenn „Bad Cop“ gut laufen sollte, hat man da ein gutes Line-Up am Donnerstagabend gebaut. Aber wie sieht es mit den weiteren Serien an, die in dieser Saison noch kommen sollen? Die passen auf den ersten Blick nicht so zu „Alarm für Cobra 11“.
 
Es ist ja kein Geheimnis, dass wir mittelfristig einen zweiten Abend für deutsche Serien planen. In der Entwicklung haben wir immer schon darüber nachgedacht, welche Produktionen gut zusammenpassen könnten, denn Solitäre funktionieren nicht. Das hatten wir in der Vergangenheit. Das war immer schwierig und wurde dann mancher Produktion nicht gerecht. Im falschen Umfeld kann auch die richtige Serie nicht funktionieren. Sollte von den neuen Serien eine nicht funktionieren, können wir sie übrigens immer noch gut paaren, auch darauf haben wir sehr geachtet.

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