Bernd Reichart © MG RTL D / Boris Breuer
DWDL.de-Interview mit Vox-Chef Bernd Reichart

Vox will frecher werden - mit mehr Serien und Comedy

 

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Mit dem Mut zur eigenen Serie, "Die Höhle der Löwen"oder auch "Sing meinen Song" hat Vox überrascht. Das ist jetzt aber auch schon einige Jahre her. Wann überrascht Vox mal wieder?

Als nächstes versuchen wir uns am für uns neuen Genre Comedy. Hier haben wir uns die Rechte am australischen Format "True Story" und am belgischen Format "Did you get the Message" gesichert. Wir strecken unsere Fühler schon länger in diese Richtung aus, wollten aber keinem Genre hinterherdackeln, das würden unsere Zuschauer uns übelnehmen. Unsere Ambition ist, eine Tonalität zu treffen, die es so in den Genre vorher noch nicht gab. Im Herbst werden wir nun beide Formate in die Vox-Primetime holen. Auch wenn einige Sendeplätze inzwischen gesetzt sind – das ist ja wahrlich kein Fluch - haben wir für neue Formate noch genug Experimentierplätze.



Während viele Kollegen regelmäßig in Cannes beklagen, dass es kaum spannende Formate auf dem Weltmarkt gibt, hat Vox eine Vorliebe für die Adaption von internationalen Formaten.

Wir fahren weiterhin sehr gerne nach Cannes, sind aber auch abseits der Messen extrem flink geworden dank dem Leiter unserer Creative Unit, Marcel Amruschkewitz, und seinem Team. Die bewegen sich für uns auf dem internationalen Formatmarkt so agil wie kaum ein anderer. Es geht aber nicht nur darum, die richtigen Formate zu finden. Es geht auch um das Selbstvertrauen zu wissen, wie wir es für uns dann am besten adaptieren wollen. Wir haben bei der "Shopping Queen" zum Beispiel aus einem türkischen Primetime-Format ein tägliches Nachmittagsformat gemacht. Beim Grad der Adaption sind wir auch schon mal frech. Aber es ist in der Tat so, dass manche Kollegen vergeblich auf den nächsten großen internationalen Mega-Hit warten, der mehr als 20 Prozent Marktanteil garantiert. Da haben wir einen Vorteil: Vox kommt quotentechnisch früher über die Ziellinie.

Interessieren Sie auch noch Fernsehideen aus Deutschland, die sich im Ausland noch nicht bewährt haben? Mancher deutsche Produzent beklagt, mit eigenen Ideen hätte man bei Vox keine Chance.

Als Gegenbeispiel fällt mir spontan "Kitchen Impossible" ein. Ein Format, das EndemolShine Germany mit und für uns entwickelt hat und das heute eines unserer erfolgreichsten Primetime-Sendungen ist. Aber auch z.B. "Grill den Profi", "Goodbye Deutschland", unser aktueller Neustart "Beat the box" oder "Hautnah: Die Tierklinik" widerlegen die Betrachtung. Das sind alles deutsche Formatentwicklungen. Wir haben ja auch extra eine Creative Unit geschaffen, damit sie zusammen mit den deutschen Produzenten Formatierungs-Geburtshilfe leistet. Den Schuh ziehe ich mir höchstens im Bereich Fiction an. An das Thema sind wir wirklich mit Demut rangegangen und haben entschieden, dass es hilft, wenn wir eine erprobte Geschichte anpacken und diese dann selbstbewusst im Vox-Stil adaptieren können. Dass wir das können, haben wir bei „Club der roten Bänder“ bewiesen. Und das ist auch unsere Zielsetzung für "Milk & Honey", unsere nächste eigenproduzierte Serie mit Artjom Gilz, "Winnetou" Nik Xhelilaj, Marlene Tanczik, Nils Dörgeloh und Deniz Arora in den Hauptrollen. Sie wird im Herbst 2018 bei uns zu sehen sein. Aber auch in Sachen Fiction ändert sich unsere Herangehensweise.

Was hat sich geändert?

Wir haben im vergangenen Jahr erstmals Geld für fiktionale Entwicklungsaufträge in die Hand genommen. Hauke Bartel, seit April letzten Jahres unser Head of Fiction, hat auch schon einen Drama Retreat organisiert, wo wir uns mit 15 Nachwuchsautorinnen und -autoren fünf Tage in einem Landgasthof außerhalb von Berlin eingeschlossen haben, um Buchentwicklungen anzustoßen. Da waren Ladya van Eeden (Programmchefin von Vox, Anm. d. Red.) und ich auch dabei.

Also wollen Sie die Schlagzeil eigener Vox-Serien erhöhen?

Zunächst einmal liegt unser Fokus darauf, nach dem Erfolg von "Club der roten Bänder" eine würdige zweite Serie zu produzieren und im Herbst auf die Bildschirme zu bringen. Aber es stünde uns gut zu Gesicht, wenn wir in der ersten und zweiten Jahreshälfte jeweils eine neue, eigenproduzierte Serie on air hätten. Um das im Zweifelsfall auch ohne Fortführung einer Serie zu schaffen, werden wir in der Entwicklung fiktionaler Stoffe also ordentlich Gas geben müssen. Das ist strategisch ein wichtiger Schritt für uns.

Von welchem Zeithorizont sprechen wir?

Das hängt davon ab, ob wir die richtigen Stoffe entwickeln. Aber ich denke, dass wir durchaus noch im Laufe dieses Jahres eine weitere Serie ankündigen können. Denn unabhängig vom Erfolg von "Milk & Honey" wollen wir 2019 die nächste Vox-Serie auf Sendung bringen.

Was muss eigentlich eine Vox-Serie zum Beispiel von den RTL-Serien unterscheiden?

Es ist nicht das Ziel, eine Serie zu machen, die sich von RTL unterscheidet. Unsere Aufgabe ist es, eine Serie zu entwickeln, die sich von allem unterscheidet, was es auf dem Markt gibt. Das haben wir beim "Club" geschafft und das versuchen wir bei "Milk & Honey" auch. Bei der Genese unserer zweiten Serie haben wir uns viel mehr Gedanken über unsere Erfahrungen mit dem "Club der roten Bänder" als über die Konkurrenz gemacht. Wo können wir andocken, ohne wieder auf einen jugendlichen Cast oder auf die Themen Krankheit oder Krankenhaus zu setzen? Dieser Vergleichbarkeit wollten wir auf jeden Fall entgehen.

Ist "Club der roten Bänder" auch ein Stück weit Fluch, weil man gedanklich nicht mit einem blanken Blatt Papier beginnt sondern diesen Erfolg im Hinterkopf hat?

Man muss versuchen, den Zuschauern zuzuhören und herausrauszufinden, was ihnen der "Club" gegeben hat; was ihnen bisher gefehlt hat. Bei "Milk & Honey" erzählen wir auch die Geschichten von intensiven, ehrlichen Figuren, in denen es um Thematiken wie Sehnsüchte, Freundschaft, Einsamkeit geht, die aber trotzdem richtig Spaß machen. Und wir hoffen, dass die Zuschauer auch dieser Serie eine Chance geben. Es ist aber wieder ein schwieriger Pitch, das merke ich selber.

Machen Ihnen Netflix und Amazon Sorgen? Oder lernt man von ihnen?

Sorgen machen sie mir nicht. Die SVoD-Dienste bieten aber eine klare Alternative für den Konsum von US-Serien und haben darüber hinaus sogar ein eigenes Genre geschaffen: die millionenschwere, zehnstündige High-Concept-Serie. Unsere Genre- und Zielgruppenvielfalt ist jedoch viel größer und unser Fokus auf den deutschen Markt sehr viel klarer. Was man allerdings von ihnen lernen kann, ist das frühzeitige Wecken von Neugier auf kommende Produktionen. Das machen sie ganz hervorragend. Von daher gucken wir schon ganz genau auf diese Player – auch weil unser eigenes On-Demand-Geschäft immer größer und wichtiger für uns wird.

Aber die Marke Vox endet damit im linearen Fernsehen. Digital gibt es TVNow.

Das ist richtig. Digital übertragen wir sehr bewusst einen Teil der Markenidentität auf TVNow, um im Gegenzug die Auffindbarkeit auf allen Screens zu sichern.

Kommen wir nochmal zurück zum Programm. Der "Echo 2018" wird besser als im Vorjahr?

Das haben wir fest vor. Wir wollen immer besser werden.

Am Vorabend setzen Sie alle Hoffnungen auf "First Dates". Wird das für mehr Stabilität sorgen?

Wir sind sehr dankbar, dass wir eine Vielfalt an Themen und Formaten haben, so dass wir flexibel reagieren können. Falls Immobilien, Tierärzte oder Hotels mal schwächeln, können wir einfach mit der nächsten Thematik einstarten. Das große Potenzial von „First Dates“ liegt auch an dem wirklich spannenden Gastgeber Roland Trettl, der immer mehr zum Sendergesicht wird. Guido Maria Kretschmer wird noch eine ganze Weile über allem thronen, da bin ich mir ziemlich sicher. Aber auch Roland Trettl passt super zu uns. Und "First Dates" ist ein wichtiger Start am Vorabend, der auch dazu beitragen kann, unseren Klassiker - "Das perfekte Dinner" - im Anschluss zu stärken.

Sie sprachen Guido Maria Kretschmer an. In der Daytime versuchen gerade mehrere Sender es ihnen nachzumachen und von Scripted Reality zu Dokutainment zu wechseln. Ehrt oder sorgt Sie das?

Da bin ich zwiegespalten. Auf der einen Seite wird der Wettbewerb dadurch intensiver, auf der anderen Seite ist es mir lieber, alle tummeln sich auf dem Marktplatz, den wir bereits gut kennen, als wenn plötzlich neue Genres ausprobiert werden, bei denen wir dann ggf. nachziehen müssten. Sollte es bei anderen Sendern wirklich zu dem von ihnen angekündigten Genrewechsel kommen, ergibt sich für uns natürlich auch die Chance, Zuschauern, die sich im Zuge dessen neu orientieren, ein neues Zuhause zu bieten.

Und wenn dann RTL einen Piloten produzieren lässt mit Ruth Moschner und Detlef Steves, zwei Vox-Gesichtern, dann geht man mal rüber zu Frank Hoffmann und fragt was das soll?

Ich sehe es als Wertschätzung, wenn unsere Vox-Stars von den Kollegen unserer Sendergruppe und der Konkurrenz aus Unterföhring offenbar auch als geeignet für den Kampf um die Marktführerschaft betrachtet werden. Das haben wir mit Steffen Henssler, Nina Bott oder auch Carsten Maschmeyer, die aus München angeworben wurden, ja bereits erlebt. Und ich versuche das als Kompliment zu sehen.

Herr Reichart, herzlichen Dank für das Gespräch.

Über den Autor

Thomas Lückerath ist Gründer und Chefredakteur des Medienmagazins DWDL.de. Hatte schon viereckige Augen, bevor es Bingewatching gab. Liebt Serien, das Formatgeschäft und das internationale TV-Business. Ist mehr unterwegs als am Schreibtisch.

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