Doctor Who Jodie Whittaker © BBC
Der 13. Doktor im Gespräch

Jodie Whittaker: "'Doctor Who' braucht kein Geschlecht"

 

55 Jahre nach dem Start der Kult-Serie "Doctor Who" ist Jodie Whittaker die erste Frau, die den Doktor verkörpert. Im DWDL-Interview erklärt sie, warum sie diese Entscheidung für richtig und wichtig hält und froh ist, nicht in den Sozialen Medien präsent zu sein.

von Kevin Hennings
06.10.2018 - 13:00 Uhr

Mrs. Whittaker, auf einer Skala von 1 bis 10: Wie sehr müssen Sie innerlich noch mit den Augen rollen, wenn Sie gefragt werden, wie es ist, der erste weibliche Doktor zu sein?

Ganz ehrlich: Eine drei. Ich bin kaum genervt, da mir dieses Thema wirklich am Herzen liegt und ich froh bin, dass die Leute so aufgeregt sind, wenn das zur Sprache kommt.

Warum?

Als ich aufgewachsen bin, konnte ich mich mit keinem Fernseh- oder Filmhelden identifizieren. Alle waren männlich und kantig und sahen eben ganz und gar nicht so aus, wie ich. Die Frauen, in denen ich mich gerne wiedergesehen hätte, standen alle an der Seitenlinie und klatschten dem großen Helden entgegen, wenn er einmal mehr die Welt rettete. Ich bin teilweise mit dem Gedanken aufgewachsen, dass Frauen nicht alles tun können, was sie wollen. Das hat mich Gott sei dank dennoch nicht davon abgebracht, es dennoch zu versuchen.

Im Jahr 2018 müsste es auch möglich sein, solch veraltete Muster aufzubrechen. Es gibt aber immer noch einige Menschen, die damit nicht klar zu kommen scheinen. Davon kriegen Sie aber wohl nicht viel mit.

Ich vermute, Sie spielen auf meine fehlende Social-Media-Präsenz an. Das hat mir noch nie so gut getan, wie in den vergangenen Monaten. Bereits davor habe ich gelernt, dass mein Leben und meine Karriere angenehmer funktionieren, solange ich nicht auf Social Media vertreten bin. Ich bin nicht auf Facebook, ich twittere nicht und Jodies Instagram-Posts gibt’s auch nicht. Es ist ein wunderbares Gefühl, sich nicht all die fremden Stimmen zu Herzen zu nehmen, die dort auf einen einprasseln. Warum sollte ich auch einen Wert darauf legen, was Menschen zu meinem Wesen sagen, die mich noch nie getroffen oder gar kennengelernt haben? Deswegen ist es auch größtenteils an mir vorbeigegangen, dass es immer noch Menschen gibt, die nicht damit zurecht kommen, wenn eine Frau den Doktor spielt.

Doch woran liegt es, dass es überhaupt solche Menschen gibt? Wer "Broadchurch" gesehen hat, dürfte nicht an ihren schauspielerichen Qualitäten zweifeln.

Der Mensch ist ein Gewohnheitstier und wenn seit 55 Jahren nur Männer den Doktor verkörpert haben, ist es nunmal aufregend und für manchen sogar verletzend, wenn dieses Muster plötzlich aufgebrochen wird. Das ist doch das Gleiche, wenn plötzlich eine Frau Fußball kommentiert oder eine Frau Geschäftsführerin in der Firma wird, in der es Frauen sonst nur zu Sekretärinnen geschafft haben. Eine Frau kann genauso viel Qualität mitbringen, wie ein Mann. An den Anblick müssen sich manche aber erst einmal gewöhnen.

Ist es für den Doktor an sich überhaupt wichtig, ob er männlich oder weiblich ist?

Ein ganz klares Nein von meiner Seite. Der Doktor ist ein Figur, die über die Staffeln hinweg immer wieder neu reinkarniert wurde. Dadurch wurde logischerweise auch der Charakter immer wieder neu geschaffen, weshalb es den anderen zwölf Darstellern überhaupt erst möglich war, ihren eigenen Doktor zu schaffen, und nicht immer in andere Fußstapfen treten zu müssen. "Doctor Who" bräuchte als nicht mal ein Geschlecht, da er für Veränderung steht. 

Was für "Doctor Who"-Fans noch wichtiger sein dürfte: Seit welcher Staffel sind Sie ein "Whovian"?

Seit Staffel 37.

Das dürfte Ihre Staffel sein.

Jep. Erwischt. Ich bin tatsächlich gänzlich frisch an dieser Projekt herangetreten. Das habe ich aber auch nie verhehlt: Als ich beim Casting angekommen bin, habe ich Chris (Chibnall, Autor von "Doctor Who", Anm. d. R.) klipp und klar gesagt, dass ich zwar ein paar Folgen kenne, aber keine ganzen Staffeln und das ich keine Zeit gehabt hätte, die letzten 55 Jahre nachzuholen. Zu meiner Erleichterung war das aber die Antwort, die Chris am meisten hören wollte. Er wollte eine neue, unvoreingenommene Version des Doktors. Die habe ich ihm geliefert.

 

Normalerweise reden Showrunner ja mit ihren Hauptdarstellern über ihre Rolle. Das war hier also nicht der Fall?

Nein, es ist beinahe schon absurd. Wir hatten, glaube ich, nie ein wirkliches Meeting diesbezüglich. Chris wollte nicht nur, dass ich unvoreingenommen an die Sache herangehe, sondern auch, dass ich vor der Kamera so handle, wie ich es in diesem Moment für richtig erachte.

Wenn ich das richtig verstehe, habe Sie sich also gar nicht auf ihre Rolle vorbereitet? In der Schule wäre das doch wie Hausaufgaben vergessen und trotzdem durchkommen.

Ich mag die Metapher, muss aber widersprechen. Ich persönlich arbeite nach zwei Prinzipien: Entweder bin ich riesiger Fan einer Serien- oder Filmwelt und kenne mich mit dem Setting perfekt aus. Oder eben gar nicht. Chris hat mich genommen, weil ich instinktiv in die Rolle des Doktors passe. Wenn ich mich jedoch erst in diese Rolle hätte einarbeiten müssen, hätte ich mich selbst hinterfragt. Wäre das dann überhaupt die perfekte Rolle für mich, wenn ich nicht direkt für sie geeignet bin? Das funktioniert offensichtlich in erster Linie für mich und ist keine Empfehlung, die ich blind an jeden anderen Schauspieler weitergeben würde (lacht). 

Was Sie sagen, macht bei "Doctor Who" aber nochmal mehr Sinn, weil dieses Monstrum von Serie so konzipiert wird, dass der Zuschauer in jeder neuen Staffel frisch einsteigen kann, ohne Vorkenntnisse haben zu müssen.

Absolut. "Doctor Who" ist gewissermaßen wie eine Reise auf dem Jakobsweg. Man muss nicht den ganzen Weg gegangen sein oder ihn gar komplett beenden. Jeder kann für sich entscheiden, wie für ihn die perfekte Strecke aussieht und wo sie beginnt. Ich freue mich wirklich riesig, bei einem Projekt mitmachen zu können, dass sich der Welt dermaßen anbietet und jeden willkommen heißt.

Mrs. Whittaker, vielen Dank für das Gespräch. 

Die 37. Staffel von "Doctor Who" mit Jodie Whittaker in der Hauptrolle feiert am Sonntag bei BBC One Premiere. In Deutschland werden die Folgen im Januar erstmals bei Fox laufen. Auf One sind derzeit die Staffeln mit dem elften Doktor zu sehen.

Über den Autor

Der Gerade-noch-Volo-nun-Jung-Redakteur Kevin Hennings ist seit 2016 bei DWDL.de. Neben seiner Liebe zur Serienwelt, die er oft in Form von Kritiken und Kommentaren zeigt, hegt er eine intensive Leidenschaft für Stand-Up-Comedy und Podcasts.

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