Wolf Bauer © UFA / Deutscher Fernsehpreis
DWDL.de-Interview mit Wolf Bauer

"Für wen machen wir Programm, wenn nicht fürs Publikum?"

 

Am Abend wird in Düsseldorf der Deutsche Fernsehpreis verliehen. Als Jury-Vorsitzender fungiert der langjährige UFA-CEO Wolf Bauer. DWDL.de sprach mit ihm über Kritiker-Lieblinge, Erfolg bei der Masse und Wertschätzung in der Branche.

von Thomas Lückerath
31.01.2019 - 12:44 Uhr

Herr Bauer, die naheliegendste Frage gleich vorweg: War 2018 ein gutes Jahr für das deutsche Fernsehen?

Zunächst einmal war 2018 das Jahr des digitalen Umbruchs, in dem sich die Folgen der Globalisierung und der digitalen Transformation in unserer Branche erstmals voll ausgewirkt haben. Das konnte man schon lange kommen sehen, aber bislang waren die Auswirkungen eher marginal. 2018 haben wir nun mit einer Überfülle an neuen Inhalten durch neue Wettbewerber, mit einem wachsenden Anteil von On-Demand und Pay-TV und einer weiteren Fragmentierung des TV-Konsums, eine völlig neue Marktsituation. Gleichzeitig sehen wir eine Erosion bei der linearen Nutzung, gerade beim jungen Publikum. Ich persönlich habe in meiner beruflichen Laufbahn nur einmal einen solch deutlichen Einschnitt erlebt und das war 1984 mit der Einführung des Privatfernsehens.

Würden Sie diesen Einschnitt positiv oder negativ bewerten?

Der verstärkte Wettbewerb bringt natürlich eine Reihe von Veränderungen mit sich: Der noch intensivere Kampf um die Gunst des Publikums beschert eine neue Vielfalt an Inhalten. Darunter viele Projekte, die den Anspruch haben, sich abzuheben und aufzufallen. Es ist eine gute Zeit für alle, die sich mit der Kreation und Herstellung von Programmen befassen. Ich glaube, das vielzitierte Golden Age of Television ist jetzt endlich in Deutschland angekommen. Ich würde Ihre erste Frage gern noch aus einer zweiten Perspektive beantworten.

Gerne.

Wir haben als Jurymitglieder natürlich enorm viel Programm gesichtet. Zusammen mit meinen Kolleginnen und Kollegen der Jury kann ich sagen, dass wir sehr angetan sind von der Vielfalt und Qualität des deutschen Fernsehprogramms 2018. Schauen Sie auf das serielle Erzählen: Egal ob historische Stoffe, Dystopien, schwarz-humorige Comedys, Krimis oder aktuelle Themen - die deutsche Fiction ist differenzierter und hochwertiger denn je. Die kreative Community in Deutschland hat bewiesen, dass wir mit Bestleistungen am internationalen Wettbewerb des Serien-Booms teilnehmen können. Das zeigt sich nicht nur in Auszeichnungen wie den International Emmys, sondern auch wirtschaftlich relevant am erfolgreichen Weltvertrieb deutscher Programme. Die Fernsehfilme und Mehrteiler spiegeln wie selten zuvor den gesellschaftlichen Wandel und zeitgeschichtlich relevante Themen. Bei der Unterhaltung gibt es zwar keine große Formatinnovation, aber ich schätze sehr die Kunst der Optimierung von erprobten Formaten, die sich ja stetig auch neu erfinden müssen, um die Gunst des Publikums zu halten. Und in der Information wird die Währung der Wahrhaftigkeit und der geprüften Information hochgehalten und beweist, dass das Fernsehen dank dieses wichtigen Genres auch weiterhin eine Stütze unserer Demokratie ist.

Gab es in diesem Jahr denn stärkere und schwächere Kategorien? Genres, in denen Sie sich vielleicht mehr wünschen würden?

Wir haben mit hoher Energie und Leidenschaft über die Nominierungen debattiert. Wir haben mehr denn je gutes Fernsehen gesehen und leben besonders in der Fiktion fast in einer Phase des Überflusses. In der Kategorie Fernsehfilm stehen aktuell starke Frauenfiguren im Fokus. Realisiert haben das vor allem hochbegabte weibliche Kreative. Wie oft haben wir uns schon beschwert, dass im Fernsehen die Welt überproportional oft von Männern inszeniert, erklärt und gespielt wird. Wir sehen eine Tendenz zunehmender Gender-Balance, auch wenn hier immer noch ein weiter Weg zu gehen ist. Damit verbunden hat uns in der Fiktion die Diskussion von gesellschaftlichen Werten und ihrem Wandel fasziniert, auch im Hinblick darauf, dass manche dieser vermeintlich selbstverständlichen Werte immer wieder energisch verteidigt werden müssen.

"Wir sind noch nicht am Ziel einer fairen Gender-Balance, aber auf dem Weg dorthin."
Wolf Bauer

In der Unterhaltung beispielsweise scheint es nur gute Männer zu geben: In der Kategorie Beste Moderation Unterhaltung ist keine Frau nominiert. Gibt es keine starken Moderatorinnen im deutschen Fernsehen?

Die gibt es durchaus, aber sehen Sie bitte das Gesamtbild. Wenn sie einmal in die Kategorie Comedy schauen, dann haben wir dort starke Frauen in der Überzahl. Nicht in jeder Kategorie kann sich diese Balance in jedem Jahr darstellen lassen, aber beim Gesamtblick auf die Branche konnten wir viele talentierte Macherinnen identifizieren und nominieren. Auch im TV-Journalismus kann sich das deutsche Fernsehen über starke Frauen freuen. Wie gesagt: Wir sind noch nicht am Ziel einer fairen Gender-Balance, aber auf dem Weg dorthin. Wir können es uns als Kreativbranche gar nicht leisten, nicht alle Talente zu sehen und zu würdigen. Dürfte ich zur Fiktion noch eine persönliche Anmerkung ergänzen?

Nur zu.

Die neuen Angebote der Streamingplattformen sind in der Wahrnehmung in den vergangenen Monaten etwas zu hoch bewertet worden. Wenn man sich dann die tatsächliche Nutzung anschaut, erzielen die neuen Wettbewerber, die ja keine offiziellen Zahlen veröffentlichen, auf nationaler Ebene maximal ein paar hunderttausend Zuschauer für ein Programmangebot. Die Leuchtturm-Programme der linearen Sender hingegen mit fünf bis zehn Millionen Zuschauern immer noch weite Teile der Gesellschaft. Gutes Fernsehen kann Themen und Debatten anstoßen, aber das natürlich umso wirkungsmächtiger je mehr Menschen es sehen. Und da spiegelt das Übermaß an Begeisterung für Streamingdienste nicht das wider, was das Publikum im Jahr 2018 sehen wollte.

Eine Beobachtung, die ich teile. Aber: Auch Jurys und Kritiker begeistern sich eher für das Besondere und Neue in der Nische. Auch ohne die neuen Wettbewerber wurden erfolgreiche Publikumslieblinge bei Ehrungen oft völlig ignoriert. Natürlich bedeutet Quote nicht gleich Qualität, aber mal provokant gesagt: „Der Bergdoktor“ erreicht zum Beispiel sieben Millionen Zuschauer und wird konsequent geächtet.

Da bin ich hundertprozentig Ihrer Auffassung. Wir müssen unseren Blick erweitern und auch bei etablierten Formaten immer noch einmal genau hinschauen, ob und wie sie sich entwickelt haben. Es führt zu einer Schieflage, wenn wir erfolgreiche starke Programmmarken mit langer Laufzeit ignorieren. Landläufig wird Innovation nur in der Schaffung von etwas Neuem gesehen. Ich halte dagegen. Es gibt drei Qualitäten von Innovation: Die Schaffung von Neuem, die gute Adaption von Vorlagen und die Weiterentwicklung von Bestehendem. Man ist nur über Jahre erfolgreich, wenn man eine Qualität liefert, die das Publikum immer wieder aufs Neue überzeugt. In der Unterhaltung hat sich dieses Jahr zum Beispiel nicht das große neue Format gezeigt, aber sehr erfolgreiche Formatpflege. Gerade im Wettbewerb mit neuen Anbietern sind die festen Verabredungen des Publikums mit ihren Lieblingsprogrammen der große Mehrwert der klassischen Fernsehsender. Es geht mir hier nicht um ein Entweder-Oder. Ich freue mich über neue Impulse und Disruption, aber auch Erwartbarkeit und Verlässlichkeit sind ein hohes Gut: Wenn das Publikum mit dem bedient wird, was es liebt. Für wen machen wir Programm, wenn nicht fürs Publikum?

"Mein Wunsch wäre, dass unsere Branche eine neue Wertschätzung für sich selbst kultiviert."
Wolf Bauer

Ich höre zum zweiten Mal raus: In der non-fiktionalen Unterhaltung würden Sie sich mehr Innovation im Sinne von neuen Ideen wünschen?

Es ist natürlich seit Jahren schon der Wunsch deutscher Kreativer, dass die Sender mehr Mut haben, neue originär, hier bei uns erdachte Ideen umzusetzen. Da tun sich britische oder niederländische Sender leichter mit Experimenten. In Deutschland haben wir das Phänomen, dass oft nur ein Proven-Success-Format in Betracht gezogen wird. Neue Ideen müssen schon ein Erfolgsversprechen aus dem Ausland im Gepäck haben. Natürlich würde ich mir wünschen, dass sich das ändert. Daran sollten wir als Branche auch arbeiten, aber ich bin zuversichtlich, dass der verstärkte Wettbewerb bei allen die Risikobereitschaft steigert. Niemand kann sich ausruhen, wenn der lange sehr konstant aufgeteilte Markt in Bewegung kommt.

In der Fiktion sind sehr viele Serien auch in den kreativen Gewerken nominiert. Das spiegelt die Fokussierung auf serielle Prestige-Projekte der letzten Zeit. Hat der deutsche Fernsehfilm noch eine Zukunft, wo jetzt alle von Serien schwärmen?

Das wäre die falsche Deutung. Nur weil wir einen enormen Aufholbedarf im seriellen horizontalen Erzählen hatten, weil das deutsche Fernsehen sehr lange, vor allem auf sogenannte Procedurals mit jeweils abgeschlossener Handlung pro Folge gesetzt hat, macht das ja den Fernsehfilm nicht weniger attraktiv. Im Gegenteil: Beim Einzelstück hat das deutsche Fernsehen im internationalen Vergleich eine Spitzenposition von herausragender Qualität und ich bin mir sicher, dass uns dieser Schatz erhalten bleibt. Übrigens boomt ja nicht nur das horizontale Erzählen von Serien, auch die Zahl der Film-Reihen hat sich enorm gesteigert. Das transportiert die Qualität des Einzelstücks auf neue Art und Weise und fördert auch das eben angesprochene Versprechen und eine - im positiven Sinne gemeinte - Erwartbarkeit dem Publikum gegenüber.

Hat der Juryvorsitzende des Deutschen Fernsehpreises Wünsche?

Einige. Ich appelliere an unsere Branche, auch untereinander mit größerem Herzen eine Wertschätzung für andere Genres und andere Qualitäten zu kultivieren. Die Begeisterung für gut gemachtes Fernsehen darf an einem Abend wie der Verleihung in Düsseldorf auch über das eigene Genre hinaus spürbar sein. Es ist schädlich für unsere kreative Gemeinde, wenn sich Unterhaltung, Information und Fiktion nicht gebührend schätzen. Mein Wunsch wäre, dass unsere Branche eine neue Wertschätzung für sich selbst kultiviert. Ich möchte mich zudem als Jury-Präsident dafür einsetzen, dass die Legitimation des Deutschen Fernsehpreises breiter gefasst wird.

Was meinen Sie damit?

Ich meine damit mehr Teilhaber, mehr Stifter - um das Wettbewerbsfeld der heutigen Zeit zu repräsentieren. Und ich denke schon, dass der Deutsche Fernsehpreis dann auch wieder zum großen öffentlichen Event werden sollte. Alles, was wir programmlich leisten, dient dem Publikum und die Zuschauer sollten auch wahrnehmen dürfen, wo herausragende Leistungen gewürdigt werden. Aber all das ist natürlich letztlich eine Entscheidung der Stifter.

Herr Bauer, herzlichen Dank für das Gespräch.

DWDL.de berichtet am Donnerstag ab 17:30 Uhr vom Roten Teppich sowie anschließend in einem Live-Ticker über die Gewinner des Deutschen Fernsehpreises.

Über den Autor

Thomas Lückerath ist Gründer und Chefredakteur des Medienmagazins DWDL.de. Hatte schon viereckige Augen, bevor es Bingewatching gab. Liebt Serien, das Formatgeschäft und das internationale TV-Business. Ist mehr unterwegs als am Schreibtisch.

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