Miguel Robitzky © Miguel Robitzky
5 Jahre Karikaturen bei DWDL.de

"Achillesfersen finden, nutzen und schauen was passiert"

 

Seit fünf Jahren gehören wöchentliche Karikaturen zur Vielfalt der Darstellungsformen von DWDL.de. Zum Jubiläum der Versuch eines ernsten Gesprächs mit Miguel Robitzky, der inzwischen alt genug wäre für Alkohol in den USA, aber trotzdem verzichtet.

von Thomas Lückerath
08.03.2019 - 08:43 Uhr

Miguel, Du warst 16 als Du Dich mit Deinen Karikaturen zum Thema Fernsehen bei uns beworben hast. Die junge Zielgruppe guckt doch kein Fernsehen mehr. Was ist schief gelaufen bei Dir?

Ja, wahrscheinlich alles. Ich bin ein sechzigjähriger Rentner gefangen im Körper eines sehr starken Drittklässlers. Mich interessiert das Fernsehen mindestens genauso sehr wie das Internet. Es gehört für mich sogar unzertrennbar zusammen. Wo am Ende des Tages Inhalte wahrgenommen werden, ist doch egal…

Karikaturisten arbeiten sich meist an Politik und Macht ab. Du ziehst die Fernsehmacher vor. Warum?

Das wird in erster Linie daran gelegen haben, dass das hier mein allererster Job war, weil ein gewisses Medienmagazin mir vor dem "Spiegel" zugesagt hat und somit das Thema wohl klar war… Und dann habe ich irgendwie vergessen aufzuhören. Tja, selber Schuld, "Spiegel"!



Aber Du bist politischer geworden…

Auf jeden Fall. Das liegt zum einen daran, dass mein politisches Bewusstsein mit 16 nicht so umfangreich war, dass ich es für eine gute Idee gehalten hätte, damit in die Öffentlichkeit zu gehen. Zum anderen hat sich in der Zwischenzeit natürlich auch das politische Klima geändert und mittlerweile kann ich mit der Reife eines Einundzwanzigjährigen auf Politisches blicken und versuche Euch immer mal wieder etwas davon unterzujubeln, ohne dass ihr es merkt. Wenn die Quoten des "Bergdoktor" doch nicht so spannend sind, wie es hier in der Redaktion manchmal den Anschein macht…

Wie würdest Du Deinen Humor beschreiben?

Die Antwort auf diese Frage würde ich eher Profis wie Ulf Poschardt überlassen.

Haben Medienmacher deiner Meinung nach Humor? Bei jetzt 250 Karikaturen hast Du Dich ja schon vielen Medienmachern gewidmet…

Das kann man so allgemein nicht beantworten, aber Ulf Poschardt hat für mich auf jeden Fall den besten Humor. Mit ihm ist das immer eine super Zusammenarbeit. Wenn man da was veröffentlicht, hilft er sehr dabei, die Arbeit unter die Leute zu bringen.

Wenn Du heute dem Miguel von damals einen Tipp geben könntest: Was wäre es?

Geh’ zu Quotenmeter.

(lacht) Gibt es Karikaturen aus den vergangenen fünf Jahren, die Dir hängen geblieben sind?

Ich kann mich eigentlich nur an die von letzter Woche erinnern… (lacht) Ansonsten wahrscheinlich die, die am meisten Reaktionen hervorgerufen hat. Zum Beispiel die über Gina-Lisa oder "Welt"-Kolumnisten. Dann gab es immer wieder auch Karikaturen, die an großen Themen aufgehangen waren, etwa als Stefan Raab seinen Abschied bekannt gegeben hat.

Da hattest du spontan eine Karikatur geschickt - keine 60 Minuten nachdem die Meldung kam, und das war um 22 Uhr abends.

Ja, wir publizieren ja rein online und da muss es eben manchmal schnell gehen. Wir haben übrigens auch schon sehr oft mit Karikaturen den Sterbeprozess mancher Sendungen begleitet, ist mir aufgefallen. Als ich angefangen habe, gab es "Wetten, dass..?" noch, gab es "Die Harald Schmidt Show" noch, gab es "TV Total" noch, gab es "Circus Halligalli" und "Domian" noch. Ich muss mich da auch selbst hinterfragen, ob mich eine Mitschuld trifft. Hier könnt ihr dann noch "lacht" in Klammern dahinter schreiben, dann wirkt das sympathischer… (lacht)

ProSieben ohne Raab

Kann man eigentlich sagen: Je böser desto einfacher?

Nein, es geht gar nicht darum, nur draufzuhauen. Ich suche eher Schwachstellen, also die Achillesfersen. Die zu finden, zu nutzen und zu schauen was passiert. 

Gibt es Karikaturen bei denen Dich die Reaktionen überrascht haben?

Es ist eher so, dass ich manchmal überzeugt davon bin, dass eine Karikatur unfassbar gut gelungen ist und dann gibt es so gar keine Reaktionen. Da ist mein Ego natürlich unfassbar gekränkt, wenn man immer wieder Twitter checkt und nichts passiert.

Tja, wer nur bei Twitter guckt. Wenn Du wüsstest, was bei Facebook los ist! Aber da bist Du ja nicht…

Jaja, Facebook… das Medium der alten Leute.

Die meisten Reaktionen gab es gar nicht auf eine Karikatur sondern einen Text. Das war deine Abrechnung mit Bento.de

Das war für mich schon ein wichtiger Text, aber ob der jetzt außerhalb der Bubble so erfolgreich war kann ich gar nicht beurteilen. Es hatte jetzt ja keine Julia Engelmann-artige Auswirkungen, aber hat mir auf jeden Fall ein paar Job-Angebote eingebracht. Mittlerweile arbeite ich auch als Autor für Late-Night-Shows. Und wenn es mit der Comedy eines Tages nicht mehr klappen sollte, kann ich immer noch für Luke Mockridge arbeiten.

Woran würdest Du heute Karikaturen aus deinen Anfängen erkennen? Hat sich der Stil verändert?

Ich hab damals einfach angefangen. Mit 16 überlegt man nicht lange, was für einen Stil man hat. Das entwickelt sich dann so, aber ich würde schon sagen, ich bin sehr amerikanisch geprägt. Da spielen die Muppets, "Simpsons", "Family Guy" und "Peanuts" rein, die ich als Kind und Frühpubertierender gerne gesehen habe. Erst viel später habe ich dann die deutschen Karikaturisten der neuen Frankfurter Schule und "Titanic" entdeckt. Da klaut man sich natürlich Ansätze und setzt das dann auf eigene Art zusammen. Der größte Unterschied liegt am Anfang immer in der Frage, ob ich einen beliebigen No-Name zeichne oder eine Karikatur einer bekannten Persönlichkeit, die natürlich mehr Arbeit macht.

Lässt sich jeder Mensch karikieren?

Ich glaube schon. Jeder hat in seinem Gesicht irgendetwas, was extrem hässlich ist. Das klappt schon.

Du zeichnest ja völlig frei, wir geben keine Themen vor. Macht es das einfacher oder schwerer Woche für Woche, inzwischen mehr als 250 Mal, einen Ansatz zu finden?

Ich finde es besser, weil ich so auf jeden Fall weniger Karikaturen zum Bergdoktor zeichnen muss und einfach schauen kann, was mich gerade interessiert - natürlich mit Blick auf die medialen Themen der Woche. Daher genieße ich das sehr, frei wählen zu können. Das geht leichter von der Hand als eine Auftragsarbeit.

Du hast es aber mit dem Bergdoktor…

Nichts beschäftigt mich so sehr wie die warmen Augen von Hans Sigl! Vielleicht sollte ich für die Leute bei Facebook doch mal was über ihn machen. Habe neulich sogar tatsächlich mit meiner Oma den "Bergdoktor" geschaut. Da hat der zwei verheiratete Leute fremd verkuppelt und romantisch auf eine Skihütte geschickt. Da sagt meine Oma todernst den grandiosen Satz: "Das hätte ich vom Bergdoktor nicht erwartet!" Meine Oma ist allerdings nicht bei Facebook.

Stichwort Generationen: Du zeichnest über die Medienbranche, nicht die große Politik. Du machst das auch nicht gedruckt in der Tageszeitung, sondern online. Und Du bist 21. Ganz schöner Außenseiter, scheint mir…

Beim Deutschen Karikaturpreis im letzten November hatte ein Großteil der Teilnehmer den Kalten Krieg miterlebt. Und außer mir gab es dort auch niemanden, der explizit fürs Internet zeichnet. Das gipfelte dann sogar im Vorwurf, ich sei als junge Mensch ja daran Schuld, dass der Berufsstand kaputt geht, weil die Zeitungen aussterben. Naja, muss jeder selber wissen. Ich verdiene mein Geld eben durchaus auch im Internet. Ich mein, ich bin Jahrgang '97. Für mich war das Internet immer schon da und keine Erscheinung. Meine ganze Pubertät habe ich einsam vor YouTube und 9gag verbracht.

Und das Netz hat doch sicher auch den Reiz, dass man mehr und unmittelbare Reaktionen bekommt.

Ja, positive wie negative. Aber ich reagiere auf Kritik wie ich auf alles reagiere: mit Masturbation. (lacht) Ich finde es aber auch wirklich interessant, wenn die Betroffenen Personen sich direkt dazu äußern können. Jedenfalls haben wir jetzt schon ein paar Karikaturen auf dem Buckel…

Fünf Jahre schon, man könnte auch sagen: ein halbes Jahrzehnt!

Oh Gott, jetzt fühle ich mich alt.

Miguel, danke Dir fürs Gespräch.

Über den Autor

Thomas Lückerath ist Gründer und Chefredakteur des Medienmagazins DWDL.de. Hatte schon viereckige Augen, bevor es Bingewatching gab. Liebt Serien, das Formatgeschäft und das internationale TV-Business. Ist mehr unterwegs als am Schreibtisch.

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