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DWDL.de-Interview

Ralf Husmann: "Bei Comedy kann man weniger bescheißen"

 

"Merz gegen Merz" ist die neue Serie von Ralf Husmann - und wie einst bei "Stromberg", arbeitet der Autor auch diesmal wieder mit Christoph Maria Herbst zusammen. Ein Gespräch über deutsche Comedy, frustrierende Momente und Respekt für Autoren.

von Alexander Krei , Köln
16.04.2019 - 14:51 Uhr

Herr Husmann, wenn sich zwei Menschen, die sich einst geliebt haben, plötzlich streiten und trennen wollen, dann ist das doch eigentlich kein Stoff für Comedy, oder?

Ich versuche immer etwas zu finden, das gleichermaßen dramatisch, emotional und lustig ist. Solche Trennungssituationen bieten genau das. Alles, was eskaliert, hat auch das Potenzial, lustig zu sein. Dass selbst im Streit witzige Momente entstehen können, kennen wir doch alle. Wenn plötzlich irgendein Gegenstand fliegt, und dir auffällt, dass die Frau wirft wie 'n Mädchen oder man sich gerade anschreit, dabei aber ein lustiges Simpsons-T-Shirt trägt, es gibt immer diesen einen Augenblick, in dem du dir denkst, wie das auf eine absurde Art auch irgendwie witzig ist. Bei "Merz gegen Merz" haben wir versucht, das Thema gleichermaßen lustig und ernst anzugehen.

In der Serie geht es auch um Demenz. Hat Ihnen ein ernstes Thema nicht gereicht?

Da verhält es sich ganz ähnlich. Es sind komische Momente, wenn der Schwiegervater seine Schuhe falsch herum anzieht und sich dann fragt, warum sie eigentlich so eng geworden sind. In meinem privaten Umfeld habe ich genau so etwas schon erlebt. Ich finde das komisch, aber gleichzeitig natürlich auch wahnsinnig dramatisch und traurig.

Wann kam die Idee, die Handlung um die Demenzerkrankung zu ergänzen?

Ich brauchte vor allem etwas für die dramaturgische Notwendigkeit, warum Christoph Maria Herbsts Figur auch weiter in der Firma seines Schwiegervaters arbeiten muss. Deswegen haben wir auch eine Firma benutzt, die so speziell ist, dass man ihn nicht einfach auf die Straße setzen kann. So ist die Idee mit der Demenz entstanden.

Gleich in der Auftaktfolge ist von all diesen Themen etwas drin, dabei ist nach kaum mehr als 20 Minuten schon wieder Schluss. Hatten Sie nicht die Sorge, zu viel zu wollen?

Die erste Folge ist eine Expositionsfolge – und sie ist in meinen Augen die schwächste der Serie. Wie so oft muss in der ersten Folge erst einmal erklärt werden, wer die ganzen Figuren sind und wie das Set funktioniert. Daher bin ich über die Programmierung in Doppelfolgen sehr dankbar. Das hilft dem Zuschauer, in die Handlung zu kommen.

Sie haben einmal erzählt, dass es Sie leichter schreiben können, wenn Sie wissen, wer Ihre Figuren spielt. Ab welchem Moment wussten Sie, dass Christoph Maria Herbst und Annette Frier die Hauptfiguren spielen?

Das war schnell klar. Wir haben ausgemacht, dass wir etwas zusammen machen wollen, weshalb sie die ersten waren, denen ich das Konzept gezeigt habe. Die beiden waren dann gesetzt. Es hilft natürlich wahnsinnig, wenn ich dann auch noch weiß, wer die restlichen Figuren spielt. Deshalb bringe ich den Casting-Prozess immer sehr schnell ins Rollen, um ein Gefühl dafür zu bekommen, wie die Schauspieler sprechen. Dann verändern sich die Figuren natürlich auch nochmal, wenn ich weiß, wo die Stärken des Schauspielers liegen und welche Art Charakter ihm am besten stehen würde.

Die eigentliche Herausforderung besteht dann vermutlich darin, Christoph Maria Herbst diesmal nicht wie Stromberg klingen zu lassen?

Natürlich ist das eine Herausforderung. Aber genau so lautete die Verabredung mit Christoph. Wir wollten Bernd nicht zurückholen und ihn Eric nennen, sondern etwas Neues erfinden. Es war absolut unser Bestreben, so weit wie möglich von "Stromberg" wegzukommen.

Eine zweite Staffel wurde vom ZDF bereits bestellt. Wie sehr haben Sie eine mögliche Fortsetzung bereits im Kopf, wenn Sie die Geschichten schreiben?

Die Frage, ob es weitergeht oder nicht, habe ich nicht so sehr im Kopf. Die Geschichte hätte nach der ersten Staffel ebenso fortgesetzt wie beendet werden können. Ich wollte es nicht wie beim Staffelfinale von "Lost" machen, wo man sich verwundert fragte, was hier denn los ist. Stattdessen war es mein Bestreben, dass es für den Zuschauer auch Sinn und Spaß macht, lediglich die erste Staffel zu schauen. Die Situation, zu wissen, dass es weitergeht, ist ohnehin eine Luxussituation. Insofern ist es eine ganz klassische Hausaufgabe gewesen, das Ende so zu gestalten, dass es in jede Richtung gehen kann.

So haben derzeit viel zu tun, sind neben "Merz gegen Merz" an gleich zwei Serien für den Streamingdienst 7TV beteiligt. Gute Zeiten für Kreative also?

Momentan herrscht eine regelrechte Goldgräberstimmung, weil es so viele Anbieter gibt, die etwas Neues auf den Markt bringen wollen. Das führt dazu, dass in beinahe allen Gewerken händeringend nach Leuten gesucht wird. Der Markt ist so groß geworden, dass auch gewagtere Konstellationen möglich werden. Eine solche Stimmungslage habe ich zuletzt in den 90ern erlebt.

Wenn so viel möglich ist – gibt es trotzdem etwas, das Sie heute im Fernsehen vermissen?

Eine tägliche Late-Night gibt es heute nicht mehr, seit Harald Schmidt und Stefan Raab aufgehört haben. Deutschland ist aber leider auch nicht das Land, in dem die Menschen traurig darüber sind. Wir sind eben kein lustiges oder humorbegabtes Land. Die Versuche, ein solches Format zu etablieren, sind schon oft gescheitert, weil hier nicht diese Selbstverständlichkeit herrscht wie in Amerika. Das muss man einfach akzeptieren, auch wenn ich es Jan Böhmermann gönnen würde, eine tägliche Show beim ZDF zu bekommen.

"Wir sind eben kein humorbegabtes Land."
Ralf Husmann

Wie lebt es sich als Autor, der vor allem für Humor bekannt ist, in einem Land, das nicht so wirklich lustig ist?

Sicher ist auch "Merz gegen Merz" kein Format, auf das die deutschen Zuschauer gewartet haben, weil gesellschaftliche Themen hierzulande vor allem über den Krimi verhandelt werden und nicht über Comedy. Für mich ist es aber eine dankbare Konstellation, dass ich einer der wenigen Menschen bin, die in diesem Bereich arbeiten. Ich habe irgendwann vor 30 Jahren damit angefangen – damals noch bei Magazinen wie "Schreinemakers" und "Stern TV" - und schon damals gab es viele Kollegen für die journalistischen Themen, aber niemanden, der lustig wollte. Das hat sich bis heute nicht groß verändert. Dass ich in meinem hohen Alter immer noch so oft angefragt werde, zeigt doch, dass in der Generation hinter mir eine große Lücke klafft.

Tun Sie etwas, um diese Lücke zu schließen?

Ich versuche neue Leute zu finden, die Lust haben, Comedy zu schreiben. Das ist gar nicht so einfach, weil das in Deutschland zehn Jahre kein Thema war. So etwas schreibt sich nunmal ganz anders als ein 90-Minüter. Bei den ersten zehn bis 15 Büchern fragt sich jeder, was er da überhaupt macht.

Man müsste also den Nachwuchs also mal in ein Zimmer schließen und schreiben lassen?

Man muss den Leuten vor allem die Chance geben, sich ohne allzu großen Druck an solche Bücher heranzuwagen.

Wie kann man denn lernen, lustig zu schreiben?

Man lernt das am besten, indem man einfach loslegt. Ich habe jetzt gut 150 von diesen Büchern geschrieben und renne trotzdem in jedem Format ein paar Mal gegen die Wand. Bei Comedy kann man einfach weniger bescheißen. Das Scheitern ist bei solchen Formaten deswegen auch offensichtlicher als bei einem Krimi.

Was machen Sie persönlich, wenn Sie gegen solch eine Wand laufen?

Das sind die frustrierendsten Momente beim Schreiben. Erst neulich ist es mir passiert, dass ich drei Tage lang nicht weiter wusste. Im Laufe der Jahre habe ich allerdings gelernt, dass man es nicht erzwingen kann. Man muss es loslassen, sich mit etwas anderem beschäftigen und in den meisten Fällen wird es dann besser.

Sie haben in der Vergangenheit mehrere "Tatorte" gemacht. War das ein anderes Arbeiten?

Auch beim "Tatort" habe ich versucht den Humor mit reinzubringen, weil ich dadurch das Format brechen wollen. Das ist mir aber nicht so wahnsinnig gut gelungen. In 90 Minuten ist so etwas einfach schwieriger und komplexer abzuhandeln als in einem Halbstunden-Format. Während ich mich bei "Merz gegen Merz" neu erfinden konnte, musste ich mich beim "Tatort" einem 40 Jahre alten Format unterordnen. Da stellt man fest, dass die Mechanismen komplett anders funktionieren. Meine "Tatort"-Experimente waren deshalb interessant und lehrreich, aber für mich nicht sonderlich erfolgreich.

Im vergangenen Jahr wurde in der Branche breit über "Kontrakt 18" diskutiert. Wird Autoren in Ihren Augen genug Respekt für ihre Arbeit gezollt?

Viele Sachen, die bei Kontrakt 18 gefordert werden, verstehe ich absolut. Ich komme von der amerikanischen Denke her, in der Autoren gleichzeitig auch meistens Showrunner ihrer Produktion sind. Daher bin auch ich der Meinung, dass Autoren in Deutschland viel stärker eingebunden werden müssen. Auf der anderen Seite muss es aber auch die Autoren geben, die darauf Lust haben. Es geht dann ja nämlich auch um trockene Budget-Fragen. Man muss als Autor plötzlich halbwegs kompetent auch mit dem Kostüm sprechen, mit der Maske oder allen anderen Gewerken. Das kann man nicht von heute auf morgen.

Warum ist das in Amerika derart anders?

Die Autoren schreiben dort oft vor Ort, sie können sich schnellstens mit den Darstellern besprechen und sind generell viel näher an allem dran. Bei uns ist die Arbeit wesentlich separierter. Da wird das Buch geschrieben, dann passiert lange nichts, dann wird mal irgendwo ohne Anwesenheit der Autoren geprobt. Die Produktionsfirma sieht oft nicht die Notwendigkeit, jemanden beispielsweise von Mainz nach Berlin einfliegen zu lassen, damit der sich anschauen kann, wie sein Geschriebenes umgesetzt wird. In Amerika gibt es exakt zwei Orte, an denen alles passiert: New York und Los Angeles. Alle, die kreativ arbeiten, sitzen da. Hier ist das nicht so. Und niemand will diese Kosten tragen. Das ist schlicht im Budget nicht vorgesehen.

Hier wie dort gibt es allerdings den Quoten-Druck. Lassen Sie sich von schlechten Quoten frustrieren?

Bei der "Harald Schmidt Show" haben wir an keinem einzigen Tag die im Vertrag festgeschriebene Quote erfüllt. Dass es trotzdem weiterging, hat mich darin bestärkt, nicht zu sehr an die Quote zu denken. Ich bin immer froh, wenn die Quote reicht, um weitermachen zu können.

Herr Husmann, vielen Dank für das Gespräch.

Das ZDF zeigt "Merz gegen Merz" am Osterwochenende, die ersten beiden Folgen laufen am Donnerstag ab 22:15 Uhr. Alle Folgen stehen zudem in der Mediathek bereit.

Über den Autor

Alexander Krei ist seit 2009 Redakteur beim Medienmagazin DWDL.de. Liebt die große Fernsehshow ebenso wie das kleine Kammerspiel. Analysiert neue Formate und die Quoten am Morgen danach. Sport mag er am liebsten, wenn er in der Glotze läuft.

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