Neil Gaiman © Ståle Gru by CC 2.0
DWDL.de-Interview

Neil Gaiman zu "Good Omens": "Es sollte stets Terry gefallen"

 

Mit der Veröffentlichung der BBC/Amazon-Serie "Good Omens" schließt sich für Showrunner Neil Gaiman ein Kreis, der vor knapp 30 Jahren mit seinem Freund Terry Pratchett begonnen wurde. Im Gespräch erzählt er von der Serie, die er alleine zu Ende bringen musste.

von Kevin Hennings
03.06.2019 - 08:17 Uhr

"Good Omens" dürfte Ihr emotionalstes Projekt gewesen sein, Mr. Gaiman.

Stellen Sie sich vor, ihr bester Freund bittet Sie an seinem Sterbebett um eine letzte Sache. Er wollte unser Buch verfilmt sehen und für mich war in diesem Moment klar, dass ich dies möglich machen werde.

Wie kam es überhaupt dazu, dass Sie dieses Buch zusammen geschrieben haben?

Ein paar Jahre, nachdem ich Terry (Pratchett, Anm. d. Red.) kennengelernt habe, schickte ich ihm Ende der 80er-Jahre ein paar Seiten meiner neuen Romanidee "William the Antichrist". Es waren nicht mehr als 5000 Worte und ich brauchte Feedback, da ich erst kurz vorher gemerkt habe, welcher Schreibstil mir wirklich liegt – klassischer britischer Humor. Da ich wusste, dass Terry den gleichen Humor teilt, war es schnell klar, dass ich seine Meinung hören wollte. Tatsächlich hat er mich aber erst ein knappes Jahr später angerufen und mich gefragt, wie ich mit dem Buch vorankomme.



Und wie weit waren Sie zu dem Zeitpunkt?

Nicht viel weiter. Er hat mich deswegen gefragt, ob ich ihm die Idee nicht verkaufen möchte, oder ob wir es zusammen schreiben sollen.

Wieso haben Sie nicht verkauft?

Zu diesem Zeitpunkt war Terry bereits ein begnadeter Autor, der mitten in seiner "Scheibenwelt" steckte. Ich musste nicht lange überlegen, um zu wissen, dass ich mit diesem Genie, der schnell mein Freund wurde, zusammen schreiben wollte. Er hat sich also meiner 5000 Worte angenommen, sie seinem Stil angepasst und schließlich die ersten 10.000 Worte draus gemacht. Er sagte mir genau, was er an meinem Stil witzig fand und verschärfte vieles. Zusammen schrieben wir die erste Fassung des Buches in knapp neun Wochen. Es waren neun Wochen vollgepackt mit herrlichen Telefonaten, in denen wir uns gegenseitig vorgelesen haben, was wir in den letzten Tagen schrieben. Es war stets unser Ziel, den anderen zum Lachen zu bringen und vor allem: besser zum Lachen zu bringen, als es der andere tut.

"Good Omens" hat dementsprechend viel britischen Humor abbekommen. Sie haben, kurz nachdem Terry Pratchett verstorben war, mit dem Schreiben des Drehbuches begonnen. Wie kann man sich in solch einer Situation seinen Witz beibehalten?

Tatsächlich hat zu diesem Zeitpunkt kaum etwas in meinem Leben witzig gewirkt. Doch ich konnte nicht anders. Es war von da an wie eine Lebensaufgabe. Ich hätte das Projekt auch an jemand anderen abgeben und Terrys Wunsch so dennoch erfüllen können. Ich habe sogar andere von mir geschätzte Autoren gefragt, was sie von der Idee halten – aber sie alle winkten mir ab. Wie ich es schlussendlich geschafft habe, kann ich aber nicht wirklich sagen. Es hat sehr geholfen, dass ich mich immer wieder an all die lustigen Momente mit Terry erinnert habe. Trotzdem ist die Erfahrung, das Drehbuch alleine zu schreiben, absolut keine schöne gewesen. Ich konnte mir mit niemandem Bälle zuwerfen, konnte mir nicht das direkte Feedback holen, wie einst mit Terry. Es blieben auch die Momente der Genugtuung aus, in denen man etwas gutes schrieb und er mir Wertschätzung zeigte.

Schließlich haben Sie dann aber trotzdem noch den Showrunner-Posten angenommen.

Ich wollte dann nichts mehr dem Zufall überlassen. Nachdem ich das Drehbuch fertig gestellt habe, hatte ich exakte Vorstellungen davon, wie die fertige Serie aussehen soll. Ich hätte mich für immer geärgert, wäre auch nur ein Detail anderes geworden.

Ich kann mir bereits denken, wie Sie antworten, aber: Sind Sie jetzt, nachdem alles abgeschlossen ist, zufrieden mit "Good Omens"?

Von der ersten Drehbuchzeile bis hin zur letzten Serienszene gab es stets einen Gedanken, der meine Entscheidungen bestimmte: Würde es Terry gefallen? Wer also das Buch ebenso liebt wie ich es tue, wird hier die gleiche Freude erleben. Für alle anderen kann es eine interessante Reise werden. Das ist aber nunmal so, wenn man eine Serie dreht, die einem in erster Linie selbst gefallen soll und nicht der breiten Masse.

Faszinierend ist auch, wie aktuell "Good Omens" daherkommt – und das, obwohl das Buch vor knapp 30 Jahren erschien.

Ähnlich wie bei "American Gods" spielt uns die derzeitige politische Lage in gewisser Weise in die Hände. Nicht, dass es mich unfassbar freut, dass es so ist. So kann ich mit diesen Serien neben der Unterhaltung aber auch dafür sorgen, dass die Zuschauer für dieses wichtige Thema sensibilisiert werden. Die übernatürlichen Details der Geschichte sorgen außerdem dafür, dass die satirischen Facetten in mehreren Farben leuchten können. So sind es in "Good Omens" beispielsweise Engel und Dämonen, die es überflüssig machen, direkten Bezug auf Republikaner und Demokraten zu nehmen. Im Allgemeinen hätte ich derzeit aber lieber eine viel langweiligere Welt, in der eine richtige Apokalypse nicht so wahrscheinlich wäre, weil wir so viele Menschen in Machtpositionen haben, die verrückt zu sein scheinen.

Die Reise von Ihnen und Mr. Pratchett begann 1989, als Sie die erste Fassung des Romans fertig stellten. Was hätten Sie sich damals nicht zu träumen gewagt, was Sie heute mit der Geschichte geschafft haben?

Ich hätte kaum gedacht, dass unsere Erzählung so wunderschön auf Film gebrannt werden kann. CGI und Effekthascherei wird viel und oft ins Kreuzfeuer genommen. Manchmal zurecht, manchmal weniger. Bei "Good Omens" habe ich jedoch gemerkt, wie absurd fortschrittlich unsere Technik heutzutage schon ist und was zwei Powerhäuser wie die BBC und Amazon auf die Beine stellen können. Unsere Post-Produktion hat schlussendlich über elf Monate gedauert, weil wir jedes noch so kleine Detail perfekt gestalten wollten. Wir saßen teilweise bereits um 6 Uhr morgens im Studio und kamen erst um 22 Uhr oder später wieder heraus. Es war eine Leidenschaftsarbeit, die dank moderner Technik überhaupt erst möglich war.

Wenn etwas auf Perfektion getrimmt wird, passiert es auch gerne mal, dass am Ende gar nichts mehr stimmt.

Das stimmt sehr wohl. Doch dieses Projekt war stets auf genau das getrimmt, was sich seit langer Zeit in meinem Kopf ansammelte. Es waren all die Ideen und Wünsche, die ich bereits vor Jahren mit Terry besprochen habe und nun fertiggestellte Bilder, die das Buch von seiner allerbesten Seite zeigen. Es lag ein unfassbarer Druck auf mir, den ich mir vor allem selbst aufhalste, doch jetzt, wo wir am Ende der Reise angekommen sind, kann ich sagen: Es hätte nicht besser enden können und es fühlt sich verdammt gut an.

Vielen Dank für das Gespräch, Mr. Gaiman.


Über den Autor

Der Gerade-noch-Volo-nun-Jung-Redakteur Kevin Hennings ist seit 2016 bei DWDL.de. Neben seiner Liebe zur Serienwelt, die er oft in Form von Kritiken und Kommentaren zeigt, hegt er eine intensive Leidenschaft für Stand-Up-Comedy und Podcasts.

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