Good Omens © Amazon
DWDL.de-Kritik zur neuen Prime Video-Produktion

"Good Omens": Die vielleicht köstlichste Serie des Jahres

 

Egal wie lang Ihre Liste, der noch zu schauenden Serien schon ist: "Good Omens" hat Vorrang. Die sechsteilige Serie basierend auf dem Buch von Terry Pratchett und Neil Gaiman ist Britishness at its best und ein großer Spaß, nicht nur für Genre-Fans. Eine Serienempfehlung.

von Thomas Lückerath
02.06.2019 - 13:40 Uhr

Sie brauchen kein schlechtes Gewissen haben. Entgegen der leidenschaftlichen Argumentation von überzeugten Genre-Fans muss man das Buch „Good Omens“ (in Deutschland „Ein gutes Omen“) nicht kennen und Co-Autor Neil Gaiman kann man eventuell durch die (bei uns) ebenfalls bei Prime Video erschienene Serie „American Gods“ kennen - oder auch nicht. Diese Serienkritik schreibt ein Serienjunkie, der sich noch nie zuvor mit Gaimans Arbeit befasst hat - und zum Fan wurde.



In "Good Omens" naht das Ende der Welt. Am nächsten Samstag, kurz nach der Teatime, ist alles vorbei, weil eine Hexe im 17. Jahrhundert in ihrem Buch "The Nice and Accurate Prophecies of Agnes Nutter" so vorhergesagt hat und bisher leider viel zu oft richtig lag. Herzlich Willkommen in einer fantastischen Satire, die biblische Prophezeiungen und jene von Nostradamus mixt. Das 1990 erschienene Buch von Terry Pratchett und Neil Gaiman ist die schönste sicher aber absurdeste Geschichte des nahenden Weltuntergangs.

Denn um die Apokalypse noch zu stoppen, müssen der pingelige Engel Erziraphael (Michael Sheen) und der lässige Dämon Crowley (David Tennant), die das Leben auf der Erde seit Anbeginn der Zeit doch irgendwie liebgewonnen haben, eine Allianz bilden, von der ihre jeweiligen Konzernzentralen im Himmel und Hölle besser nichts wissen sollten. Ärgerlicherweise haben sie den Antichristen - einen 11-jährigen Jungen - verloren, den sie zur Rettung der Welt eigentlich im Blick behalten wollen, weil übereifrige Nonnen ihn bei der Geburt vertauscht haben. Die Reiter der Apokalypse - in der Serie nochmals modernisiert interpretiert - machen sich bereits auf den Weg. Den Statthaltern von Gut und Böse auf Erden bleibt nicht mehr viel Zeit bis zur Teatime am Samstag.

Der Reiz der Serie liegt in der wunderbaren Balance zwischen Fantasie und Realität, letztere übrigens angepasst auf die heutige Zeit. Das Buch, auf dem die Serie basiert, ist schließlich schon vor dreißig Jahren erschienen. Es ist aber erst die überquellende Britishness, die den Charme der von Douglas MacKinnon inszenierten sechsteiligen Serie ausmacht. Um in der Amazon-eigenen Sprache zu bleiben: Fans von Monty Python sowie „Per Anhalter durch die Galaxis“ gefiel auch „Good Omens“.

Zugegeben, liebe Fans der Buchvorlage, ich kann keinen Vergleich ziehen. Die Verfilmung einer Geschichte in der so viel Fantastisches die Fantasie anregt, birgt immer das Risiko die jahrelangen Vorstellungen in der Köpfe der Fans zu enttäuschen, die das Buch aus ihrer Jugend kennen. Neil Gailman beruhigt die Fans. In London sagt er im Gespräch mit DWDL.de: „Visuell zu arbeiten unterscheidet sich natürlich vom Schreiben eines Buches, aber ich habe immer schon Comics gezeichnet. Das trainiert den Zwang, der Vorstellung eines Charakters eine Form zu geben, sehr gut.“

Vielleicht also überwiegt auch die Freude der Buch-Fans, die komplexe Geschichte angemessen verfilmt zu sehen, denn die sechsteilige Produktion ist für sich genommen das vielleicht köstlichste Serienwerk dieses Jahres. Und es ist kurz. Sechs Folgen sind es geworden, die jetzt zuerst bei Prime Video erschienen sind - und im Heimatmarkt Großbritannien später bei BBC Two zu sehen sein werden. „Wir alle haben doch schon eine viel zu lange Liste an Serien, die wir noch gucken wollen. Wir denken deshalb serviceorientiert und haben eine sechsteilige Miniserie produziert. Gern geschehen“, scherzt David Tennant im Gespräch vor der Weltpremiere.

Good Omens

Ein bisschen ernsthafter fährt er fort: „Wir können aber froh sein, dass ‚Good Omens‘ kein Kinofilm geworden ist. In 120 Minuten wäre es wohl ein Fantasy-Blockbuster geworden. Dabei wäre viel auf der Strecke geblieben.“ Schon seit mehr als 15 Jahren gab es immer wieder Ansätze der Verfilmung, die alle scheiterten. Angesichts der jetzt vorliegenden Serienfassung kann man dankbar sein, wenn es auch tragisch ist, dass Co-Autor Terry Pratchett die Verfilmung seines Buches nicht mehr miterleben kann. Er starb 2015. Sein Werk inklusive Humor überlebt ihn.

„Schon damals als ich das Buch gelesen habe, hat mir eins besonders gut gefallen“, verrät Jon Hamm vor der Serien-Premiere vergangenen Woche im Gespräch mit DWDL.de. Er spielt Erzengel Gabriel, den Vorgesetzten von Engel Erziraphael (Michael Sheen). „Terry Pratchett und Neil Gaiman haben nicht versucht, sich dem Publikum anzubiedern. Entweder Du verstehst einen Gag oder eine Referenz, oder eben nicht. Und die Freude, wenn man etwas gerafft hat - ein tolles Gefühl. Und das Gefühl ist erhalten geblieben.“

Tatsächlich strotzt die Miniserie vor Referenzen und Gags, viele davon modernisiert - inklusive Seitenhieb auf Amazon Prime Video. Einige jedoch bleiben, wie mir Fans des Buchs am Tag der Weltpremiere in London versichern, der Vorlage treu. Worum es im großen Ganzen geht, fasst Michael Sheen gut zusammen: „Seit Anbeginn der Zeit werden Gut und Böse in jeglichen Schilderungen als sich abstoßende Pole dargestellt. ‚Good Omens‘ lehrt uns zwei Dinge: Gut und Böse liegen oft näher beisammen als man denkt. Und der Weltuntergang kann so viel Spaß machen!“

Wer britische Serien mag, offen ist für ein bisschen Fantasie und nach einem kompakten, aber anspruchsvollen Serienstoff für ein Wochenende sucht, bekommt mit „Good Omens“ einen hochkarätig besetzten Volltreffer mit einer begeisternden Spielfreude, den Prime Video dringend brauchte.

Über den Autor

Thomas Lückerath ist Gründer und Chefredakteur des Medienmagazins DWDL.de. Hatte schon viereckige Augen, bevor es Bingewatching gab. Liebt Serien, das Formatgeschäft und das internationale TV-Business. Ist mehr unterwegs als am Schreibtisch.

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