Christiane Ruff © Stefan Gregorowiu
Interview mit ITV Studios Germany-Chefin

Ruff: "Die Verantwortung endet nicht mit der Ausstrahlung"

 

Zum 20. Geburtstag von ITV Studios Germany (Ex-Granada) will Geschäftsführerin Christiane Ruff künftig mehr Fiction wagen, dankt Instagram für Castinghilfe bei Reality-TV und wird ernst, wenn es um Suizide von "Love Island"-Teilnehmern in UK geht.

von Thomas Lückerath
03.07.2019 - 15:15 Uhr

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Frau Ruff, zum 20. Geburtstag von ITV Studios Germany die Frage: Was würde dem deutschen Fernsehen ohne diese Firma fehlen?

Ich persönlich kann eigentlich nur sprechen für die vergangenen fünf Jahre, in denen ich hier arbeite. Mein Einstieg war zum Sommerfest 2014 zum 15-jährigen Jubiläum. Aber gut, ich sage mal keck wie Ihre schmissige Einstiegsfrage: Viel gute Unterhaltung, tolles Reality-Fernsehen und Verlässlichkeit in der Daytime. Es würde auch eine sehr gut gelaunte Firma mit wahnsinnig vielen tollen Menschen fehlen. Aktuell sind wir rund 220 Kolleginnen und Kollegen. Und, natürlich, ohne uns würde dem deutschen Fernsehen die Nr.1-Sendung in der Zielgruppe, „Ich bin ein Star - Holt mich hier raus“ fehlen oder Dauerbrenner wie „Das perfekte Dinner“, das gerade in der 21. Staffel läuft. Oder neue Formate wie „Love Island“. Und auch Totgesagte leben länger: Als ich anfing, war „Quizduell“ gerade das große Sorgenkind, weil die Technik nicht klappte. Das „Quizduell“ ist immer noch da. Und ich auch. (lacht)



Gut, haben wir den Werbeblock doch gleich hinter uns gebracht. Alle Formate, die Sie gerade aufgezählt haben, sind non-fiktional. Spielt Fiktionales für ITV Studios Germany noch eine Rolle?

Die Fiction zu stärken, ist schon länger ein Schwerpunkt unserer Arbeit, weil wir hier anfangs von dem viel besagten Fiction-Boom gar nicht profitiert haben. Aber jetzt läufts. Wir hatten mit „Scheidung für Anfänger“ Anfang des Jahres einen erfolgreichen Film für ARD/Degeto. Wir planen aktuell einen weiteren Film mit den Beiden. Für Sat.1 produzieren wir die vergangene Woche bei den Screenforce Days angekündigte Comedy-Serie „Think Big (AT)“ mit zunächst einmal zehn Episoden. Und wir entwickeln gerade eine Serie für TVNOW, das wäre unsere erste Plattformserie. Über diese Mini-Serie kann ich aber noch nicht mehr verraten als dass es fabelhaft und ganz besonders werden wird. Darüber hinaus sind wir aktiver denn je bei allen Pitches dabei. Sie merken, das Augenmerk liegt aktuell auf jeden Fall auch auf der Fiction, weil wir hier am meisten aufzuholen haben.

Ist die Fiction für die Tochterfirma eines britischen bzw. international agierenden Produktionshauses auch eine Möglichkeit, mehr originär deutsche Produktionen umzusetzen?

Ja, auch wenn es in der Fiction mittlerweile ja immer mehr Adaptionen gibt. Die Entwicklung finde ich aber persönlich sehr schwierig. Es kann gelingen, siehe „Club der roten Bänder“, es kann auch enttäuschen - siehe „Milk and Honey“ oder geht komplett schief und da spreche ich aus leidvoller Erfahrung meiner frühesten Jahre in dieser Branche, als wir in den 1990ern bei RTL versucht haben, US-Sitcoms 1:1 zu adaptieren. Das ist ja komplett in die Hose gegangen. Für mich eine ganz schlimme Erinnerung, über die man sich heute natürlich kaputt lachen kann. Eine sorgfältige Adaption ist mehr als eine einfache Übersetzung. Da muss man tiefer gehen. Wir haben uns aktuell für einen Stoff die Adaptionsrechte gesichert und würden daraus gerne eine Reihe machen, aber ansonsten bin ich ein Freund von originären Geschichten. Fiction ist mehr als die Non-Fiction ein lokales Genre. Ich will lieber neue Geschichten.

Einerseits reden wir seit Jahren jetzt schon davon, wie die Serie zur neuen Königsdisziplin geworden ist und das Golden Age of Television verantwortet. Jetzt sehen wir aber auch: Reality TV ist so populär wie lange nicht. Ist das die Gegenreaktion auf Highend-Fiction?

Mit dem enormen Erfolg der Reality-Formate der vergangenen Jahre, denken wir an „Bachelor“ bzw. „Bachelorette“, den Dschungel oder „Love Island“, das „Sommerhaus der Stars“ etc., hat dieses Genre die Fiction überholt, weil es oft die besseren Geschichten erzählt. Gleiches gilt auch für die Hartz-IV-Themen von RTL II, wo Realität abgebildet wird. Das ist nicht meine Meinung, sondern einfach eine Betrachtung der Zahlen bei den großen Privatsendern: Das Publikum will mehr Realität als Fiction sehen. Um in dieser Situation noch durchzudringen mit einer Serie, darf man diese nicht produzieren wie in den 1990ern.

Wie meinen Sie das?

Viele der zuletzt gesehenen Serien, insbesondere bei den Privaten, wirkten wie aus den 1990ern. Der reine Eskapismus nutzt nix. Wenn Du Serie machst, braucht es auch im Seichten ein Senkblei und das ist für mich die Relevanz. Zum Beispiel „Der Lehrer“, meine allerletzte Produktion damals bei Sony, die dann später von den Kolleginnen und Kollegen wunderbar in eine Drama-Serie verwandelt wurde. „Der Lehrer“ nimmt sich Geschichten mit Relevanz an: Gender, Drogen, Mobbing. Da hat der Eskapismus einen Unterbau. Ohne den bist du heute irrelevant und dafür ist der Wettbewerb zu hart um es nochmal mit seichter 1990er-Jahre-Unterhaltung zu probieren.

"Wir produzieren jetzt zwar so viel wie noch nie, aber merken gleichzeitig, dass wir mehr für die Nachwuchsarbeit tun müssen, weil die Talente knapp werden, vor und hinter der Kamera."

Aber immer dieses Gerede von Relevanz und der Nähe zum Publikum. Muss man sich wirklich ranschmeißen? Braucht es einen sozialkritischen Unterbau? Oder kann es nicht einfach mal eine gute Story sein? „Breaking Bad“ war eigentlich absurd und funktionierte.

In den USA ist jeder Entertainer. Die haben das Entertainment-Gen in sich, von der Kassiererin über die Bedienung bis hin zu was weiß ich. Deutschland ist das Land der Grübler. Wir lassen uns auch mal gerne unterhalten, aber haben ein schlechtes Gewissen, wenn wir zu viel Spaß haben und brauchen dann gleich wieder Schwere, um unseren „Makel“ auszugleichen. Das hat sich leider immer noch nicht geändert. Ebenso wenig haben wir die Unmenge an Talent, auf die der US-Markt zurückgreifen kann. Wir produzieren jetzt zwar so viel wie noch nie, aber merken gleichzeitig, dass wir mehr für die Nachwuchsarbeit tun müssen, weil die Talente knapp werden, vor und hinter der Kamera.

Nochmal zurück zum Reality-TV. Warum gerade jetzt dieser Boom? Was ist anders als beim ersten Mal, als diese Format en vogue waren?

Es gibt dafür eine ganz einfache Erklärung: Wir leben im Zeitalter von Social Media und insbesondere Instagram. Eine neue Generation entdeckt das Genre für sich und es ist eine Generation, die geprägt ist von einem sehr ausgeprägten Sinn für Selbstdarstellung. Dass jeder an seinem Smartphone hängt, ist eigentlich kein neues Phänomen, aber früher hat man ja noch miteinander kommuniziert - mit seinen Freunden, Kollegen oder Familie. Heute werden pausenlos Selbstdarstellungen ins Netz gestellt, die irgendjemandem gefallen sollen. Wer liked, ist egal geworden. Es geht mehr denn je um die Zahl der Follower. Und das sind Menschen, die unsere Zuschauer sind, aber noch viel wichtiger: Die bei solchen Formaten auch unsere Protagonisten sind.

Das Casting erledigt sich also von selbst?

(lacht) Nicht ganz. Aber im ersten Jahr von „Love Island“ haben wir noch ganz klassisch gecastet, sind in Clubs gegangen und haben Leute auf der Straße angesprochen. Wir waren sogar auf Ibiza und haben dort nach Leuten gesucht. Was für ein Quatsch! Du musst ja nur auf Instagram gehen! Und da sage ich: Liebe Fernsehkollegen, macht Euch keine Sorgen. Eine mehrwöchige Fernsehpräsenz reizt unglaublich viele der erfolgreichen Instagramer, weil Fernsehen eben doch immer noch eine enorme und andere Reichweite erzielt. Und nicht nur bei den Protagonisten profitieren wir von der Generation Instagram: Sie ist auch unsere Zielgruppe. „Love Island“ hatte 22 Millionen Abrufe bei TVNOW. In diesem Jahr geht’s dann gleich vier Wochen auf die Liebesinsel.

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