Michel Friedman © Welt
Michel Friedman im DWDL.de-Interview

"Man muss nicht mutig sein, um zu mir zu kommen"

 

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Aber egal, ob informiert oder nicht: Sie alle dürfen wählen gehen und bestimmen auf diese Weise mit, in welche Richtung sich das Land bewegt.

Wir erleben seit 20 Jahren eine Entpolitisierung der Gesellschaft. Das hatte sehr viel mit Wohlstand und einer Ich-Bezogenheit einer ganzen Generation und ihrer Eltern zu tun. Ich glaube, dass die jetzige junge Generation mit einem Bewusstsein von Konflikten aufwächst, die dieses Wohlstandsgefühl mindestens irritiert, wenn nicht aufhebt. Wir spüren, dass es mehr Kriege gibt, dass Freiheitsrechte eben nicht selbstverständlich sind. Wir erleben Menschen, die flüchten, weil in ihren Ländern Gewalt und Verfolgung Alltag sind oder weil sie verhungern. Indem diese Menschen zu uns kommen, erleben wir, was Leben auch sein kann. Gleichzeitig merken wir durch die Umweltfrage, dass Handlungen schneller und konsequenter notwendig werden. Mit anderen Worten, wir werden gezwungen, uns mehr mit Politik auseinanderzusetzen, weil uns die Ergebnisse näherkommen. Ich halte das für wunderbar und gut, aber vielen macht das Angst. Und sind wir doch mal ehrlich: Die Frage von Rassismus, Judenhass oder autoritären Politikentwürfen hat es schon immer gegeben.

In der öffentlichen Debatte hat man solche Themen lange Zeit kaum wahrgenommen.

Die Frage ist, warum es viele nicht wahrgenommen haben. Man kann es sich auch gemütlich machen. Wer sich aber zurücklehnt und sagt, Politik ist doof, macht es anderen Gruppen leicht, der Demokratie mit einem sehr zerstörerischen Konzept zu begegnen. Wir werden uns auseinandersetzen, streiten müssen. Im Büro, in der Familie, im Fernsehen, auf dem Fußballplatz, in der Bundesliga, in der ersten und zweiten Liga, wo gegnerische Mannschaften, Schiedsrichter rassistisch beschimpft werden, ohne dass die anwesenden Zuschauer in der Regel darauf reagieren. Die Gesellschaft muss wieder mehr streiten und das, ohne gleich "Muskelkater" zu haben. Wenn wir mit unserer Sendung ein bisschen Lust auf Politik machen, dann freue ich mich.

Ist es ein Problem, dass Streit in Deutschland oft eher negativ konnotiert ist?

Debatte, Streit und der Versuch des Argumentierens sind bei uns, auch im Fernsehen, noch immer Elemente, die eher abgewehrt werden. Aber der Dissens und das Diskutieren darüber sind die Grundvoraussetzung von Aufklärung und Fortschritt.

"Die Gesellschaft muss wieder mehr streiten und das, ohne gleich 'Muskelkater' zu haben."

Worauf führen Sie diese Abwehrhaltung zurück?

Ich glaube, dass das noch eine der Spuren der zweiten Schuld nach dem Holocaust ist. Nach dem Holocaust galt die Überschrift: Schweigen. Das bedeutete, dass bei Kindern derjenigen, die im Dritten Reich mindestens blind und taub waren, zuhause nicht viel diskutiert wurde. Politik war Tabu, denn Politik war vermintes Gebiet. Daraus ist eine Debattenkultur entstanden, die verklemmt, und oberflächlich war. Spuren davon sind bis heute sichtbar – auch was Nähe zu anderen Menschen angeht.

Sie kamen Ihren Gästen stets nahe. In Ihrer früheren ARD-Talkshow standen die Stühle so, dass sie beinahe aufeinandersaßen.

Es fällt schwerer, irgendwelche "Geschichten" zu erzählen, wenn man sich in die Augen schaut. Körperliche Reaktionen sind auch eine Sprache. Ich neige dazu, nach wie vor, auch in meinen jetzigen Sendungen, meinen Gästen nahe zu sein. denn gerade ein politischer Repräsentant sollte nicht sagen: Ich will nicht mehr. Diese Nähe und den Druck muss er aushalten. Intensives Streiten ist unverzichtbar, umso mehr mit Berufspolitikern die über das Leben von Millionen Menschen entscheiden und die Pflicht haben, sich öffentlich zu begründen.

Studio Friedman

"Studio Friedman" ist der wöchentliche Talk beim Sender Welt

Gleichzeitig erleben wir es allerdings, dass AfD-Politiker Interviews abbrechen oder sich gar nicht erst den Fragen stellen wollen.

Unser Beruf ist es trotzdem, sie immer wieder mit unseren Fragen zu konfrontieren. Politiker, die ein sehr autoritäres Weltbild haben, mögen das nicht. Aber in der Demokratie müssen sie es einfach aushalten. Letztlich ist das sich Entziehen vor journalistischen Fragen ein Offenbarungseid. Für mich war es immer ein nicht gewünschter Effekt, wenn ein Gast wegging. Aber wenn Herr Höcke geht, dann geht er eben.

Gerade die "Bild"-Zeitung hat in den vergangenen Jahren immer wieder Hass geschürt. Eine Zeitung also, die in jenem Verlag erscheint, zu dem auch der Sender gehört, auf dem Sie regelmäßig zu sehen sind.

"Bild" ist ein Boulevardblatt. Boulevard überspitzt und personifiziert. Es gab einige Überschriften, Kommentare und Artikel, die ich nicht teile. Aber ich würde der "Bild"-Zeitung nicht zuordnen, wie Sie es tun, dass sie eine Zeitung ist, die Hass verbreitet. Das würde bedeuten, dass diese Emotion kampagnenhaft von der Chefredaktion über einen langen Zeitraum bewusst transportiert wird. Wenn ich zum Beispiel sehe, dass sich dieselbe Zeitung wie keine andere in Deutschland gegen Judenhass und damit auch gegen die AfD stellt, dann sieht man, dass die Bild womöglich viel pluraler ist, als das, was Sie beschreiben. Davon abgesehen sind wir WELT und unser Sender versteht sich als aufgeschlossener, liberaler und weltoffener Sender. Mit diesem muss ich mich identifizieren. Das kann ich zu einhundert Prozent.

Hin und wieder verlassen Sie für Ihre Sendung "Friedman schaut hin" das Studio. Warum ist Ihnen das wichtig?

"Friedman schaut hin" empfinde ich als großes Geschenk. Die Reportage ist eines der schwersten journalistischen Formate. Weil wir im Sender finanziell nicht so opulent ausgestattet sind wie große öffentlich-rechtliche Kanäle, müssen wir uns immer wieder aufs Neue die Frage stellen, wie man mit einem Minimalbudget den Anspruch einer Reportage erfüllen und ihr eine eigene Melodie geben kann. Seit einigen Jahren gehen wir daher auch an Orte, an denen man mich vermutlich nicht erwarten würde – wir waren sehr früh in Flüchtlingsheimen oder auch auf dem Christopher Street Day unterwegs, haben aber auch Sendungen zu veganem Essen oder Wrestling gemacht. Ich wünsche mir, dass wir das noch lange und vielleicht ein bisschen häufiger machen können.

Worum geht es in der nächsten Ausgabe?

Für unsere neue Folge haben wir am vergangenen Freitag die Demonstration der Umweltaktivisten in Berlin begleitet. Da ist eine große Vielfalt an Menschen zusammengekommen, die wir danach befragt haben, was sie bewegt und ob man sich auf sie verlassen kann – ob es also nachhaltig ist, was sie tun oder ob es sich doch bloß um eine Momentaufnahme handelt. Man kann sich nur wünschen, dass sich diese jungen Menschen bewusst darüber sind, dass sie einen langen Weg gehen müssen.

Friedman schaut hin

Michel Friedman talkt nicht nur im Studio, sondern geht mit "Friedman schaut hin" auch raus.

Herr Friedman, wenn wir noch einmal auf die Anfänge Ihrer Zeit bei N24 zurückblicken, also auf das Jahr 2004, dann gehe ich recht in der Annahme, dass diese Sendung keineswegs in Ihrer Lebensplanung vorgesehen war. Inwiefern sind Sie auch heute noch dankbar dafür, diese Chance erhalten zu haben?

(überlegt) Vieles in meinem Leben war nicht in meiner Lebensplanung, 2003 bestimmt nicht. Ich habe damals einen großen Fehler gemacht. Danach hatte ich bei minus eins neu anzufangen und wusste, dass ich durch Vertrauen, Arbeit, Leistung und das Erfüllen dieses Anspruchs meine Glaubwürdigkeit und Kompetenz neu beweisen muss. (lange Pause) Es war eine große Herausforderung für die Verantwortlichen, mir diese Sendung anzuvertrauen und ich bin Torsten Rossmann und Peter Limbourg für ihr Vertrauen und das starke Team, dass sie mir zur Seite gestellt haben, sehr dankbar. Ich weiß die Zusammenarbeit sehr zu schätzen und hoffe, das Vertrauen in diesen Jahren nicht enttäuscht zu haben. Rückblickend war N24 das Beste, was mir in meinem beruflichen Leben passieren konnte. Wenn ich im Jahr 2019 mit Ihnen rede, dann ist es die beste Zeit meines beruflichen Lebens. Und auch die authentischste.

Sie sind mehr denn je beschäftigt, moderieren auch für die Deutsche Welle und sind immer diskussionsfreudig. Woher nehmen Sie diese Energie?

Dass ich mit meinen Berufen, ob als Journalist, Publizist oder Hochschullehrer, Flagge für eine offene, tolerante Gesellschaft zeige, ist für mich unverzichtbar, weil dieser Oskar Schindler in mir dauernd sagt: Es stimmt nicht, dass der Einzelne nichts tun und verändern kann. Jeder kann etwas tun! Und ich kann einfach nicht anders, weil ich den Beweis dieser Aussage existenziell erfahren habe, was passieren kann, wenn man etwas tut. Meine Eltern und meine Großmutter haben dank des Handelns von Oskar Schindler den Holocaust überlebt. Und deswegen lebe auch ich. Dieser Antrieb, der mich manchmal auch extrem anstrengt und wo ich mich manchmal frage, warum tust du das, ist mit dieser Erfahrung beantwortet.

Herr Friedman, vielen Dank für das Gespräch.

Welt zeigt heute (Do, 26.9.) um 17:15 Uhr die Reportage "Friedman schaut hin: Der Kampf ums Klima", im Anschluss steht die Sendung zum Abruf bereit.

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