Ingmar Stadelmann © rbb
DWDL.de-Gespräch

Stadelmann: "Im Zweifelsfall wird der Redakteur arbeitslos"

 

Er soll die "Abendshow" im RBB retten: Comedian Ingmar Stadelmann, der bereits mit der Comedy-News "CN: N" ausgetestet hat, wie weit er mit satirischen Nachrichten gehen kann. Im Gespräch mit DWDL.de verrät er seine Ziele für seinen Einsatz im Dritten Programm.

von Kevin Hennings
14.10.2019 - 16:48 Uhr

Herr Stadelmann, der anfängliche Start vor Ihrer Zeit der "Abendshow" mochte nicht so recht funktionieren – gerade mal 200.000 Zuschauer schalteten zuletzt ein. Welche Ziele werden haben Sie sich für den Neustart avisiert?

"Hat nicht so recht funktioniert" ist eine nette Formulierung. (lacht) Tatsächlich habe ich keine wirkliche Quotenvorgabe und es wurden auch keine Zahlen diskutiert. In erster Linie haben wir uns darüber unterhalten, wie wir die Sendung ändern möchten und warum ich sie jetzt moderiere. Das ist erst einmal deutlich wichtiger, bevor wir uns ein Quotenziel vornehmen können. Es soll ja keine schlichte Fortsetzung werden, in der ich den Notnagel spiele, sondern im besten Fall eine neu definierte Show, die weiter ins Satire und Comedy-Terrain verlagert wird. 

Womit waren Sie im Vorgängermodell am wenigsten d'accord?

Ich bin jetzt kein großer Freund davon, hinterher den Schlaubi-Schlumpf zu spielen. Wenn mir daran irgendetwas nicht gefallen hat, dann, dass ich gar nicht sagen kann, was mir nicht gefallen hat – weil ich es gar nicht gesehen oder wahrgenommen habe. Das bedeutet, dass ich auf jeden Fall versuchen werde, die Relevanz der "Abendshow" zu erhöhen. Das ist sicherlich eine der größten Herausforderungen, die wir haben. Ansonsten ist das Format grundsätzlich gut aufgestellt. 

Die Sendung soll nun "stärker als Comedy- und Satireformat aus Berlin wahrgenommen" werden. Warum ist das wichtig?

Warum das wichtig ist? Für wen ist es wichtig, ist die Frage – und brauchen wir so eine Show jetzt auch noch? (lacht) Ich glaube, dass der Blick aus Berlin viel Satirisches bietet. Die Berliner Sicht auf Dinge ist speziell, das kann niemand abstreiten. Ich möchte versuchen, die Show zu öffnen, also eben nicht nur in der Berliner Blase schwimmen. Ich bin mir außerdem sicher, dass ich in der Show über Berliner Dinge sprechen kann und sie dennoch von Magdeburgern oder Kölnern verstanden werden. Mir geht es auf jeden Fall darum, eine Sendung auf die Beine zu stellen, die wie Berlin aussieht und schmeckt und die für das gesamte Land spannend ist.

Und Sie sind die richtige Wahl dafür, satirisch aus der Hauptstadt zu berichten? 

Natürlich würde ich immer behaupten, dass ich die richtige Wahl bin. Dieser Größenwahnsinn ist uns Künstlern glücklicherweise gegeben. Ob das wirklich so ist und ob der Sender überhaupt die richtige Wahl für mich darstellt, werden wir jetzt erfahren können. Das Fundament sieht erst einmal gut aus: Das Team ist auf einer Wellenlänge und hat schnell einen gemeinsamen Konsens gefunden. Das ist auch nicht immer selbstverständlich. Wir werden uns jedoch nicht in den ersten drei Sendungen komplett alle gefunden haben bzw. uns direkt in die Situation eingewöhnt haben. Das ist ein Prozess, der etwas länger dauert. Im besten Fall zeigen wir dieses Jahr auf, in welche Richtung es geht und greifen im nächsten Jahr mit einer gewissen Sicherheit richtig an. Klar ist: Wir werden uns erst einmal austesten, um genau sehen zu, was für uns alle cool ist. Ich hoffe, die Zuschauer und die Intendantin haben ein wenig Geduld und sind genau so neugierig wie ich. (lacht).

Vorher gab es mit Britta Steffenhagen und Marco Seiffert ein Moderations-Duo. Seiffert ist komplett raus, während Steffenhagen weiterhin hinter und in Beiträgen auch vor der Kamera zu sehen ist. Wieso war ein festes Moderations-Duo mit ihr kein Thema?

Diese Überlegung, wenn es sie gegeben haben sollte, wurde nie an mich herangetragen. Das wäre für mich aber auch nicht die Basis der Zusammenarbeit gewesen, wäre dieser Anspruch an mich gestellt worden. Ich hatte Lust auf dieses Projekt, weil die "Abendshow" in einem neuen Gewand auf mich zugeschnitten werden soll. Damit einher gehen ja nicht nur inhaltliche Veränderungen, sondern auch am Studio und Moderationspositionen musste neu gebastelt werden. Aber keine Angst: Durch Einspieler und andere Ideen werden ebenfalls andere Gesichter zu sehen sein. Auch Sidekicks könnte ich mir vorstellen – da sind wir derzeit aber noch in der Findungsphase. Am Ende will ich so eine öffentlich-rechtlicher Zirkusdirektor sein mit einem Ensemble aus geilen Leuten. 

"Was ich auf jeden Fall nicht gebrauchen kann: dreiwöchige Redaktionsmeetings, nur weil mal etwas kontroverses in der Show passiert."

In der Beschreibung heißt es, dass Sie "über alles lachen und alles nachdenken" wollen. Inwiefern ist es im Öffentlich-Rechtlichen möglich, über wirklich alles Witze zu machen?

Schöne Suggestivfrage! Ich habe da schon alles erlebt. Beim Radiosender Fritz habe ich ein Call-in-Sendung, bei der mir wirklich viele Freiheiten gelassen werden. Das gibt mir diese gewisse Ruhe auch bei provokanten Beiträgen (lacht). Das wünsche ich mir natürlich auch für die "Abendshow" und ich hätte nicht zugesagt, wäre mir nicht das Gefühl gegeben worden, dass dem auch so sei. Wir sind klipp und klar ins Gespräch gegangen und haben genau diesen Punkt ausdiskutiert. Was ich auf jeden Fall nicht gebrauchen kann: dreiwöchige Redaktionsmeetings, nur weil mal etwas kontroverses in der Show passiert. Ich weiß aber natürlich, auf was diese Frage anspielt und bei manch einer Sendeanstalt mag es da zu Problemen kommen. Das liegt jedoch auch daran, dass dann meist die Redakteure ihr Veto einlegen  – weil sie aber auch ihren Kopf in die Schlinge legen müssen. Im Zweifelsfall wird nämlich nicht der Comedian arbeitslos, sondern der Redakteur. Mein Eindruck ist aber, dass sich beim rbb derzeit viel bewegt und das Bewusstsein dafür erwacht ist, eingerostete Muster aufbrechen zu müssen. Sollte ich mich irren und in einem Jahr arbeitslos sein, sprechen wir noch einmal (lacht).

Anfang des Monats gab es einen antisemitischen Anschlag in Halle. Würden Sie solch ein Thema auch humoristisch verarbeiten?

Das hatte mich tatsächlich extrem beschäftigt, weil wir im ursprünglichen Plan am nächsten Tag die erste Sendung gehabt hätten. Nun starten wir am 24. Oktober. Hätten wir diesen rechtsextremen Anschlag in der ersten Folge direkt aufgreifen müssen, wäre das wahrscheinlich schwierig gewesen. Aber jetzt, wo klar ist, dass laut Horst Seehofer die Gamer-Szene schuld hat, hätte ich da durchaus Potential für Satirisches gefunden. Es gibt bei solchen Sachen eh nur zwei Varianten: Entweder macht man das wie Joko & Klaas, die kurzfristig ihre Show absagen, weil ihnen gerade nicht nach Blödsinn ist. Oder man versucht die Reaktionen auf den Anschlag in satirischer Form zu verarbeiten. Da wir uns so etwas ja vornehmen, hätte man möglicherweise einen Zugang gefunden. Eine normale Sendung wäre es in keinem Fall geworden. Sagen wir so: Ich bin ganz glücklich, dass wir jetzt erst starten. 

Die Satire-Formate häufen sich – wie kann die "Abendshow" da überhaupt auf sich aufmerksam machen? Der Inhalt kann noch so gut sein, wenn er aber nicht gesehen wird…

Da gibt es mehrere Baustellen. Zunächst müssen wir etwas anbieten, das Relevanz hat, richtig. Dann kommen wir zu all den Social-Media-Möglichkeiten, die meiner Meinung nach noch nicht so genutzt werden, wie es der Fall sein könnte. In der Hinsicht ist vor allem die "heute-show" ein großes Vorbild, die hervorragend zeigt, wie man mit seinen Zuschauern interagieren kann. Daran könnte man sich schon mal orientieren. Das Rad muss nämlich nicht neu erfunden werden, wenn es bereits rund ist. 

"Der Deutsche hat schon alleine deswegen Humor, weil es keine lustigere Diskussion gibt, als die deutsche Humorkontroverse."

Wie rund ist das Rad noch bei "CC:N", Ihrer News Comedy bei Comedy Central. Rollt es weiter?

Das steht derzeit noch in den Sternen. Comedy Central hat mir in den letzten drei Jahren eine sehr entspannte Heimat geliefert, wofür ich dem Sender unfassbar dankbar bin. Vor allem, nachdem ich zusammen mit Lena Gercke "Deutschland tanzt" bei ProSieben versenkt habe. (lacht) Das hat mir offensichtlich mehr geschadet als ihr – und das, obwohl es ihre Show war! Da habe ich dann aber auch einfach gemerkt, dass solch ein Format nicht meins ist. Deswegen hat mich die Zeit danach bei Comedy Central wieder frei atmen lassen und extrem Spaß gemacht: Kein Quotendruck und sicher auch weniger Budget, dafür kreative Freiheit und eine tolle Zusammenarbeit. Wie die Zukunft dort jetzt genau aussieht, kann ich zwar noch nicht sagen – dass wir aber nie wieder etwas zusammen machen werden, würde ich nicht behaupten. 

Und wie sieht die Zukunft des deutschen Humors aus?

Hoffentlich so, dass wir solche Fragen nicht ständig diskutieren müssen. Der Deutsche hat schon alleine deswegen Humor, weil es keine lustigere Diskussion gibt, als die deutsche Humorkontroverse. Ich liebe ja diese "Experten", die das neueste Bill-Burr-Special auf Netflix mit ihrem letzten Open-Stage-Erlebnis in Paderborn vergleichen und dann feststellen: Die Deutschen können es einfach nicht! Ernsthaft: Ich denke, wir sind auf einem guten Weg. Wenn ich heute spontan neue Lines testen möchte, kann ich das in Berlin jeden Abend bei irgendeinem Open Mic machen. Das gab es so vor wenigen Jahren noch nicht. Wenn mich etwas an der deutschen Comedylandschaft nervt, dann, dass zum Beispiel ein Comedian wie Kay Ray nach über 20 Jahren Bühne und Genialität immer noch keine anständige Aufmerksamkeit in der Fernsehlandschaft bekommt, oder gar eine eigene Show. Das erscheint mir absurd. Aber wer bin ich schon? 

Herr Stadelmann, vielen Dank für das Gespräch. 

Die neuen Folgen der RBB-"Abendshow" sind ab Donnerstag wöchentlich um 20:15 Uhr zu sehen. 

Über den Autor

Der Gerade-noch-Volo-nun-Jung-Redakteur Kevin Hennings ist seit 2016 bei DWDL.de. Neben seiner Liebe zur Serienwelt, die er oft in Form von Kritiken und Kommentaren zeigt, hegt er eine intensive Leidenschaft für Stand-Up-Comedy und Podcasts.

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