Jan Berger, Autor © Martin Walz
DWDL.de-Gespräch zu "Wir sind die Welle"

Jan Berger zur "Welle": "Reicht friedliches Demonstrieren?"

 

"Die Welle" kam vor über elf Jahren in die Kinos. Jan Berger, Head-Autor der neuen Netflix-Serie "Wir sind die Welle", verrät im Gespräch, warum es heutzutage einen anderen Ansatz braucht und wie schnell die Produktion von den Nachrichten eingeholt wurde.

von Kevin Hennings
31.10.2019 - 16:05 Uhr

Herr Berger, der Jugendklassiker "Die Welle" hat Ihre Netflix-Serie "frei inspiriert", heißt es. Was bedeutet das genau?

Unser Vorbild war eher der Kinofilm als das Buch, wobei sich schnell herausgestellt hat, dass ein bloßes Remake des Films nicht funktionieren würde. Dennis Gansels und Peter Thorwarts Film hat eine solche Wucht, die man in einer Serie nie erreichen würde, wenn man das Ganze einfach auf sechs Folgen ausdehnen würde. Dazu hatte Netflix sich gewünscht, die Figur des Lehrers wegzulassen, und sich auf die Perspektive der Teenager zu konzentrieren, was uns bei unserer Neuausrichtung sehr entgegenkam.

Und in welche Richtung ging es dann?

Wir wollten den Geist des Films beibehalten und Jugendliche ins Zentrum rücken, die zu etwas Neuem aufbrechen und dabei ein Zusammengehöhrigkeitsgefühl entwickeln, mit dem sie die Welt verändern möchten. 

Auch wenn der Geist beibehalten werden sollte, klingt das nicht nach der gleichen Intention.

Wir waren der Meinung, dass es in Deutschland bereits genügend Filme gibt, die sich mit dem Thema Faschismus beschäftigen. Im Film und im Buch wird gezeigt, wie leicht man Menschen zum Rechtsextremismus verführen kann und welchen Zwang eine Gruppe auf ihre Mitglieder ausüben kann. Wir wollten dagegen das Positive am politischen Engagement hervorheben und zeigen, was Leute gemeinsam erreichen können, wenn sie sich erstmal aufraffen, um gemeinsam gegen Ungerechtigkeit und Missstände zu kämpfen. 'Unsere' Welle ist demnach eine optimistische Alternative zum Film und geht politisch in die entgegengesetzte Richtung.

Es gibt in der Welt also zu viel Pessimismus, sodass Filme wie "Die Welle" schon gar nicht mehr aufwecken?

Wir fühlen uns, glaube ich, alle ziemlich ohnmächtig angesichts der täglichen Nachrichten, und jeder stellt sich die Frage, was er oder sie dagegen tun kann. Und wenn man sich zum Widerstand entschließt, wie weit darf man dann gehen? Reicht friedliches Demonstrieren? Wann überschreitet man die Grenze und welche Konsequenzen hat das für einen? Das sind die Fragen, die uns interessiert haben. Insofern spielen wir in der Serie auch eine Art Gedankenexperiment durch, nur eben ein anderes als in der Vorlage. 

Wie wichtig ist es aus gesellschaftlichen Gründen, dass die Serie nun veröffentlicht wird?

Als wir angefangen haben, die Drehbücher zu schreiben, gab es noch keine "Friday for Future"-Demonstrationen. Als wir also gerade dabei waren, zu überlegen, wie die Jugendlichen unserer heutigen Zeit rebellieren könnten, wurden wir gewissermaßen von den Nachrichten eingeholt und fühlten uns dadurch in der Arbeit bestätigt. 

Was ist das wichtigere Ziel bei solch einer Serie: zu unterhalten oder zum Nachdenken anzuregen?

Das sollte nicht getrennt werden, beides ist gleich wichtig. Ich mag es nur nicht, wenn es in die pädagogische oder didaktische Richtung einschlägt und dem Zuschauer eingetrichtert werden soll, was er jetzt zu denken hat. "Wir sind die Welle" bietet so viele unterschiedliche Charaktere, Perspektiven und Sichtweisen, dass der Zuschauer selbst entscheiden sollte, mit wem er sich identifiziert und welche Position er nachvollziehen kann - das eigene Urteil wollen wir niemandem abnehmen. Unterhalten muss das Ganze am Ende des Tages aber natürlich trotzdem.

"Die Welle" von 2008 war deutlich pädagogischer angehaucht und wurde dementsprechend in den Schulen des Landes gezeigt. Das könnte bei der Serie also schwieriger werden?

Ich bin mir nicht sicher, ob man heutzutage die Schüler im Unterricht Netflix-Serien gucken lässt, mein Sohn wäre auf jeden Fall dafür! Falls ja, bietet unsere Serie hoffentlich genug Diskussionsstoff. 

Wäre es eine gute Idee, dieses Experiment in der heutigen Zeit mit dem aktuellen Wissen noch einmal zu wiederholen? 

Wird es doch täglich! Guckt man sich Länder wie die USA, Brasilien, die Türkei und viele andere an, hat man das Gefühl, dass gerade überall Welle-Experimente im großen Stil stattfinden, mit einem populistischen Politiker in der Rolle des Lehrers und Millionen von Wählern als Schulklasse. Deswegen scheint mir Dennis Gansels Film auch so aktuell wie nie zuvor.

Sie schreiben sonst ausschließlich für den deutschen Markt. Was muss ein Autor eigentlich beachten, wenn er plötzlich für einen international Player wie Netflix formulieren muss?

Meine Mitautoren und ich haben jetzt nicht anders geschrieben als sonst, und es gab auch von Netflix keine Vorgaben in dieser Hinsicht. Wir haben versucht, unsere Geschichte auf die bestmögliche Weise zu erzählen, und ob "Wir sind die Welle" dann auch in anderen Ländern funktioniert, liegt in den Händen der Zuschauer.

Vielen Dank für das Gespräch.

Die erste Staffel von "Wir sind die Welle" steht ab Freitag bei Netflix zum Streaming bereit.

Über den Autor

Der Gerade-noch-Volo-nun-Jung-Redakteur Kevin Hennings ist seit 2016 bei DWDL.de. Neben seiner Liebe zur Serienwelt, die er oft in Form von Kritiken und Kommentaren zeigt, hegt er eine intensive Leidenschaft für Stand-Up-Comedy und Podcasts.

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