kabel-eins-Chef Marc Rasmus © ProSiebenSat.1
DWDL.de-Interview

Kabel-Eins-Chef Marc Rasmus: "Live ist kein Selbstzweck"

 

Eigenproduktionen gewinnen für die großen Fernsehsender an Wert, doch was bedeutet das für Kabel Eins? DWDL.de sprach mit Senderchef Marc Rasmus über die Positionierung, Live-Elemente in Factual-Formaten und den Ausflug in die Show-Welt.

von Alexander Krei
31.10.2019 - 08:20 Uhr

Herr Rasmus, Eigenproduktionen werden für Fernsehsender wichtiger, um sich von Streamingdiensten abzusetzen. Hat Kabel Eins mit seiner Ausrichtung, auf weniger Eigenproduktionen und Erstausstrahlung als andere Sender zu setzen, einen strukturellen Nachteil?

Eine sehr gute Frage, die ich überzeugt mit Nein beantworten kann. Kabel Eins ist mit seinen Eigenproduktionen sehr klar aufgestellt. Jede Eigenproduktion, die wir machen, zahlt in ein bestimmtes Zuschauerversprechen ein. Andere Sender, die ein breites Portfolio von Daytime-Reality bis hin zu großen Shows bedienen, müssen viel stärker in einzelne Genres hineinpowern, um Nachhaltigkeit zu erzeugen. Unsere klare Positionierung sehe ich daher als Vorteil.

Wie kann sich Kabel Eins in einem bewährten Umfeld neu erfinden?

Die Glaubwürdigkeit hat im Factual-Bereich in den vergangenen Jahren im TV generell etwas gelitten. Umso wichtiger ist es, dem Zuschauer diese Glaubwürdigkeit wieder zurückzugeben. Das geht beispielsweise, indem man Geschichten so erzählt, dass sie entwaffnend echt sind und der Zuschauer die Authentizität spürt. Hier spielen neben der Machart auch inhaltliche und zeitliche Nähe eine Rolle. 


Was meinen Sie damit konkret?

Wir zeigen momentan im Rahmen unseres Formats "Achtung Kontrolle" zum zweiten Mal über mehrere Wochen hinweg jeweils montags das, was am Wochenende passiert ist. Dafür werden unter anderen Polizisten und Rettungssanitäter im Einsatz begleitet. Das Material wird in der Nacht sehr roh zusammengeschnitten und unmittelbar gezeigt – in einer sichtbar anderen Erzählweise. Es wird nicht inszeniert, sondern nur abgebildet. Das ist sozusagen die Vorstufe von live, weil wir dem Zuschauer dadurch eine Unmittelbarkeit vermitteln können. 

Wie fielen die Reaktionen des Publikums aus?

Die Reaktionen in den sozialen Netzwerken waren durchaus positiv und in den Quotenverläufen haben wir eine sehr gute Entwicklung festgestellt. Daher werden wir weitere Folgen von "Achtung Kontrolle aktuell" in Auftrag geben. Mit "Bundespolizei Live" haben wir Neuland betreten. Live-Fernsehen besitzt eine besondere Kraft. Allerdings ist Live kein Selbstzweck – nur weil "live" auf einem Format steht, ist es nicht zwangsläufig besser. 

Wie ist die Idee entstanden? 

Ich habe vor eineinhalb Jahr auf der MIPCOM in Cannes die Kollegen von Spiegel TV getroffen und ihnen erzählt, dass ich davon träume, eine Grenzkontrolle der Bundespolizei live zu übertragen. Daraufhin haben sie erst einmal geschluckt, die Herausforderung schließlich aber angenommen. Im September haben wir dann tatsächlich mit "Bundespolizei Live" das erste Live-Factual-Event in Deutschland ausgestrahlt, zweieinhalb Stunden lang in der Primetime – ohne zu wissen, was passiert. Selbst für Menschen, die schon sehr lange Fernsehen machen, war das im Übertragungswagen ein besonderes Gefühl.

Sind Sie mit dem Ergebnis zufrieden? Allzu viel ist ja nicht passiert.

Ich bin stolz darauf, dass wir eine Sendung dieser Art umgesetzt haben. Dass da teilweise auch mal weniger passiert ist oder der Moderator dem Polizisten ins Wort fallen musste, hat den Reiz bei den Zuschauern ausgemacht. Die haben gespürt: Hier passiert etwas Wahrhaftiges und ich kann dabei sein. Bei Kabel Eins und Kabel Eins Doku, wo das Programm parallel zu sehen war, haben wir zusammen 6,5 Prozent Marktanteil erzielt. Auf unseren Social-Media-Plattformen erreichten wir über 250.000 Nutzer und sorgten für viel Gesprächsstoff. Bei Twitter lagen wir ganz vorne in den Trends, obwohl gleichzeitig Fußball und "Aktenzeichen XY" liefen.

Wird es weitergehen?

Die Resonanz von allen Seiten war sehr positiv. Und auch die Bundespolizei war sehr zufrieden mit dem Ergebnis. Daher sind wir aktuell im Gespräch über eine weitere Zusammenarbeit und gehen davon aus, dass es im nächsten Jahr ein weiteres Kapitel „Bundespolizei Live“ geben wird.

"Den Show-Versuch legen wir erst mal zu den Akten."
Marc Rasmus

In den USA ist "Live P.D." ein großes Thema. Nun ist eine Grenzkontrolle allerdings keine Verfolgungsjagd. Was ist dennoch perspektivisch noch möglich mit Blick auf den deutschen Markt? 

Die Rechtesituation in den USA ist schon erstaunlich anders und manches, was bei "Live P.D." gezeigt wird, schon grenzwertig. Dennoch kann einen das Format inspirieren. Wir werden aber definitiv keine Hobbyrichter auf Sendung schicken, die unverblümt ihre Urteile über mögliche Verdachtsmomente fällen, sondern werden unseren eigenen Weg finden.

Und die Lust auf Show ist Ihnen nach dem "Quiz mit Biss" wieder vergangen? 

(lacht) Wir alle wollen immer, dass im Fernsehen viel probiert wird, und wir werden zu Recht darauf hingewiesen, öfter mal mutig zu sein. Das waren wir, indem wir am Vorabend etwas gemacht haben, das es bei Kabel Eins lange nicht gab, nämlich ein Studio-Quiz. Der Zuschauer hat das Programm aber deutlich abgewählt. Die blutige Nase ist inzwischen getrocknet und abgewaschen. Den Show-Versuch legen wir dennoch erst mal zu den Akten.

Womit wollen Sie die Zuschauer stattdessen bis zum Jahresende überraschen?

Das Live-Gefühl, von dem wir gerade sprachen, wollen wir jetzt auch in unserer Doku-Reihe "Die Klinik" vermitteln. Nach der ersten Staffel begannen unsere Überlegungen, wie wir das Format noch intensiver erzählen können. Dabei entstand die Idee, eine Operation in Echtzeit zu zeigen. Das Uniklinikum Münster, das im Mittelpunkt der neuen Staffel steht, hat sich glücklicherweise dazu bereit erklärt, eng mit uns zusammen zu arbeiten. Im Anschluss an die Primetime-Folge am 7. November werden wir also zeigen, wie ein Patient, den wir zuvor in der Sendung begleitet haben, am offenen Herzen operiert wird. 

Das ist nichts für schwache Nerven, nehme ich an.

Ich habe bereits erste Bilder gesehen und kann Ihnen sagen: Definitiv nicht. Daher haben wir uns auch bewusst dazu entschieden, die OP erst nach 22 Uhr zu zeigen. Das hat nichts mit Jugendschutz zu tun, dennoch wollen wir den Zuschauern diese expliziten Bilder nicht kurz nach dem Abendessen zumuten. Wenn man dieses Programm sieht, verspürt man danach aber auch eine gewisse Dankbarkeit dafür, dass man solche Einblicke bekommen konnte. Und man wertschätzt danach sehr, welche immense Leistung von Chirurgen und OP-Teams erbracht wird.

Dass RTL auch eine Herz-OP angekündigt hat, stört Sie nicht?

Nein. Unsere Idee ist aus unserem Programm heraus entstanden – zu einem Zeitpunkt, als von den Plänen der Kollegen noch nichts bekannt war. 

Herr Rasmus, vielen Dank für das Gespräch.

Über den Autor

Alexander Krei ist seit 2009 Redakteur beim Medienmagazin DWDL.de. Liebt die große Fernsehshow ebenso wie das kleine Kammerspiel. Analysiert neue Formate und die Quoten am Morgen danach. Sport mag er am liebsten, wenn er in der Glotze läuft.

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