Jason Momoa © imago images / Starface
DWDL.de-Interview über das Apple Original "See"

"Lieber Nässe, Fell und Leder als jedes Superhelden-Latex"

 

Die Menschheit ist erblindet, hat die Zivilisation längst hinter sich gelasen. Über das außergewöhnliche Epos "See" sprachen wir in London mit den Hauptdarstellern Jason Momoa und Alfre Woodard sowie Produzent und Regisseur Francis Lawrence.

von Thomas Lückerath , London
01.11.2019 - 16:38 Uhr

Seite 1 von 2

Wenn Sie das Buch in den Händen halten und man liest, dass alle Charaktere der Serie blind sind und man blind spielen muss…

Alfre Woodard: Wissen Sie, wenn in dem Skript gestanden hätte, das meine Rolle einen deutschen Hintergrund hat, wäre mein erster Gedanken auch nicht: Oh, ich kann gar kein deutsch. Es ist dieser Teil der Arbeit einer Schauspielerin bzw. eines Schauspielers, den das Publikum idealerweise nicht zu spüren bekommt, weil es so natürlich wirkt: Es geht lange vor dem Dreh viel Arbeit dafür drauf, sich anzueignen, was immer für eine Rolle wichtig ist.



Jason Momoa: Ich suche als Schauspieler nach solchen Herausforderungen. Je außergewöhnlicher eine Rolle ist, desto mehr hat man, in das man eintauchen kann. Ich habe drei Seiten des Skripts gelesen, habe meinen Agenten angerufen und gesagt: Besorg mir die Rolle, bring mich in einen Raum mit Francis (Lawrence) und ich mach das klar. Es ist das beste Buch das je bei mir aufm Schreibtisch lag. Und mich hat auch die Herausforderung angezogen, einen blinden Charakter zu spielen.

Sie hatten einen Blindness Consultant bei dieser Produktion. Wie muss man sich die Vorbereitung vorstellen?

Francis Lawrence: Die Arbeit begann schon weit vor dem Casting unserer Charaktere in der frühen Entwicklungsphase von „See“ als wir in Think Tanks mit mehreren Blindness Consultants die Welt der Serie und die Geschichte erschaffen haben. Bevor unsere Schauspieler wissen müssen, wie sie spielen, brauchten wir ein Verständnis dafür, wie die Welt der erblindeten Menschheit gestaltet sein könnte. Als wir dann in die Produktionsphase gingen, kam Joe Strechay an Bord als unser hauptsächlicher Blindness Consultant. Er hat all unsere Teams beraten, also Kostümdesign, Produktionsdesign etc. und zusammen mit unserem Movement Director haben wir ein Bootcamp für unseren Cast veranstaltet, um zu verstehen wie man blind agiert und sich bewegt, damit das vor der Kamera glaubhaft und realistisch wirkt. Man könnte es mit dem Aufwand vergleichen, eine neue Sprache zu lernen. Die meiste Arbeit der Consultants fand daher vor dem eigentlichen Dreh statt.

Aber beim Dreh war er auch mit dabei?

Francis Lawrence: Joe Strechay war bei den Proben und Dreharbeiten mit am Set, um alle Fragen zu beantworten, die unser Cast bzw. unsere Crew hatten. Es gab aber auch proaktiv Verbesserungsvorschläge von ihm, aber da war der ganz große Teil seines Beitrags zu dieser Serie schon geleistet. Wir haben uns so intensiv auf diese Produktion vorbereitet wie ich es noch nie für ein Projekt gemacht habe. Wir wollten keine Staffel produzieren, wir wollten eine Welt erschaffen. Da muss man grundsätzlicher herangehen.

Alfre Woodard (Foto): Joe hat uns als erstes vermittelt wie man sich bewegt und orientiert, wenn man nicht sehen kann und das Schritt für Schritt. Wir haben gelernt, wie man sich mit Luft und Echo orientieren kann. Wie man bestimmen kann, ob noch jemand im Raum ist. Wie man die Umgebung mit dem Handrücken ertastet, weil es sicherer ist. Man greift nicht blind mit der offenen Hand nach Dingen.

Alfre Woodard

Francis Lawrence: Er hat auch einige falsche Annahmen korrigiert die wir hatten. Niemand muss das Gesicht seines Gegenüber abtasten um zu wissen, wer von einem steht. Das macht man nicht in der Blinden-Community. Dieses Face Brailing ist da eher verpönt.

Können Sie etwas über die Kampfszenen von „See“ sagen, die ja auch einen ganz eigenen Stil haben. Wie kommt man auf diese Choreographie, die Methodik wie sich die erblindete Menschheit bekämpfen würde?

Francis Lawrence: Auch damit haben wir uns sehr früh beschäftigt, weil das Thema natürlich genau Jasons Ding ist. Ich würde aber sagen, es ist sehr vom Judo inspiriert.

Jason Momoa: Genau dafür wurde ich doch angeheuert oder nicht? (lacht) Wenn man ein Skript liest, fliegen einem doch all diese Ideen zu, wie das wohl aussehen würde wenn man es visualisiert. Wie wäre es so, oder doch so? Also hatte ich bei unserem ersten Treffen schon Vorstellungen wie ein Kampfstil aussehen könnte. Und wie würden Drohgebärde und die Kampfansagen klingen? Alles neu denken zu können und mitarbeiten zu können daran, das war großartig.

Francis Lawrence: Und das haben wir dann mit ins Brainstorming mit unseren Consultants genommen. Zu überlegen, wie die blinde Menschheit kämpft, ist ja keine die nur das Schauspiel betrifft. Da spielt das Kostüm eine große Rolle. Die Ausstattung muss sich Gedanken machen um mögliche Waffen. Wir müssen wissen ob das, was wir uns ausdenken überhaupt realistisch ist für einen blinden Menschen. Die Methoden des Angriffs und der Verteidigung - auch das muss man ja neu denken. Die Theorie, die Grundlage der Serie zu schaffen, hat uns viele Monate beschäftigt. 

Jason Momoa: Ich habe irgendwann aufgehört zu zählen wie oft ich irgendjemand im Team gefragt habe, ob dies oder jenes machbar wäre.

Francis Lawrence: Die Zusammenarbeit aller Gewerke war enorm intensiv, weil wir bei allem prüfen mussten, ob es sich mit der Welt der erblindeten Menschheit verträgt. Egal ob Schauspiel, Design, Kulisse oder Geschichte. Wir haben uns diese Welt gemeinsam erarbeitet.

Wie nah ist das „See“, das sie jetzt gedreht haben, an der ursprünglichen Idee für die Serie dran?

Francis Lawrence (Foto): Wie es jetzt aussieht ist relativ nah an dem, was ich damals vorgestellt habe als wir mit der Idee zur Serie hausieren gegangen sind. Ich hatte damals ein Präsentation zusammengestellt, um eine Anmutung geben zu können. Dem sind wir mit der Serie am Ende sehr nahe gekommen. Die größte Lernkurve war sicher der Aspekt der Blindheit, ein Thema mit dem ich nicht sehr vertraut war vor dieser Produktion und durch die Gespräche haben sich in der Gestaltung von Details des Produktiondesign, in puncto Verhalten der Charaktere, der Navigation, dem Kampfstil etc. und damit letztlich auch der Geschichte Änderungen ergeben. Die aufregendste Erkenntnis für mich als Regisseur war: Ich kann ganz andere Regieanweisung geben, weil wir andere Bilder filmen.

Francis Lawrence

Was meinen Sie damit?

Francis Lawrence: Wenn sich unsere Charaktere unterhalten, gibt es ja keinen Blickkontakt. Das macht das konventionelle Prinzip von Schuss und Gegenschuss hinfällig. Kommunikation findet durch viel mehr Nähe statt, was wiederum andere Bilder und Blickwinkel ermöglicht. Das hatte ich im Vorfeld gar nicht so auf dem Schirm. Die Intimität der Kommunikation einzufangen, war spannend.

Wie übt man, eben nicht aus Versehen hinzuschauen oder durch Körpersprache zu verraten, dass man sieht was vor sich geht?

Alfre Woodard: Das erste was sie als Schauspielerin lernen ist die goldene Regel: Schau nie direkt in die Linse. Das verinnerlicht man so wie man seinen Finger nicht in die Steckdose steckt. Nicht in eine Richtung zu schauen, ist die einfachste Übung für einen Schauspieler oder eine Schauspielerin. Dieses nicht bewusste Hinblicken war beim Spielen dann sehr schnell sehr natürlich.

Jason Momoa: Das führt auch dazu, dass man die Performances der Kolleginnen und Kollegen zum ersten Mal sieht, wenn es ein Playback der Szene gibt oder man die fertige Folge sieht.

Teilen

Kommentarbereich anzeigen
Montags: Aktuelles aus dem Milliardengeschäft Sport - präsentiert von Eurosport zum Sports-Update Dienstags: Neuigkeiten aus der Fernseh- und Medienlandschaft Österreichs zum Austria-Update Mittwochs: Very british: Die News der Woche aus UK - präsentiert von ITV Studios Germany zum UK-Update Donnerstags: Die aktuellen Meldungen der Audio-Branche - präsentiert von Radio NRW. zum Audio-Update Freitags: Die wichtigsten Medien-Nachrichten aus den Vereinigten Staaten zum US-Update Samstags: Ulrike Klode schreibt, was sie in ihrer Serienwoche bewegt hat zu Meine Woche in Serie Sonntags: Fernsehkritiker Hans Hoff über Aufreger und Programmperlen zum Hoff zum Sonntag
Mit den Newslettern der DWDL.de-Redaktion sind Sie werktäglich bestens informiert. Für die Rundum-Versorgung abonnieren Sie einfach alle Angebote oder wählen den für Sie passenden Newsletter...
Name:
E-Mail:
Frage: 6 - 2 =

Ich möchte die folgenden Newsletter erhalten:
Sie können sich jederzeit wieder abmelden. Beachten Sie unsere Datenschutzerklärung.